Wasser und Hygiene

Notstand an Schulen in Ghana

Ghana gilt als Vorzeigeland in Afrika. Doch punkto Wasserversorgung und Hygiene hinkt der westafrikanische Staat hinterher. Besonders prekär ist die Lage im Nordosten des Landes, wo über 90 Prozent der Menschen ihre Notdurft im Freien verrichten müssen, ohne Möglichkeit zum Händewaschen. Auch öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Gesundheitszentren sind ungenügend eingerichtet.

Nothilfe :

Margaret, 16, wäscht ihr Mittagsgeschirr beim grossen Wassertank zusammen mit den anderen Mädchen ihrer Klasse. Aus allen Himmelsrichtungen strömen Hunderte von Schülerinnen und Schülern zur Wasserstelle. Sie besuchen die Awe Senior High Technical School in einer ländlichen Region im Nordosten Ghanas. An der Schule werden rund 1700 Jugendliche unterrichtet. Die meisten wohnen im Internat. Margaret ist Tagesschülerin und muss sich doppelt anstrengen. Der Sechzehnjährigen bleibt kaum Zeit zum Lernen. Als älteste Tochter muss sie ihrer Familie bei den täglichen Arbeiten besonders viel helfen. Wie in vielen Teilen Afrikas ist das Wassertragen auch in Ghana Aufgabe der Mädchen und Frauen. Direkt nach der Schule holt Margaret Wasser, das ihre Familie zum Trinken, Kochen, Waschen und Reinigen braucht. Sie läuft auf dem Trampelpfad zwischen Hirse- und Maisstauden und den Chili- und Erdnusskulturen zum Bohrloch der Dorfgemeinschaft. Dort pumpt sie Wasser in eine grosse Blechschüssel. Beim Hochheben der 25 kg schweren Last braucht sie Hilfe, doch dann balanciert sie die Wasserschüssel geschickt auf dem Kopf nach Hause. Es wird früh dunkel in den Tropen, deshalb ist Margret meist erst nach Einbruch der Nacht wieder zu Hause. Sie hilft der Mutter beim Kochen und passt auf ihre kleinen Brüder auf. Um zu lernen, scheut das willensstarke Mädchen keinen Aufwand. 

«Ich stehe um drei Uhr morgens auf, damit ich eine Stunde lernen kann.»

Eine Lampe spendet ihr Licht. Elektrizität gibt es in Margarets Dorf keine, doch ihr Vater hat eine Solarzelle auf dem Dach installiert. «Natürlich bin ich dann müde», gesteht sie, «aber Lernen ist mir wichtig». Ihr Traum Lehrerin zu werden und mit ihrem Wissen ihrer Gemeinschaft zu helfen, treibt das Mädchen an. Noch vor der Dämmerung läuft Margaret erneut zum Bohrloch, um Wasser zu holen. Damit sie rechtzeitig im Unterricht ist, steigt sie um fünf Uhr auf ihr Velo und fährt eine Stunde bis in die Schule. Frühstück isst sie keines, da ihre Familie wie viele Menschen in dieser Region mit dem Essen sorgsam haushalten muss. 

Schulen ohne genügend Wasser und Toiletten

An Margarets Schule stehen für rund zweitausend Menschen, die sich täglich auf dem Areal aufhalten, keine funktionierenden Toiletten zur Verfügung. Der einzige Toilettenbau aus den 1950er-Jahren mit je drei Löchern im Boden für die Mädchen und für die Knaben ist einsturzgefährdet, der Gestank unerträglich. Margaret und ihre Freundin, Patience, kichern und deuten in Richtung der Büsche: «Wir gehen dorthin, wenn wir uns erleichtern müssen.» Die anderen Schulkinder, Lehrpersonen und Küchenpersonal tun es ihnen gleich. Alle müssen ihr Geschäft im Freien verrichten. Eine Möglichkeit, sich danach die Hände mit Seife zu waschen, gibt es nicht. Das Risiko, sich mit lebensgefährlichen Bakterien und Viren zu infizieren, ist hoch. 

Auch die Wasserversorgung der Schule ist mangelhaft. Zwar fliesst derzeit noch reichlich Wasser aus dem Tank, der 3000 Liter fasst. Über ein Bohrloch wird Grundwasser aus zwanzig Metern Tiefe an die Oberfläche befördert. Doch in der Trockenzeit versiegt diese Quelle für über drei Monate. Die grüne Landschaft wird braun und karg. Dann muss die Schule ihr Wasser kaufen und dieses reicht nicht für alle und alles. Um sich und die Kleider zu waschen, müssen die Internatsschülerinnen und -schüler etwa 15 Minuten zu einem sumpfigen Teich marschieren.

Grosses Cholerarisiko 

In der offenen Schulküche brodelt das Mittagessen in grossen Töpfen über dem Feuer. Es riecht nach Rauch und einem traditionellen Reisgericht. Die unzähligen Fliegen, die sich ungehindert auf allen Nahrungsmitteln niederlassen, sind ein weiteres Hygieneproblem. Sie übertragen Krankheiten wie Cholera. Von den menschlichen Exkrementen fliegen sie direkt auf das fertig zubereitete Essen. “Deshalb besteht an dieser Schule ein riesiges Cholera-Risiko”, erklärt Princella Agesine, Krankenschwester beim Ghanaischen Roten Kreuz. “Wenn hier die Krankheit ausbrechen sollte, wären die Folgen für die Schülerinnen und Schüler fatal.”

In Zukunft besser geschützt 

Das Ghanaische Rote Kreuz verbessert nun schrittweise mit Unterstützung durch das Schweizerische Rote Kreuz in verschiedenen Distrikten an drei Schulen die sanitären Anlagen, den Zugang zu Trinkwasser und das Hygieneverhalten. Auch fünfzehn Gesundheitszentren sollen mit fliessendem Wasser und Toiletten ausgestattet werden. Die ausgewählten Gesundheitszentren werden von Frauen zum Gebären aufgesucht. Eine gute Hygiene ist darum besonders wichtig. Insgesamt wird sich das Rote Kreuz in 20 Gemeinden engagieren, um den Zugang zu Trinkwasser und Toiletten sicherzustellen. Zudem motiviert es die Menschen, konsequent die neuen Hygienemassnahmen beizubehalten.

Ein Besuch im Gesundheitszentrum in Manyoro zeigt wie schwierig der Zugang zu Wasser und Sanitäreinrichtungen im Norden Ghanas ist. Dieses Gesundheitszentrum wird von Frauen zum Gebären aufgesucht. Eine gute Hygiene ist darum besonders wichtig.

© SRK, Bernard van Dierendonck

«Die Dringlichkeit ist hoch», sagt Thomas Okollah-Oyugi, der Länderkoordinator des SRK in Ghana, als er vor dem Wassertank der Schule steht. Mit relativ wenig Aufwand könne an Margarets Schule die Wasserversorgung gesichert und die sanitären Anlagen aufgebaut werden, da bereits Bohrlöcher vorhanden seien. «Doch mit dem Bau der Infrastruktur allein ist es nicht getan», mahnt er. «Es braucht intensive Aufklärung, damit die sanitären Anlagen benutzt werden und sich das Hygieneverhalten der Menschen nachhaltig verändert.» 
Sein Blick schweift in die Ferne, als er sagt: «Das Rote Kreuz möchte mit gutem Beispiel vorangehen und die Schulen dieser Region im Hygienebereich weiterbringen.» Schülerinnen wie Margaret wären in Zukunft besser vor Krankheiten geschützt und in ihrem beschwerlichen Alltag ein wenig erleichtert.

Diese Reportage entstand vor der Corona-Pandemie.