Wiederaufbau auf den Philippinen

Bambushäuser der neuen Generation

Der stärkste Taifun der je gemessen wurde, hat den Ärmsten auf den Philippinen alles genommen. Wo das SRK tätig ist, bestätigen die Betroffenen drei Jahre später eine bessere Lebensqualität als zuvor. Dank Spendengelder aus der Schweiz baut das SRK stabilere Bambushäuser und sorgt für Trinkwasser, was von der Bevölkerung mehr als geschätzt wird.

Rosalito Bermejo, 45, baut an seiner Zukunft. Gemeinsam mit anderen Zimmermännern aus San Juan sägt und hämmert er am Gerüst eines Neubaus. Ein Bauexperte der philippinischen Regierung bildet die Arbeiter im Auftrag des SRK im sturmsicheren Bauen aus. Dank fester Verankerung im Boden und Verstärkungen an den Holzbalken soll das Gebäude künftigen Tropenstürmen standhalten.

Als am 8. November 2013 Taifun Haiyan mit bis zu 320 km/h über die Philippinen fegte, hinterliess er eine Spur der Zerstörung. Der stärkste je gemessene Taifun machte vier Millionen Menschen obdachlos. Über eine Million Häuser wurden zerstört oder beschädigt. Rosalito Bermejo erinnert sich an die bangen Stunden, als wäre es gestern gewesen: «Noch nie zuvor erlebten wir einen so schlimmen Sturm. Gemeinsam mit anderen Familien suchten wir in der Schule Zuflucht. Als wir zu unserem Haus zurückkehrten, fanden wir nur noch Trümmer vor.» Behelfsmässig baute er sich aus den Überresten eine Unterkunft auf. Um ein richtiges Haus zu bauen, fehlte dem Familienvater das Geld. Mit dem Einkommen aus seinen Gelegenheitsjobs als Schreiner konnte er seine sechsköpfige Familie nur knapp über die Runden bringen.

Drei Jahre lang hausten sie in der einfachen Hütte, direkt neben einem Reisfeld. Doch nun schöpfen sie wieder Hoffnung. Ihre Gemeinde wurde in die zweite Phase des Wiederaufbauprogrammes des SRK aufgenommen. Bereits rund 3‘000 Häuser hat das SRK seit dem Taifun Haiyan auf den Philippinen repariert und neu gebaut. Bis Ende 2017 werden es weitere 1400 Häuser sein. Das SRK hat sich beim Wiederaufbau auf drei Inseln konzentriert. Auf zwei von ihnen wurden Ende 2016 die Arbeiten abgeschlossen, nun folgt noch die letzte Bauphase im Distrikt Ormoc auf der Insel Leyte, wo die Zerstörung durch Haiyan am grössten war.

KURZ BEFRAGT
Kunhali Muttaje, SRK-Delegierte Philippinen

Nach welchen Kriterien hat sich das SRK für den gewählten Typ Haus entschieden?
Die SRK-Häuser entsprechen dem traditionellen philippinischen Häuserbau, sie haben jedoch ein stabiles Fundament aus Beton und solide Verstrebungen. Dadurch halten sie Taifunen künftig besser stand. Es ist wichtig, dass sich die Familien wohlfühlen und so leben können, wie sie es sich gewohnt sind. Die Wände aus Bambus sind auf den Philippinen sehr beliebt, da sie dank ihrer Durchlässigkeit eine gute Durchlüftung ermöglichen und gleichzeitig das Tageslicht genutzt werden kann. Traditionelle Baumaterialien sind zudem hier erhältlich und dadurch günstig. Die Hausbesitzer können zukünftige Reparaturen selber vornehmen.

Wieso verlangt das SRK, dass jeweils ein Familienmitglied beim Hausbau mithilft?
Die Familien sollen von Anfang an spüren, dass das neue Haus ihnen gehört und damit auch die Verantwortung bei ihnen liegt. Durch die Mithilfe beim Bau erlernt das Familienmitglied ein Grundwissen über einfache Handwerksarbeiten und kann somit bei zukünftigen kleineren Reparaturen am Haus selbst Hand anlegen.

Welche Aktivitäten sind im Bereich Katastrophenvorsorge vorgesehen?
Wir denken langfristig. Die Philippinen sind jährlich von 20 bis 35 Taifunen betroffen. Nebst dem stabilen Häuserbau ist es überlebenswichtig, dass die Menschen wissen, wie sie sich vor drohenden Katastrophen schützen können. Wir bereiten künftige Evakuierungen vor. Alle Menschen müssen wissen, wo ihre nächste Notunterkunft ist und was sie mitnehmen sollen. Gleichzeitig arbeiten wir auf Gemeinde- und Regierungsebene, um die Behörden fachlich und materiell in der Katastrophenvorsorge zu unterstützen.

Ein sicheres Dach über dem Kopf

So auch in San Juan, einem kleinen Dorf in den Hügeln der Insel, einige Kilometer von der Küste entfernt gelegen. Die Familie Bermejo ist die erste, welche dort ein neues Haus erhält. Es ist das Haus, an welchem Rosalito Bermejo und seine Kollegen ausgebildet werden. «Wir sind unendlich dankbar für die Hilfe des Roten Kreuzes. Nicht nur, dass wir bald wieder ein sicheres Zuhause haben. Dank der Ausbildung kann ich auch sonst beim Wiederaufbau helfen und erhalte damit ein geregeltes Einkommen. Endlich kann ich wieder richtig für meine Familie sorgen», sagt der vierfache Vater. Seiner Frau Toepy steigen bei diesen Worten die Tränen in die Augen. «Wir sind einfach nur glücklich. Das neue Haus ist grösser als das alte und wir erhalten sogar unsere eigene Latrine.»

Auch für Luna Malinao, 22, ist die eigene Latrine eine riesige Erleichterung. Die junge Mutter musste früher ihre Notdurft im nahegelegenen Zuckerrohrfeld verrichten, was nicht nur unhygienisch, sondern nachts auch gefährlich war. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei kleinen Kindern in einem SRK-Haus. «Hier gibt es jedes Jahr mehrere Wirbelstürme. In unserem neuen Zuhause fühlen wir uns sicher. Es ist viel stabiler als unser altes Haus.»

«Hier gibt es jedes Jahr mehrere Wirbelstürme. Jetzt fühlen wir uns sicher.»

Die sturmsicheren SRK-Häuser entsprechen optisch dem traditionellen philippinischen Häuserbau, leicht erhöht auf Stelzen mit geflochtenen Wänden aus Bambus. Die Raumaufteilung im Innern des Hauses bestimmen die Familien selbst. Bei Luna Malinao dient das Wohnzimmer auch als Schlafzimmer. Tagsüber stapelt sie sämtliche Matratzen und Decken fein säuberlich in einem Nebenraum, einzig eine Hängematte dient der Familie im Wohnzimmer als Sitzgelegenheit. So einfach die Einrichtung des Hauses, so liebevoll ist die Umgebung gestaltet. Sorgfältig eingetopfte Pflänzchen säumen den Grundriss des Hauses. Das gleiche Bild zeigt sich bei den Nachbarn. Im Dorf Sitio Laray ist der Wiederaufbau bereits abgeschlossen. Ein SRK-Haus reiht sich an das andere. 105 neue Häuser wurden hier gebaut, dazu kommen 130 reparierte Häuser. Von der Hilfe des Roten Kreuzes hat das ganze Dorf profitiert.

Wasser für das ganze Dorf

Nebst den sturmsicheren Häusern hat das SRK auch die Wasserversorgung wieder aufgebaut und verbessert. In Sitio Laray gibt es nun ein grosses gemeinsames Wasserbecken sowie neun im Dorf verteilte öffentliche Wasserstellen. Ein Wasserkomitee stellt sicher, dass alle dazu Sorge tragen. «Ich bin sehr stolz auf diese Aufgabe, denn so kann ich zum Wohlergehen unserer Gemeinschaft beitragen», erklärt die neugewählte Wasserbeauftragte Mercedita E. Chavez. «Früher mussten wir das Wasser im Fluss holen. Das war aufwändig und gefährlich. Das verunreinigte Flusswasser hat immer wieder Menschen krank gemacht. Die sichere Wasserversorgung hat für unser Dorf eine grosse Bedeutung und wir alle möchten dafür Sorge tragen.» Als Wasserbeauftragte weiss Chavez, wie das geht und auch, wie man eine defekte Leitung reparieren kann.

Noch steht in San Juan erst das Haus von Rosalito Bermejo. Doch in den kommenden Monaten wird bald auch dort das ganze Dorf von der Hilfe des Roten Kreuzes profitiert haben und gemeinsam in eine stabilere Zukunft blicken.