Libanon

Zermürbendes Leben im Zeltlager

Je länger der Konflikt in Syrien andauert, desto schwieriger wird auch die Lage der Menschen, die ins Nachbarland Libanon geflohen sind. Die Ersparnisse sind längst aufgebraucht, Tausende leben in behelfsmässigen Unterkünften. Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) unterstützt die Menschen unter anderem mit Nahrungsmittelpaketen.

Das Rote Kreuz im Libanon und Syrien
Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) unterstützt die geflohenen Menschen aus Syrien und die libanesische Bevölkerung auf vielfältige Weise. Neben den Nahrungsmittelpaketen erhalten 950 weitere Familien Winterhilfe in Form von Heizöl-Gutscheinen oder direkter finanzieller Unterstützung. Darüber hinaus unterstützt das SRK Blutspendezentren des Libanesischen Roten Kreuzes und stärkt den lokalen Partner im Bereich Logistik und Katastrophenhilfe. Auch in Syrien ist das SRK aktiv, unterstützt Gesundheitszentren und mobile Gesundheitsdienste und leistet zusammen mit dem Syrisch-Arabischen Roten Halbmond Nothilfe für intern vertriebene Menschen. In ländlichen Gebieten installiert das SRK 2000 Wassertanks und stellt 100 Familien Nutztiere und Futter zur Verfügung, um eine neue Lebensgrundlage zu schaffen.

Am meisten Lärm macht der Lastwagen. Dafür, dass fast tausend Menschen an diesem sonnigen Freitagnachmittag heute ein Nahrungsmittelpaket erhalten, ist es im Flüchtlingslager im Norden Libanons erstaunlich ruhig. Selbst die Kinder unterbrechen ihre Spiele, um vom Rand aus das Geschehen zu beobachten.

Routiniert bauen die Freiwilligen des Libanesischen Roten Kreuzes Tische und Absperrungen auf, geduldig warten die Menschen darauf, ihren Namen anzugeben und eines der Nahrungsmittelpakete abzuholen. Die Namensnennung ist nötig, damit dieser von der Liste gestrichen werden kann und sich niemand zweifach bedienen kann. Es ist eine Liste, die fast jedes Mal ergänzt oder geändert werden muss. Nach mehr als sieben Jahren Krieg in Syrien sind die Menschen, die vor dem Konflikt in den Libanon geflohen sind, weiterhin über das ganze Land verstreut. Menschen kommen und gehen, ziehen zu Verwandten in anderen Teilen des Landes oder holen Angehörige zu sich.

«Es gibt immer etwas zu tun»

Eine der Freiwilligen, die hier gewissenhaft die Namensliste abarbeitet, ist Rita K., die sich schon seit vier Jahren beim Roten Kreuz engagiert. Dass die junge Frau dereinst so viel Zeit mit der Freiwilligenarbeit verbringen würde, hätte sie selbst nie gedacht. «Das Rote Kreuz ist wie eine Droge», sagt sie und lächelt ihr charakteristisches schmales Lächeln. «Einmal angefangen kann man fast nicht mehr aufhören. Es ist wie eine Sucht.» Eigentlich ist Rita Geografielehrerin in einer kleinen Stadt nahe der Grenze. Sie hat einen zweijährigen Sohn, dessen Bild sie gerne und stolz herumzeigt. Doch einmal angefangen hat das Rote Kreuz sie nicht wieder losgelassen. In einem durchschnittlichen Monat sei sie an etwa 14 Tagen in einer der Zeltstädte. «Es gibt immer etwas zu tun.» Wenn sie nicht bei einer Essensverteilung hilft, organisiert Rita Schulungen, um die Menschen auf Hygiene zu sensibilisieren oder hilft den Geflüchteten in ihrem Alltag.

135 Familien – über 950 Frauen, Männer und Kinder – erhalten heute je ein Paket mit Esswaren. Oft sind es die Frauen, welche die Pakete abholen, um sie dann mit kerzengeradem Rücken auf dem Kopf zurück zu ihren Familien zu bringen. Es ist keine Ausnahme, dass hier zehn Familienmitglieder oder mehr sich ein Zelt teilen. Vollgepackt sind die rund 25 Kilo schweren Kisten mit Reis, Tee, Bohnen und ähnlichem. Insgesamt finanziert das Schweizerische Rote Kreuz solche Nahrungsmittelpakete für rund 600 Familien im libanesischen Norden. Etwa 80 Prozent gehen an syrische Familien, der Rest an libanesische Bedürftige. Im Winter wird das Rote Kreuz zusätzlich noch Heizölgutscheine verteilen und finanzielle Unterstützung leisten.

Andauernder Konflikt

Das Zeltlager, in dem die Nahrungsmittel verteilt werden, ist nur eines von vielen, welche die Landschaft im Norden des Libanons prägen. Zwischen Gewächshäusern und Feldern blitzen immer wieder die schmutzig-weissen Dächer der Flüchtlingslager hervor. Knappe zehn Kilometer nördlich liegt die Grenze zu Syrien – und dahinter ist Bürgerkriegsgebiet. Kein anderes Land hat im Verhältnis zu seiner Bevölkerung mehr geflohene Menschen aufgenommen als der Libanon. Auf rund 4,2 Millionen Einwohner kommen im Libanon über eine Million aus Syrien Geflüchtete. Grosse Camps wie in Jordanien oder der Türkei gibt es hier nicht, denn die Regierung lehnt offizielle Flüchtlingslager ab. Stattdessen leben die Menschen in ebenjenen improvisierten Zeltstädten, die auch die Landschaft im Norden prägen.

Für die Geflohenen sind diese Zeltstädte Zwischenstationen – allerdings auf lange Zeit. Die Not ist hier Alltag geworden. Viele der Menschen leben über Jahre in vier Wänden, die eigentlich vier Zeltblachen sind. Je länger die Situation andauert, desto schwieriger wird sie. Denn nach Jahren auf der Flucht oder in Lagern sind die Ersparnisse aufgebraucht und die Perspektiven sind schlecht. Arbeit finden die Geflüchteten wenn überhaupt nur unter der Hand, das Gesundheitssystem ist überfordert.

«Die Schicksale der Kinder sind für mich am schwierigsten zu ertragen», sagt Rita. Bei den Erwachsenen habe sie sich irgendwann daran gewöhnt, dass die Menschen, die ankommen, fast ausnahmslos traumatische Erfahrungen hinter sich haben. «Aber wenn ich dann Kinder sehe, die im tiefsten Winter mit kaputten Schuhen hier ankommen – das ist kaum auszuhalten.» Genau darum könne sie nicht mehr aufhören, sagt Rita. «Mit meiner Arbeit habe ich die Chance, ein Teil der humanitären Arbeit zu sein.»