Reportage

Libanon: Erste Hilfe auf der Grenzlinie

Das kleine Land Libanon beherbergt weit über eine Million syrische Flüchtlinge. Dies stellt auch das Rote Kreuz vor grosse Herausforderungen. Ein Besuch im nördlichen Grenzgebiet zu Syrien.

Im libanesischen Bergdorf Rama gleich an der syrischen Grenze hat sich die Welt in den letzten zwei Jahren verändert. «Wir waren zwar nie reich, aber wir hatten ein ruhiges Leben», sagt der Dorfvorsteher, der uns im geräumigen Gästezimmer seines Hauses empfängt. «Durch den Zustrom der Menschen aus Syrien hat sich die Bewohnerzahl auf 6000 verdoppelt. Wir tragen eine grosse Last, um sie in unseren Häusern zu beherbergen und soweit möglich zu unterstützen.» Allein in der Dorfschule von Rama sind ein Dutzend Flüchtlingsfamilien untergebracht.

Rama ist eines der sieben Dörfer, die sich am Bergrücken des Wadi Khaled festkleben. Wie eine Schlange windet sich die kurvenreiche Strasse, welche die Dörfer miteinander verbindet, durch die grünen Olivenhaine. Man könnte den nahen Krieg im Nachbarland vergessen, wären da nicht die Einschüsse in den Hausmauern. Es handle sich um verirrte Kugeln, erklärt uns ein Einwohner. Das syrische Dorf, in dem fast jede Nacht geschossen wird, liegt nicht viel mehr als einen Steinwurf entfernt.

Ambulanzdienst gefragter denn je

Nicht nur in Rama, auch in den anderen Dörfern des Wadi Khaled machen die syrischen Flüchtlinge inzwischen über die Hälfe der Bevölkerung aus. Für die Emergency Medical Stations, die Notfallposten des Libanesischen Roten Kreuzes, bedeutet dies viel Zusatzarbeit. «Vor allem jüngere Männer sind oft verletzt, wenn ihnen die Flucht über die Grenze gelingt. Wir transportieren sie in der Ambulanz in das über eine Stunde entfernte Spital», erklärt uns Youssef Boutros, der für den Ambulanzdienst im Norden Libanons verantwortlich ist. Dazu kommen auch mehr Krankentransporte und die Einlieferung von werdenden Müttern in die Geburtsklinik. «Der Einsatz unserer Ambulanzteams hat sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt», meint der Rotkreuzmann.

Das SRK unterstützt deshalb den Ausbau der Ambulanzdienste in diesem nördlichen Grenzgebiet. Denn hier sind die Bedürfnisse am dringendsten und die Anzahl Freiwilliger und der Fahrzeuge muss erhöht werden. Das SRK lieferte drei Ambulanzen und finanziert den Betrieb von zwei Notfallstationen während eines Jahres. In ganz Libanon betreibt das Libanesische Rote Kreuz 46 Notfallstationen.

Mutig zwischen den Fronten

In dem zwischen konfessionellen und politischen Gruppen zerrissenen Land, das stets am Rande eines Bürgerkrieges steht, spielt das unparteiliche Rote Kreuz eine besonders wichtige Rolle. Ob Schiiten, Sunniten oder Maroniten – konfessionelle Gruppen, die sich während des 1990 beendeten Bürgerkrieges bekämpften und bis heute nicht wirklich versöhnten –, das zählt beim Roten Kreuz nicht. «Bei uns kann nur mitmachen, wer nicht zugleich einer der militanten Gruppen angehört», sagt der Generalsekretär des Roten Kreuzes Georges Kettaneh. «Jeder von uns trägt im Rotkreuz-Alltag einen Nickname, Spitznamen, damit man nicht schon auf Grund des Vornamens auf die religiöse Herkunft schliessen kann.»

Für die 2700 Freiwilligen bedeutet der oft riskante Einsatz auch ein starkes Zeichen für ein friedliches Zusammenleben. Für sie bietet dieses Engagement die willkommene Möglichkeit, sich der Polarisierung und der Spirale der Gewalt zu entziehen. Der Libanon mit einer Bevölkerung von 4,5 Millionen Menschen beherbergt heute zusätzlich über eine Million syrische Flüchtlinge. Für das kleine Land ist dies eine zusätzliche immense Belastung. Dass die unparteiliche Hilfe des Roten Kreuzes auch den Flüchtlingen zugute kommt, ist für die Verantwortlichen und die Freiwilligen selbstverständlich. Ihr Engagement kennt keine Grenzen – vor allem dort nicht, wo die Grenze für gefährdete Menschen zum Fluchtpunkt der Hoffnung wird.