Libanon

Besuch im Camp Old River

Im Libanon unterstützt das SRK syrische Flüchtlinge in improvisierten Zeltlagern mit Lebensmittelpaketen und Winterhilfe. SRK-Präsidentin Annemarie Huber-Hotz hat eines dieser Flüchtlingslager besucht.

Im knapp 1000 Meter hoch gelegenen Bekaa-Tal wird es in der Nacht empfindlich kalt. Die einfachen Unterkünfte aus Blachen und etwas Holz halten die Menschen kaum warm. Im wenige Quadratmeter grossen Zelt der Familie Karim riecht es nach Diesel. Der kleine Eisenofen in der bescheidenen Hütten wärmt ein bisschen für wenige Stunden. Geld für Diesel zum Heizen fehlt den meisten Flüchtlingsfamilien. Die Nahrungsmittelpreise im Libanon steigen ständig, Gespartes ist längst aufgebraucht. Arbeit gibt es kaum und eine Arbeitserlaubnis noch seltener.

Bereits seit rund einem Jahr unterstützt das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) zusammen mit dem Libanesischen Roten Kreuz (LRC) syrische Flüchtlinge sowie besonders bedürftige libanesische Familien und verteilt monatlich 1000 Nahrungsmittelpakete. Im Dezember und Januar hat das SRK seine Winterhilfe verstärkt. 3000 Familien, die in höheren Gebieten leben, erhielten Decken, Matratzen und Blachen, um sich gegen die Kälte besser zu wappnen. 

Ungewisse Zukunft

«Man spürt die Resignation und die Unsicherheit der Flüchtlinge. Aber auch, wie extrem dankbar sie für jede Hilfe sind», sagt uns Martin Thalmann, SRK-Delegierter im Libanon. «Niemand hat erwartet, dass der Krieg in Syrien so lange dauern würde.» Der Libanon trägt seit bald fünf Jahren eine grosse Last im Syrien-Konflikt, jeder vierte Einwohner ist mittlerweile ein Flüchtling. Dabei kämpft das Land selber noch mit den Folgen eines langjährigen Bürgerkrieges. Neben mehr als einer Million syrischer beherbergt es seit Jahrzehnten zudem etwa eine halbe Million palästinensischer Flüchtlinge. Und das bei einer Bevölkerung von lediglich gut vier Millionen. Die Zahlen sind bekannt. Doch wie geht es den Menschen in dieser schwierigen Situation? Um sich persönlich ein Bild zu verschaffen, ist SRK-Präsidentin Annemarie Huber-Hotz in den Libanon gereist. Sie besucht die Projekte des Roten Kreuzes und Flüchtlinge, die vom SRK unterstützt werden.

Familie Karim von Zelt Nr. 1

In improvisierten Zeltlagern wie das Camp Old River harren viele syrische Flüchtlinge unter schwierigsten Bedingungen aus, viele seit mehreren Jahren. Im ersten Zelt begegnen wir der sechsköpfigen Familie Karim. Sie stammt wie die meisten der rund 45 Familien hier aus der Region Aleppo und gehören zu den 200 000 syrischen Flüchtlinge, die in etwa 900 Camps verteilt über die ganze Bekaa-Hochebene leben. «Hier sind wir in Sicherheit vor dem Krieg in unserer Heimat. Aber wir sind dringend auf Unterstützung angewiesen», erzählt uns der 31-jährige Vater, auf dessen T-Shirt in grossen Lettern «Day without hate» steht – Tag ohne Hass. Sie hätten alles verloren. Perspektiven haben sie kaum, ihr Leben ist ein dauerndes Provisorium. 

Das Camp bei Kob Elias liegt gut eine Autostunde entfernt von Libanons Hauptstadt Beirut ebenso wie von Damaskus, der Hauptstadt Syriens. Nur eine Gebirgskette trennt die Menschen von dem, wovor sie geflohen sind: Krieg und Unsicherheit. Aber auch von ihrer geliebten Heimat. Immer wieder hört man im Camp Aussagen wie die von Fatima. Traurig und leise erzählt uns die zehnfache Mutter: «Bis vor zwei Wochen hatten wir die Hoffnung, dass wir eines Tages heim können. Doch der Krieg hat nun unser Dorf endgültig zerstört, Bomben fielen auf unser Haus. Nichts steht mehr. Wir haben nichts mehr.» Die einzige Heimat die ihnen geblieben ist, ist die Familie.

Hilfe leisten auch noch übermorgen

Das lokale Team des LRC erklärt Annemarie Huber-Hotz, wie die Zusammenarbeit mit dem SRK funktioniert. Das LRC wählt nach streng definierten Kriterien die Familien aus, die am meisten Unterstützung brauchen. Das geschieht in Koordination mit den anderen Hilfsorganisationen im Libanon. Zudem sorgt das LRC dafür, dass die Hilfsgüter auch bei den Bedürftigen ankommen. «Wir organisieren einmal im Monat eine Verteilung. Die Familien werden informiert, wann sie wo die Lebensmittelpakete abholen können», sagt die Rotkreuz-Freiwillige Yassmine Khaled. «Dort müssen sie sich ausweisen und wir kontrollieren, ob sie Anspruch auf ein Paket haben.» Ab Frühling dieses Jahres baut das SRK seine Hilfe im Libanon weiter aus. 500 Familien erhalten statt standardisierter Lebensmittelpakete monatlich 175 US-Dollar. «Dank des Geldes sind die Menschen, ihren Grundbedarf zu decken. So können das einkaufen, was sie brauchen», so Thalmann. 175 US-Dollar decken nicht alle Ausgaben, sie machen aber einen grossen Unterschied für die Flüchtlinge.

Im Camp Old River hört sich Annemarie Huber-Hotz die Sorgen der Flüchtlinge an und findet noch Zeit, mit einigen Kindern zu spielen. «Mich beeindruckt, in welch prekären Verhältnissen die Familien hier schon so lange leben. Aber auch, wie sich die Familien in ihrer verzweifelten Lage gegenseitig helfen.» Die Herausforderungen im Libanon und für die syrischen Flüchtlinge sind immens. Das SRK wird die libanesische Gesellschaft und die Flüchtlinge nicht nur heute, sondern auch morgen und übermorgen unterstützen.