Syrien

Bedrückend normaler Alltag in Damaskus

Am 20. Juni wird weltweit den Flüchtlingen gedacht. 65 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht. Viele von ihnen stammen aus dem kriegsgeplagten Syrien. SRK-Direktor Markus Mader hat sich vor wenigen Wochen selbst ein Bild vor Ort gemacht.

Ende April 2017 bereise ich den Nahen Osten. Einerseits Jordanien in meiner Funktion als Mitglied der beratenden Kommission für Internationale Zusammenarbeit des Bundesrates, anderseits Libanon und Syrien als Direktor des SRK. Der Abstecher nach Syrien, wo das SRK seit einem Jahr die medizinische Grundversorgung unterstützt, ist deshalb naheliegend auf meiner Dienstreise. Die Strecke von Beirut nach Damaskus ist kürzer als Bern - Zürich. Die Autobahn nach der libanesischen Grenze gilt als sichere Zone. Dennoch ist sie leer.

Würde ich nicht als Mitarbeiter des SRK reisen, hätte ich wohl kaum ein Visum erhalten.

Bis kurz vor Damaskus deutet kaum etwas darauf hin, dass wir in einem Land sind, in dem seit über sechs Jahren ein bewaffneter Konflikt ausgetragen wird. Nur, dass es vor der syrischen Hauptstadt mehrere Kontrollposten zu passieren gilt. Bis dahin wurden wir angewiesen, nie anzuhalten. Würde ich nicht als Mitarbeiter des SRK reisen, hätte ich wohl kaum ein Visum erhalten. Ich schätze das Risiko nüchtern und rational ein. Wie wahrscheinlich die meisten, die sich gewohnt sind, beruflich in Krisengebiete zu reisen. Da ich in jüngeren Jahren länger für das IKRK in Konfliktgebieten im Einsatz war, kenne ich die Verhaltensregeln. Ich bin wachsam, meide stark frequentierte Plätze. Der beste Schutz bietet mir jedoch unser erfahrener Partner: der Syrische Arabische Rote Halbmond (SARC).

Seine Mitarbeitenden und Freiwilligen freuen sich über meinen Besuch und zeigen mir die Klinik, welche vom SARC geführt wird. Ich treffe auf eine Familie mit einem kleinen Mädchen, das hier kostenlos behandelt wird. Wie so viele sind die Eltern mit ihren Kindern aus den hart umkämpften Landesteilen nach Damaskus geflohen. Niemand spricht direkt über den Bürgerkrieg, doch die Bedrückung ist spürbar. Eigenartig wie draussen der gewohnte Alltag für lebendige Strassen sorgt. Kinder gehen zur Schule, ich sehe Berufstätige und Frauen, die einkaufen. Alles scheint normal und wirkt bizarr. Kurz vor und nach meiner Reise starten vom Flughafen Damaskus Flugzeuge, die nur 5 km von hier

Bomben auf die wenigen noch von der Opposition kontrollierten Vororte abwerfen. Gegensätze, die ich in Konfliktgebieten so auch schon erlebt habe. Doch es scheint, dass der Mensch gezwungenermassen dazu befähigt ist, sich anzupassen. Das Schlimme wurde Alltag. Eine Normalität die eigentlich schockierend ist.

Am Hauptsitz des SARC lerne ich Eng Khaled Hboubati kennen. Er ist seit wenigen Monaten der neue Präsident des SARC. Ich erlebe ihn im positiven Sinne als pragmatischen Machertyp. Ein Mann, der etwas bewegen will, der zu wissen scheint, was die Grundsätze der Neutralität und Unabhängigkeit wert sind – besonders im Konflikt. Neutralität heisst zum Beispiel, dass Gesundheitsposten stets gleichmässig auf dem Gebiet von beiden Seiten wieder aufgebaut und unterstützt werden. Dort wo das Regime die Kontrolle hat, und gleichzeitig auf dem Gebiet der Oppositionellen. Ich spüre diese Verantwortung im Gespräch mit Hboubati. «Die Solidarität der Schweizer Bevölkerung macht uns Mut», sagt er mir und bedankt sich. Er berichtet auch, wie der SARC in den vergangenen sechs Jahren stark gewachsen ist, um den dringendsten Bedürfnissen der zivilen Bevölkerung wenigstens annähernd gerecht zu werden. Rund 8000 Freiwillige des SARC sind im ganzen Land tätig, sogar in vom IS besetzten Gebieten. 63 haben ihren Einsatz mit dem Leben bezahlt. Die freiwilligen Rettungssanitäter tragen die Uniform mit dem Roten Halbmond. Das starke Emblem, das sie als neutrale Helfer schützt. Es ist wohl mitunter eine Motivation, für das freiwillige risikoreiche Engagement.

Wir werden uns künftig dank den Schweizer Spenderinnen und Spendern noch mehr in Syrien engagieren können.

Gemäss einer Schätzung der UNO sind 13,5 Millionen Menschen in Syrien dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Der SARC ist derzeit eine der wenigen Organisationen, die landesweit direkten Zugang haben zu den Notleidenden. In Konfliktgebieten gibt es nie eine Garantie, dass die Hilfe immer bei den Bedürftigsten ankommt. Aber ich bin überzeugt, dass wir dem SARC vertrauen dürfen und müssen, wenn wir etwas für die notleidende Zivilbevölkerung tun wollen. Das SRK will nah sein bei den Verletzlichen, um rasch und zielgerichtet Unterstützung zu leisten. Wir werden uns künftig dank den Schweizer Spenderinnen und Spendern noch mehr in Syrien engagieren können. Und ich kann dem Präsidenten des SARC versichern, dass wir als SRK die Schweizer Werte widerspiegeln: Wir sind kein besonders grosser Partner, aber wir wollen langfristig und zuverlässig Unterstützung leisten. Auch wenn der Konflikt in einigen Jahren vielleicht in der medialen Berichterstattung in den Hintergrund rückt. Das schulden wir den Notleidenden, aber auch den Freiwilligen des SARC, deren unermüdliche Motivation auch im siebten Bürgerkriegsjahr vorbildlich ist.