Haiti: Fünf Jahre nach dem Erdbeben

Rosius Fleuranvil hat sich gut eingelebt

«Ich bin Fan des Roten Kreuzes. Dank ihm habe ich wieder ein Dach über dem Kopf.» Mit dieser Aussage und mit seinem Gesicht beteiligte sich Rosius Fleuranvil vor gut drei Jahren an der SRK-Fan-Kampagne. Jetzt, zum 5. Jahrestag nach dem Erdbeben, hat ihn das SRK wieder besucht und sich ein Bild davon gemacht, wie er sich in seinem neuen Zuhause eingelebt hat.

Rosius Fleuranvil (89) sitzt auf der Treppe, die zur Veranda seines Hauses führt, und schält eine Karotte für sein Mittagessen. «Es ist ein gutes Haus, mein neues Haus», sagt er und tätschelt mit der Hand auf den Holzboden der Veranda. Fast ein bisschen so, wie man einem Kind den Kopf tätschelt, um ihm zu zeigen, dass es etwas gut gemacht hat. «In diesem Haus brauche ich mich nicht vor neuen Erdbeben zu fürchten, denn es ist stabil, und auch Wirbelstürmen hält es stand», sagt Rosius.

Letzteres hat das Haus in den vergangenen gut drei Jahren, seit er es bewohnt, in der Regenzeit schon mehrmals beweisen können. «Auch bei stürmischem Wind und heftigen Regenfällen ist bisher alles ganz und trocken geblieben», sagt der alte Mann. Ein Lächeln huscht dabei über sein sonst so ernsthaftes, nachdenkliches Gesicht, in das sich mit den Jahren tiefe Falten eingegraben haben.  

Das Erdbeben vom 12. Januar 2010 hatte das ehemalige Haus von Rosius völlig zerstört. Er lebt im hügeligen Hinterland von Léogâne, gut 30 Kilometer von der Hauptstadt Port-au-Prince entfernt. Sein Haus stand mitten im Epizentrum des Erdbebens. Nur noch das Fundament, ein paar abgebröckelte Mauern und ein Betonpfosten sind davon übrig geblieben. Pflanzen überwuchern die Ruine – hier versteht man plötzlich bildlich, wie die Redewendung «Gras über eine Sache wachsen lassen» entstanden ist.

Auch bei Rosius verheilen die seelischen Wunden langsam, die die Katastrophe hinterlassen hat. «Es geht mir gut, aber es wird nie mehr so sein wie vor dem Erdbeben», sagt er. Das wird es in Haiti für niemanden mehr sein, der die Katastrophe selber miterlebt hat. Dieses Erlebnis hat sich tief ins Bewusstsein eingeschnitten. Die Bevölkerung teilt die Vergangenheit ganz bewusst ein in «die Zeit vor dem Erdbeben» und «die Zeit nach dem Erdbeben».

 

Rosius ist nicht einfach eine zufällig ausgewählte Person, der das SRK nach dem Erdbeben geholfen und den es nun, fünf Jahre später, besucht hat. Nein. Rosius ist jener Mann, der sich vor gut drei Jahren als Gesicht für die SRK- Fan-Kampagne zur Verfügung gestellt hat, weil er dank dem SRK wieder ein Dach über dem Kopf hat. Der prominente Auftritt, den er auf Plakaten und in Videospots in der Schweiz hatte, ging unbemerkt an ihm vorbei.

«Ich habe das gerne gemacht, denn die Unterstützung, die ich vom SRK erhalten habe, hat mir in dieser verzweifelten Situation unendlich viel bedeutet», sagt er rückblickend. Auch nach Abschluss des Wiederaufbaus der Häuser ist das SRK für die weitere Unterstützung der Bevölkerung in Haiti geblieben. Unter anderem  haben Rosius und seine Schwester Germaine Fleuranvil (92), die gleich nebenan in einem Haus vom SRK wohnt, inzwischen einen Tank zum Sammeln von Regenwasser und eine Latrine bekommen, an deren Beschaffung und Aufbau sie selber beteiligt waren.

Ausserdem haben sie sich mit einfachen Mitteln nach Anleitung von Rotkreuz-Mitarbeitenden eine simple Vorrichtung zum Händewaschen eingerichtet. «Wir sind froh um diese Hilfsmittel, denn in unserem Alter ist es nicht mehr so einfach, Wasser zu besorgen. Und das Wichtigste ist für uns, gesund zu bleiben», sagt Rosius und demonstriert auch gleich, wie praktisch die Händewaschvorrichtung ist.  

Er sei zwar oft einsam, aber dankbar, noch am Leben zu sein, erzählt Rosius weiter. Die Tage verbringt er damit, seinen kleinen Haushalt zu besorgen und seinen Gemüsegarten zu pflegen. Oft sitzt er auf der Veranda seines Daheims und geniesst die Aussicht auf die sanften Hügel hinter dem Haus. Ab und zu bekommt er Besuch von seiner Nichte aus Port-au-Prince. «Sie wird mein Haus erben. Es ist ein gutes Haus», sagt er und zieht sich zum Mittagsschlaf zurück in seine vier Wände.