Katastrophenvorsorge in Haiti

«Nähe zu den Menschen ist sehr wichtig».

Annemarie Huber-Hotz reiste zum fünften Jahrestag des Erdbebens nach Haiti. Die SRK-Präsidentin sprach mit betroffenen Menschen und den Mitarbeitenden vor Ort. Sie wollte sich ein umfassendes, realistisches Bild über die erledigten und geplanten Hilfsprojekte des SRK machen.

Zur Person

Die 66-Jährige Annemarie Huber-Hotz präsidiert seit 2011 das SRK und damit 24 Kantonalverbände, 5 Rettungsorganisationen, die Blutspende SRK sowie die Geschäftsstelle.

Annemarie Huber-Hotz, Sie waren genau fünf Jahre nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti. Warum?
Ich wollte mir selber ein Bild darüber machen, was der Einsatz des SRK und der ganzen Rotkreuz-Föderation in den vergangenen fünf Jahren bewirkt haben, was erreicht wurde und was es noch zu tun gibt. Es war einerseits ein bedrückendes Gefühl, weil die Armut der Bevölkerung so gegenwärtig und offensichtlich ist und die Zustände, in denen die Menschen zum Teil leben müssen, fast unerträglich sind. Andererseits bin ich mit einem guten Gefühl zurückgekehrt, weil ich gesehen habe, dass die Hilfe des SRK ankommt und schon einige Verbesserungen erreicht wurden. Doch es gibt noch viel zu tun.

«Es war ein bedrückendes Gefühl, weil die Armut der Bevölkerung so gegenwärtig und offensichtlich ist.»

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Vor allem in der Verbesserung der Lebenssituation der Menschen. Zwar haben die meisten wieder ein Dach über dem Kopf, aber die Lebensumstände haben sich in Bezug auf Hygiene, Infrastruktur, Sicherung der Nahrungsgrundlagen oder Katastrophenvorsorge noch nicht wesentlich verbessert. Um schlimmen Folgen vorzubeugen, ist ein besonders wichtiger Ansatz, dass die Menschen gut vorbereitet sind auf Naturkatastrophen wie weitere Erdbeben oder Wirbelstürme, welche oft Erdrutsche und Überschwemmungen zur Folge haben.

Was hat Sie besonders beeindruckt?
Die Zusammenarbeit mit Menschen, die motiviert sind, ihre Lebenssituation zu verbessern. Dorfkomitees, also Freiwillige aus der Bevölkerung, lassen sich ausbilden und helfen tatkräftig mit, ihre Mitmenschen auf Katastrophen vorzubereiten. Frauen und Männer packen in der grössten Hitze beherzt mit an, wenn es darum geht, die Strasse auszubauen, damit Kinder und Behinderte im Notfall rasch evakuiert werden können. Die Bestrebungen des SRK-Teams, mit den Betroffenen gemeinsam etwas aufzubauen, damit es in der Bevölkerung nachhaltig verankert ist, imponieren mir. Aber auch die landschaftlichen Schönheiten der Karibikinsel haben bei mir einen prägenden Eindruck hinterlassen.

Die Landschaft hat eine Kehrseite, die Böden sind häufig instabil und karg. Was unternimmt das SRK dagegen?
Unsere Spezialisten vor Ort zeigen der Bevölkerung, wie sie die Hänge sinnvoll bepflanzen, den Boden mit Nährstoffen und Regenwürmern anreichern und Gemüse oder Getreide anbauen kann. Das stabilisiert die Hänge und gleichzeitig wird die Ernte ertragreicher. Das steigert den Anreiz der Leute, weiterhin Neues zu lernen, was wiederum unseren Zielen entspricht: Die Menschen müssen von sich aus eine Verbesserung anstreben wollen. Das ist die Zukunft, so soll es sein.

Sie haben beim Strassenbau mitangepackt und die Einladung zum Essen sofort angenommen. Gehen Sie bewusst offen auf Menschen zu?
Die Nähe zu den Menschen ist mir sehr wichtig. Ich wollte wissen, was sie fühlen, was sie denken und welche Bedürfnisse und Erwartungen sie haben. Dank dieser Nähe habe ich von ihnen selber erfahren, dass es den Leuten sehr wohl bewusst ist, dass die Unterstützung des SRK ihre Situation verbessern kann, was aber nur funktioniert, wenn sie es selber wollen. Das hat mir bestätigt, dass wir mit unserem Ansatz, mit der Bevölkerung auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten, auf dem richtigen Weg sind.

Sie wollten Blutspenden, aber durften nicht, weil Ihre letzte Blutspende noch keine vier Monate her war. Waren Sie enttäuscht?
Ja, weil ich in Port-au-Prince gerne mit gutem Beispiel voran gegangen wäre, da ich ja sowieso regelmässig spende. Aber die Fachleute haben professionell entschieden, so wie es sein muss. Freiwillige Blutspenden nach dem Prinzip des Roten Kreuzes sind für Haiti wichtig. Der Bedarf an Blutreserven ist sehr hoch, das hat sich beim Erdbeben gezeigt, als es sehr viele Verwundete gab. Derzeit geschehen auf den gefährlichen Strassen täglich Verkehrsunfälle oder eben Naturkatastrophen mit schwer Verletzten. Das Blutspendezentrum in Port-au-Prince hat mir einen sehr guten Eindruck gemacht. Es wird dank Unterstützung und Ausbildung der Mitarbeitenden durch das SRK nach Schweizer Standards mit dem entsprechenden Knowhow geführt. Man steht allerdings noch ziemlich am Anfang. Die Weiterentwicklung muss vorangetrieben werden und es braucht mehr Blutspenden.

Was ist diesbezüglich vorgesehen?
Das SRK unterstützt den «Club 25»: Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren verpflichten sich, freiwillig 25 Mal Blut zu spenden. Damit werden die Jugendlichen in die soziale Arbeit einbezogen und in Gesundheitsprävention geschult. Sie werden zu Vorbildern für gesellschaftliches Engagement. Ich denke, dass dies ein vielversprechender Ansatz ist, um das Blutsspenden zur Selbstverständlichkeit zu machen. Auch da müssen wir daran bleiben.

Warum ist es so wichtig dass sich das SRK in Haiti weiter engagiert?
Es reicht nicht, ein Haus hinzustellen und die Menschen danach wieder sich selber zu überlassen. Wir wollen gesamtheitlich und nachhaltig die Lebensbedingungen verbessern. Und das braucht mehr Zeit und Ressourcen. Deshalb wird das SRK auch in den nächsten Jahren in Haiti Unterstützung leisten.