Jugendmagazin ready for red cross

Palliativpflege: Am Ende war es Zeit

Zeit schenken, das ist, was im Fokus von «zapp» steht. Für Freiwilligenarbeit ist das nichts Ungewöhnliches, doch bei «zapp» (Zentrum für ambulante Palliativbegleitung plus) wiegt jedes Körnchen Zeit wahrscheinlich schwerer. Denn die Freiwilligen von «zapp» begleiten chronisch kranke, schwerkranke und sterbende Kinder und Erwachsene.

Das Zentrum für ambulante Palliativbegleitung plus ist ein Entlastungsangebot des Schweizerischen Roten Kreuzes Bern-Mittelland. Dazu werden geschulte, freiwillige Mitarbeiter/innen bei chronisch kranken, schwerkranken und sterbenden Menschen eingesetzt. So bilden die Freiwilligen von «zapp» ein Betreuungsnetz, das den Kranken und ihren Angehörigen Unterstützung bietet. Es wird ermöglicht, dass die Patienten in ihrer gewohnten Umgebung, sprich zu Hause, bleiben können. Wo ein Sterben zu Hause nicht möglich ist, bieten sie ausserdem Palliative Begleitungen in Heimen und Spitälern an.

Leben und Tod. Beides ist untrennbar miteinander verbunden und doch ist der Tod ein gefürchtetes Thema. Er ist kein gerngesehener Gesprächsgast, wird meist mit Lächerlichkeit, Ironie oder Verdrängungen begrüsst und nichtsdestotrotz verbindet er uns alle. Der US-amerikanische Dichter Charles Bukowski sieht den Tod als eine wertvolle Verbindung der Menschen: «Wir werden alle sterben, jeder von uns, was für ein Zirkus! Das alleine sollte uns dazu bringen, uns zu lieben.» Dieser Gedanke ist nicht neu, wird aber oft vergessen. Das Schöne daran ist, dass er dazu beitragen kann, etwas offener und unbeschwerter mit dem Thema umzugehen. «zapp» setzt genau da an. Der Name steht für Zentrum für ambulante Palliativbegleitung plus. Das Ziel ist, die Betroffenen und Angehörigen zu entlasten und Beistand zu leisten.

Zur Seite stehen

Was kann man sich konkret darunter vorstellen, wenn man von «Beistand leisten» oder «zur Seite stehen» bei einer todkranken Person spricht? Das kann Frau Ulmer, eine Freiwillige bei «zapp» beantworten. «Dasein, nicht alleine lassen, zuhören! Die schwerkranken oder sterbenden Menschen brauchen keine besonderen Beschäftigungsprogramme oder neue Aktivitäten, sie wünschen sich einfach, dass jemand für sie da ist und ihnen zur Seite steht.» Frau Ulmer ist pensionierte Pflegefachfrau und daher vertraut im Umgang mit Kranken und Sterbenden. Und doch ist es für sie aufregend, dass sie nun seit 2010 eine neue Rolle im Umgang mit den Betroffenen einnehmen darf.

«Es ist so schön, was man bei diesen Einsätzen alles von den Menschen lernen kann»
Frau Ulmer

«Es ist schön, dass ich jetzt die Möglichkeit habe, ausschliesslich meine Zeit  zu schenken. Ist man als Pflegefachkraft beim Patienten, hat man natürlich viele weitere Aufgaben. Daher ist es leider kaum möglich, mehrere Stunden mit dem Kranken zu verbringen. Gerne würde man die Zeit haben, um einfach gemeinsam da zu sitzen oder die Hand zu halten.» Denn der hauptsächliche Wunsch der meisten Betroffenen ist schlichtweg, nicht alleine zu sein. Eine kurze Runde an der frischen Luft, ein Kartenspiel oder Zuhören – einfache Aufgaben, die jedoch den Unterschied machen. Das bestätigt auch Frau Ulmer, denn ihre schönsten Momente als Freiwillige in den letzten fünf Jahren waren, wenn sie ein Lächeln oder einen beruhigten Blick zurückbekommen hat.

«Wichtig ist, dass man sich abgrenzt»
Frau Ulmer

Natürlich ist die Aufgabe als Palliativ- Begleiterinnen und -Begleiter auch eine sehr grosse Herausforderung. Schmerz, Trauer und Tod sind ständige Begleiter, wenn man im Einsatz ist. «Wichtig ist, dass man sich abgrenzt. Als ‹zapp›-Freiwillige ist man eine Stütze vor Ort im Spital oder zu Hause beim Kranken, doch wenn man weggeht, muss man die schweren Gedanken auch wieder hinter sich lassen», meint Frau Ulmer. Nicht immer ist das ganz so einfach. Vor einigen Jahren, erzählt Frau Ulmer, besuchte sie ein zweieinhalbjähriges Mädchen, das schwerkrank war. Speziell wenn ein Patient so jung ist, denkt man sich, dass er noch das ganze Leben vor sich hat.

Schwere Stunden

Um den Freiwilligen von «zapp» die Abgrenzung zu erleichtern, sind Schulungen am Anfang und ein regelmässiger Erfahrungsaustausch wichtig. Dazu findet einmal im Monat eine Teamsitzung der Freiwilligen statt. Hier werden Erlebnisse und Emotionen in der Gruppe geteilt und Verständnis dafür gefunden, da alle ähnliche Erfahrungen sammeln. Trotz, oder wahrscheinlich gerade wegen all der Herausforderungen, die die Palliativ- Begleitung mit sich bringt, verbindet sie Menschen. «Es ist so schön, was man bei diesen Einsätzen alles von den Menschen lernen kann», so fasst Frau Ulmer schliesslich ihren Freiwilligeneinsatz bei «zapp» zusammen.