3. März 2021

Humanitäre Katastrophe

«In Syrien reicht es nicht mehr, Lebensmittelpakete zu verteilen»

Ein sehr trauriges Jubiläum steht an: Im März vor 10 Jahren begann der Konflikt in Syrien. Die syrische Bevölkerung ist nach 10 Jahren der Auseinandersetzungen erschöpft: Schätzungsweise 13 Millionen Menschen brauchen humanitäre Hilfe. Der zerstörerische Krieg im Norden des Landes zwingt zehntausende von Menschen zur Flucht. Zudem leidet Syrien unter einer schweren Wirtschaftskrise und wird immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht. Maya Helwani, SRK-Delegierte in Damaskus, analysiert die Lage.

Das SRK unterstützt Syrien seit Beginn des Konflikts und hat 2018 ein Büro in Damaskus eröffnet. Wie hat sich die Situation seither entwickelt?

Als ich ankam, um die Delegation zu eröffnen, gab es einen Hoffnungsschimmer. Es war eine positive Energie zu spüren. Obwohl vieles zerstört war, wollten die Menschen zurückkommen und mit dem Wiederaufbau beginnen. Heute sind sie verzweifelt.

Wie lässt sich das erklären?

Die Probleme kommen nicht nur vom aussichtslosen Konflikt. Die Corona-Pandemie hat das Vorankommen der Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit abrupt gebremst. Zudem leidet das Land unter einer verheerenden Inflation. Die Menschen sind ruiniert von den Krisenjahren, haben kein Geld mehr. Zusätzlich sind die Preise in die Höhe geschossen, wodurch es für einen Grossteil der Bevölkerung sehr schwierig geworden ist, sich Grundbedarfsmittel zu besorgen. Die Schlangen vor Bäckereien und Tankstellen werden länger. Der Wiederaufbau kommt aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Blockaden kaum von der Stelle. Die gegen Syrien verhängten wirtschaftlichen Sanktionen verhindern, dass Hilfe von aussen ankommt. Im Jahr 2020 konnten wir während acht Monaten kein Geld überweisen.

Das syrische Gesundheitssystem wurde stark geschwächt; fast die Hälfte der Spitäler und Gesundheitszentren sind zerstört. Was macht das SRK im Gesundheitsbereich?

Das SRK unterstützt natürlich den Syrisch-Arabischen Roten Halbmond (SARC) weiterhin bei der Bekämpfung des Coronavirus, indem es Schutzmaterial für die Freiwilligen und Hygiene-Kits für verletzliche Famillien finanziert. Zudem wird das SRK dem SARC beim Aufbau eines Ambulanzdienstes helfen, wie es dies im Libanon getan hat.

Verfügt Syrien über keine Ambulanzen?

Vor Ausbruch des Konflikts verfügte Syrien zwar nicht über einen Ambulanzdienst wie man ihn in der Schweiz oder in Europa kennt, aber über eine sehr gute medizinische Versorgung. Der Krieg hat jedoch alles zerstört. Der SARC kämpft heute alleine, um alles wieder aufzubauen. Das SRK wird die Ausstattung mit Defibrillatoren der 115 Ambulanzen des SARC sowie dessen Erste-Hilfe-Zentren finanzieren und sicherstellen, dass das Personal für deren Verwendung geschult wird. Diese Massnahmen helfen, unsere Schwestergesellschaft zu stärken und sie für die Zukunft zu rüsten.

Das Land wurde auch von Naturkatastrophen getroffen.

Genau. Als wären die politischen und wirtschaftlichen Probleme Syriens nicht schon genug, haben mehrere Brände an der Westküste des Landes (Latakia) zahlreiche Olivenplantagen kurz vor der Ernte vernichtet. Zudem haben Überschwemmungen im Süden des Landes viele landwirtschaftlich genutzte Gebiete stark beschädigt und damit die einzige Einnahmequelle von Hunderten von Menschen zunichte gemacht.

Wie gedenkt das SRK, seine Unterstützung fortzuführen?

Wir werden unser Programm zur Instandsetzung von Wasserpumpen in Deir Ezzor fortsetzen, um die Trinkwasserversorgung zu verbessern. Denn mehr als acht Millionen Personen haben nur einen beschränkten oder überhaupt keinen Zugang zu Trinkwasser. Zudem werden wir Bewässerungskanäle errichten, welche für die Bewirtschaftung der Anbauflächen notwendig sind. Diese Programme haben aufgrund der wirtschaftlichen Blockaden und der Corona-Pandemie erhebliche Verzögerungen erlitten. Wir planen zudem die Finanzierung eines neuen Starthilfe-Programms, bei dem Hühner oder Schafe an Familien verteilt werden. Dies ist eine effiziente Art, eine Einnahmequelle zu schaffen für einen Teil der Bevölkerung. Und schliesslich werden wir ein Pilotprojekt für Bargeldhilfe in der Region Latakia, wo die Olivenbäume brannten, auf die Beine stellen. Nach 10 Jahren des Konflikts reicht es nicht mehr, Lebensmittelpakete zu verteilen. Die Menschen müssen sich eine neue Existenz aufbauen können.