29. Januar 2021

Beirut

«Die Explosion hat uns alles genommen»

Im ganzen Land war die Detonation zu spüren, die am 4. August 2020 Beirut erschütterte. Hunderttausende Menschen versuchen unter äusserst schwierigen Bedingungen ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Das Rote Kreuz hilft ihnen dabei, unter anderem mit finanzieller Unterstützung.

Rania Hassounah Abu Laban sitzt auf dem Sessel in ihrer kargen Wohnung im Dahie Distrikt von Beirut. «Die Explosion hat uns alles genommen», sagt die fünffache Mutter. An der Wand hängt das Bild einer sympathischen, intakten Familie – Vater, Mutter, fünf Kinder. Das Foto entstand drei Wochen vor der Explosion aus Anlass des Schulabschlusses der zweitältesten Tochter. Das Leben in Beirut war schon damals sehr hart. Denn aufgrund der Wirtschaftskrise, die das Land seit bald zwei Jahren beutelt, waren die Einnahmen aus dem kleinen Quartierladen, den der Ehemann führte, massiv eingebrochen. «Aber als Familie waren wir glücklich», sagt die Vierzigjährige. Dieses private Glück wurde am 4. August abrupt zerstört, als ihr Mann gegen Abend zum Hafen fuhr, um einen Verwandten im Spital abzuholen. Bei der Explosion um 18.06 Uhr wurde das Auto, in dem er mit einem Neffen unterwegs war, in die Luft geschleudert. Es dauerte Stunden bis Rania Hassounah Abu Laban wusste, was passiert war. Hektische Stunden der Hoffnung, Angst und Verzweiflung. Der Schmerz ist gross, die Probleme sind es auch, denn die Familie hat ihren Ernährer verloren. 

Von den fünf Kindern hat erst die älteste Tochter einen Teilzeitjob als Zahnarzthelferin. Die andern sind noch in der Schule oder in der Ausbildung. Zwar erhält jede libanesische Familie, die bei der Explosion ein Mitglied verlor, eine staatliche Entschädigung. Als palästinensische Flüchtlinge sind die Abu Labans von dieser Hilfe ausgeschlossen, obschon sie schon seit Jahrzehnten im Libanon leben und arbeiten. 

Familien wie sie, die aus unterschiedlichen Gründen durch die Explosion in eine besonders prekäre Situation geraten sind, unterstützt das Rote Kreuz mit monatlichen Beiträgen von 300 US-Dollar. Insgesamt 10'000 Familien können dadurch für vorerst sechs Monate ihre dringendsten Auslagen decken. Für 460 dieser Familien, darunter auch jene von Rania Hassounah Abu Laban, kommt das SRK mit Unterstützung der Glückskette auf. 

«Wir waren auch in dieser schweren Zeit eine glückliche Familie, bis die Explosion uns alles genommen hat.»

 Rania Hassounah Abu Laban

«Die monatlichen Geldbeträge sind für die betroffenen Familien in dieser verzweifelten Lage enorm wichtig», erklärt Jyri Rantanen, der Landeskoordinator des SRK in Beirut. Die Auswahl der Familien erfolgt nach klaren Kriterien, damit wirklich die Verletzlichsten profitieren. Begünstig werden in erster Linie Familien, deren Wohnungen grosse Schäden erlitten hatten, die alleinerziehend, besonders arm oder von chronischen Krankheiten betroffen sind.  

Die Unterstützung wird in US-Dollar ausbezahlt, denn dadurch verliert der Betrag des Roten Kreuzes nicht an Wert. Innerhalb eines Jahres hat das libanesische Pfund 80 % seiner Kaufkraft verloren, wodurch viele Familien in die Armut abgerutscht sind. 

Kein Geld für Reparaturen 

Zu ihnen zählt die Familie von Clemence Dib im lebhaften Quartier Bourj Hammud gleich hinter dem Hafenviertel. Ihr Mann ist chronisch herzkrank und hat Diabetes, selber leidet sie an Arthritis und Osteoporose. Die Medikamente sind unerschwinglich teuer. Von den beiden Söhnen lebt nur noch der ältere, 30-jährige. In der Grossfamilie, zu der auch mehrere Enkel zählen, ist er der einzige mit einem regelmässigen Einkommen. Doch sein Beamtenlohn in lokaler Währung verliert laufend an Wert. Die Familie kann ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Als bei der Explosion die Wohnung stark beschädigt wurde, wussten sie nicht mehr ein noch aus. Auch Monate später sind die Fenster nur notdürftig mit Plastik verklebt und die winterliche Kälte dringt ein. Dank der finanziellen Unterstützung des Roten Kreuzes können sie endlich die Medikamente wieder bezahlen und auch die Reparaturen werden in Angriff genommen. 

Viele Menschen stehen noch immer unter Schock oder sind traumatisiert. Die finanzielle Unterstützung ermöglicht es ihnen, in dieser extrem schwierigen Zeit das Nötigste zu bezahlen. «Es hilft ihnen, ein wenig durchzuschnaufen und etwas Boden unter die Füsse zu bekommen», sagt der SRK-Delegierte Jyri Rantanen.