Reportage Malawi

Wasch die Hände, Professor

Eine Vorrichtung zum Händewaschen, eine selbstgebaute Latrine: Mit einfachen Mitteln konnten der siebenjährige Professor und seine Familie ihre Gesundheit verbessern. Das SRK hat sie dabei unterstützt – im Rahmen eines umfassenden Gesundheitsprogrammes im Norden von Malawi.

Afrika, wie man es aus dem Bilderbuch kennt. Das Dörfchen Maganjira im Mzimba-Distrikt von Malawi besteht aus rund 100 einfachen Backsteinhäusern. Eine Streusiedlung, erschlossen nur durch eine holprige Piste, harmonisch eingepasst in die hügelige Steppenlandschaft. Die Menschen leben im Einklang mit der Natur – auf den ersten Blick eine Idylle. Bei näherer Betrachtung wird aber schnell klar: Es ist ein hartes Leben. Die Armut lässt den Menschen kaum Wahlmöglichkeiten und macht sie verletzlich für Gefahren, die bei uns längst gebannt sind.

Der drohende Hunger ist derzeit die grösste Sorge der Menschen in Malawi. Zwar ist der Norden, wo Mzimba liegt, weniger schwer betroffen als der Süden des Landes. «Ich habe noch genug Mais, um jeden Tag für meine Kinder eine Mahlzeit zu kochen. Doch die Portionen sind kleiner geworden», erklärt uns Yanani Mkandawire. Die junge Mutter weiss: Die nächste Ernte wird mager sein, da die letzten beiden Regenzeiten miserabel ausgefallen sind. Wie es dann mit ihr und den Kindern weitergehe, sei völlig unklar. Wie die meisten Frauen von Maganjira kann auch sie nicht auf die Unterstützung durch ihren Mann zählen. Vor drei Jahren ist er nach Südafrika gezogen, um zu arbeiten. Ein einziges Mal hat er ihr Geld geschickt, und sie konnte das Wellblech für das Dach ihres Hauses kaufen. Seither habe sie nichts mehr von ihm gehört. «Ich glaube nicht, dass er je wieder zurückkommt», sagt die zierliche 25-Jährige.

Die nächste Ernte wird mager sein, da die letzten beiden Regenzeiten ausgefallen sind.

So schlägt sie sich halt mit den Kindern alleine durch. Die neunjährige Tochter trägt den hübschen Namen Kesnay. Der kleine Bruder ist sieben und heisst Professor. Diesen Namen gaben ihm seine Eltern bei der Geburt – wohl in der Hoffnung, dass aus ihm einmal ein Lehrer werde. Doch bis jetzt deutet nichts darauf hin. An diesem klaren, sonnigen Vormittag treffen wir ihn nämlich zuhause an – statt in der Schule, wo er eigentlich sein sollte. Seine Mutter nimmt’s gelassen. Der quirlige Bub mit der Zahnlücke hilft ihr im Garten und geht mit ihr zur neuen Wasserstelle, die das Rote Kreuz letztes Jahr in dem Dorf gebaut hat. Manchmal füllt er auch das Tippy Tap mit frischem Wasser auf – eine einfache Vorrichtung zum Händewaschen, die die Familie selber erstellt hat.

Selbst gebaute Latrine

«Ein Rotkreuz-Freiwilliger hat uns gezeigt, wie wir das Tippy Tap bauen können. Auch die Latrine haben wir selber errichtet und er hat uns erklärt, warum es so wichtig ist, sie zu benützen», berichtet Yanani Mkandawire. Die junge Mutter ist überzeugt, dass die neue Wasserstelle, an der sie sicheres Trinkwasser beziehen kann, zusammen mit der besseren Hygiene der Hauptgrund ist, weshalb ihre Kinder seit über einem Jahr nie mehr Magenprobleme und Durchfall hatten. «Für uns ist die Verbesserung enorm, früher waren die Kinder oft krank, vor allem Cholera ist sehr gefährlich. Jetzt muss ich mir viel weniger Sorgen machen», sagt sie.

Der Beitrag der Dorfbewohner

45 Meter tief musste in Maganjira gebohrt werden, um an sauberes Grundwasser zu gelangen. In manchen Dörfern reichen auch 20 Meter aus. Eine Mauer schützt die Wasserstelle vor Verunreinigungen durch Tiere. Diese Schutzmauer wurde von den Dorfbewohnern selber errichtet. «Das ist der Beitrag, den die Menschen selber leisten müssen. Dadurch identifizieren sie sich noch stärker mit der neuen Errungenschaft und tragen Sorge dazu», erklärt Alexandra Machado, die Länderverantwortliche des SRK in Malawi.

Bisher hat das SRK 48 Wasserpumpen in Malawi gebaut oder repariert und dadurch fast 30 000 Menschen den Zugang zu sauberem Wasser ermöglicht.

Bisher hat das SRK 48 Wasserpumpen in Malawi gebaut oder repariert und dadurch fast 30 000 Menschen den Zugang zu sauberem Wasser ermöglicht. In jedem Dorf ist ein Wasserkomitee für den Unterhalt und die Sauberkeit der Wasserstelle zuständig. Jede Familie zahlt dafür monatlich einen kleinen Betrag von 100 Kwacha (15 Rappen) in die Wasserkasse des Dorfes.

Aufklärung als Highlight

Auch in den Schulen baut das Rote Kreuz sanitäre Anlagen, damit die Kinder früh lernen, auf die Hygiene zu achten. Für die Mädchen werden zudem spezielle Menstruations-Räume eingerichtet, wo sie die Binden wechseln und sich waschen können. Dies erleichtert es ihnen, die Schule regelmässig zu besuchen – anstatt, wie dies bisher der Fall war, während der Menstruation zuhause zu bleiben. Müttergruppen werden für die Problematik sensibilisiert, damit sie ihre Töchter dabei unterstützen.

Beim Besuch an der Schule, wo 415 Kinder aus den umliegenden Dörfern unterrichtet werden, treffen wir auch Kesnay, die grosse Schwester von Professor. Das Mädchen besucht die vierte Klasse, eifrig büffelt es englische Vokabeln und Mathematik. Die Kinder sitzen am Boden, Bänke und Tische gibt es hier keine. Zur Auflockerung wird zwischendurch gesungen, aus vollem Hals – eine schöne Tradition, die hier ausgiebig gepflegt wird. Das Highlight aber findet in der dritten Lektion statt: Im Schatten von ein paar Bäumen gibt es im Schulhof eine Informationsveranstaltung zu Gesundheit und Hygiene. Eine Gruppe von Kindern führt ein Theaterstück auf und rezitiert Gedichte, die sie mit Unterstützung des Roten Kreuzes geschrieben und einstudiert haben. Die ganze Schulgemeinschaft schaut zu.

Aberglaube ausgebuht

Das Gelächter ist gross, als einer der Knaben als Voodoo-Heiler verkleidet auftritt und wortreich behauptet, wenn die Kinder Durchfall hätten, sei dies die Schuld der Nachbarn, die ihnen Böses wollten. Das Publikum buht ihn lautstark aus – denn natürlich wissen die Kinder, dass dies Aberglaube ist, der überwunden werden muss, und dass der Weg zu besserer Gesundheit über mehr Hygiene, sauberes Wasser und gesunde Ernährung führt. Diese Botschaften haben sie in den letzten zwei Jahren, seit das Rote Kreuz in der Region aktiv ist, immer wieder gehört – und sie prägen sich ihnen viel besser ein, wenn sie spielerisch vorgetragen werden. Nach der gleichen Methode finden auch in den Dörfern Aufklärungsveranstaltungen für Gross und Klein statt.

Auch Kesnay klatscht begeistert, als die Vorführung an der Schule vorbei ist. Selber auftreten möchte sie nicht, dazu sei sie zu schüchtern, erklärt sie uns. Dass sie aber konsequent ihre Hände wäscht, das können wir später zuhause, vor dem Essen, selber beobachten. Ob sie es dereinst leichter haben wird, wenn sie ihre eigenen Kinder grosszieht? Vieles ist ungewiss, vor allem das Klima, das immer unberechenbarer wird. Doch die kleinen Fortschritte, die das Dorf in letzter Zeit Schritt für Schritt erzielt hat, machen Mut. Die Menschen sind offen für Neues, sie haben gemerkt, wie wenig es braucht, um Veränderungen zu erzielen – erst recht, wenn sie dabei vom Roten Kreuz unterstützt werden.