Älter werden in der Zukunft

«Pensionierte sind eine wertvolle Ressource»

Im Hinblick auf die Fachtagung des Schweizerischen Roten Kreuzes erläutert uns Hildegard Hungerbühler wie das Leben der älteren Generationen in Zukunft sein könnte. Die Leiterin des Stabs Grundlagen und Entwicklung des SRK, die über einen Master in Gerontologie verfügt, hat sich eingehend mit Altersfragen befasst.

A PROPOS
14. Mai 2019
16. nationale Fachtagung SRK
Kongresszentrum BERNEXPO Bern
Von 9 bis 17 Uhr
Projekt Alter: den Aufbruch gemeinsam gestalten!
In Partnerschaft mit dem Departement Soziale Arbeit der Hochschule Luzern lädt das SRK Fachpersonen aus dem Sozial-, Alters- und Gesundheitsbereich zu seiner nationalen Fachtagung ein. Mit namhaften Referierenden werden verschiedene Fragen angesprochen: Was braucht es, damit ältere Menschen gesellschaftlich integriert bleiben? Welche Bedingungen fördern ihr Mitwirken an der gesellschaftlichen Gestaltung eines guten Lebens im Alter, auch wenn Unterstützung und Betreuung nötig werden?
Anmeldung und Programm: redcross.ch/nft19

Welche Herausforderungen stellen sich heute im Alter?
Wenn wir über Altersfragen sprechen, muss zunächst zwischen Seniorenalter und Hochaltrigkeit unterschieden werden. Als Seniorenalter gilt der Lebensabschnitt ab der Pensionierung bis zum Alter von etwa 80 Jahren. Hochaltrigkeit betrifft Menschen, die über 80 Jahre alt sind. Erstmals in der Geschichte der Menschheit erleben wir heute eine derart lange Phase nach dem Erreichen des Rentenalters. Insgesamt sind heutige Pensionierte aktiv und gesund. Sie nutzen nicht nur das breite Freizeitangebot, sondern engagieren sich selber auch für andere. Sie sind eine wertvolle Ressource!

Was meinen Sie damit?
Einige Seniorinnen und Senioren sind noch berufstätig und möchten es auch bleiben. Aber auch mit Freiwilligenarbeit bleiben Menschen im Alter gesellschaftlich integriert und tun etwas gegen drohende Einsamkeit. Es wird in Zukunft immer wichtiger, dass sich frisch Pensionierte für Hochbetagte engagieren. In rund zwanzig Jahren wird mehr als die Hälfte der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Ohne mehr Menschen, die auch ehrenamtlich Hochbetagte unterstützen, lässt sich dieser demographische Wandel kaum gut bewältigen. Denn ab dem 80. Altersjahr sind Menschen zunehmend auf Betreuung und Unterstützung angewiesen.

Was tut das SRK für ältere Menschen?
Das SRK bietet hauptsächlich Dienstleistungen an, die das Leben im gewohnten Zuhause weiterhin ermöglichen. Diese Angebote entlasten zudem auch die Angehörigen. Ich denke da etwa an den Fahrdienst, den Rotkreuz-Notruf, den Besuchs- und Begleitdienst und an die Entlastungsdienste in der Betreuung. Zugleich bieten die diversen Entlastungsdienste auch Seniorinnen und Senioren die Möglichkeit, sich freiwillig für Hochbetagte zu engagieren und so selber aktiv zu bleiben.

Es dürfte schwierig sein, Menschen, die einsam sind zu erreichen.
Das ist richtig. Besonders schwierig ist es, bereits isolierte Menschen und Teile der älteren Migrationsbevölkerung zu erreichen. Deshalb hat das SRK «Fokus Migration» lanciert: Freiwillige mit Migrationshintergrund werden einbezogen, damit auch ältere Migrantinnen und Migranten erreicht werden und von den SRK-Dienstleistungen profitieren.

Und was unternimmt das SRK für ältere Menschen im Ausland?
In der Schweiz ist die demografische Alterung der Bevölkerung auf die tiefe Geburtenrate, die durchschnittlich längere Gesundheit im Alter und eine entsprechend höhere Lebenserwartung zurückzuführen. In einigen Ländern Osteuropas hingegen, gibt es zudem immer mehr ältere Menschen, weil Berufstätige häufig das Land verlassen. Das SRK hat deshalb Programme lanciert, welche ebenfalls die Ressourcen von jüngeren Rentnerinnen und Rentner nutzen, um Hochbetagte zu unterstützen. Es fördert die Nachbarschaftshilfe beispielsweise in Bosnien und Herzegowina, Moldawien sowie Weissrussland.

Wäre das auch in der Schweiz denkbar?
Ja, solche Vorhaben nehmen auch hier zunehmend Form an. Allerdings muss darauf geachtet werden, nicht alles an den zivilgesellschaftlichen Sektor zu delegieren. Auch der Staat muss Verantwortung für die Gestaltung des Lebens im Alter übernehmen.

Eine letzte Frage: Wie überzeugen Sie uns, die nationale Fachtagung des SRK zu besuchen?
Wir alle werden mit jedem Tag älter und Altersfragen gehen uns alle und die Gesellschaft insgesamt an! Zum Glück wird das Alter heute bewusster wahrgenommen. Es ist kein Tabu mehr, darüber zu sprechen. Diese Tagung bietet eine zusätzliche Gelegenheit, sich über dieses wichtige Thema auszutauschen.

Hildegard Hungerbühler
Die 60-jährige leitet die Abteilung Grundlagen und Entwicklung im SRK-Departement Gesundheit und Integration. Sie hat Sozialarbeit und Sozialantrophologie studiert sowie einen Master in Gerontologie abgeschlossen.