Reportage Bosnien und Herzegowina

Die Kraft der aktiven Alten

Die Menschen von Bosnien und Herzegowina leiden noch immer unter den Folgen des Krieges. Vor allem Ältere leben in bitterer Armut und sind auf sich selbst gestellt. Das SRK unterstützt sie bei der Selbsthilfe und hat einen Hauspflegedienst aufgebaut. Hoch willkommene Angebote, wie ein Besuch in Tuzla und Umgebung zeigt.

Ein kalter Wintermorgen in der bosnischen Stadt Tuzla. Der zentrale Platz wirkt um diese Zeit normalerweise verlassen. Aber heute ist alles anders. Von allen Seiten treffen ältere Menschen ein, die rasch miteinander ins Gespräch kommen. Zwei Frauen bringen Kisten mit Früchten und Mineralwasser. Ein betagter Herr stellt zwei Lautsprecher auf und macht einen Soundcheck. «Was geht hier vor?», fragt eine junge Frau, die mit ihren beiden Kindern über den Platz schlendert. Seniorinnen und Senioren von Tuzla und Umgebung treffen sich zu einer Fitnessaktion! Bald scheppert aus den Lautsprechern peppige Musik.

Wer sich in einer Active-Ageing-Gruppe engagiert, hilft anderen und tut sich selber etwas Gutes.

Unter der Anleitung eines jungen Mannes des lokalen Turnvereins kreisen die Frauen und Männer ihre Hüften, schwingen die Arme und hüpfen im Takt der Musik. «Es tut richtig gut», meint der 83-jährige Witwer nach 20 Minuten leicht atemlos. Dank den Aktionen in der Gruppe vergesse er die schweren Gedanken, die ihn seit dem Tod seiner Frau vor drei Jahren oft begleiteten.

Für sich selber und andere

«Mit solchen Aktionen erregen wir bewusst Aufmerksamkeit. Die älteren Menschen, die isoliert zu Hause sind, werden sichtbar – sie zeigen, dass sie Energie haben und gemeinsam stark sind», sagt Mihela Hinic, Länderverantwortliche des SRK in Bosnien und Herzegowina. Initiiert und unterstützt vom SRK sind in den letzten drei Jahren in Tuzla und Umgebung 20 sogenannte Active-Ageing-Gruppen entstanden, rund 800 ältere Menschen machen mit. «Es ist wie eine Lawine, es werden immer mehr», stellt Mihela Hinic fest.
 
Neben dem wichtigen geselligen Teil, der den Menschen hilft, ihre Einsamkeit zu durchbrechen, setzen sich die Gruppen für soziale Anliegen ein. Das sind beispielsweise Vergünstigung für Betagte auf bestimmten Dienstleistungen oder auch Freizeitangebote für Kinder. Gruppenmitglieder besuchen einsame und gebrechliche Menschen zuhause oder verkaufen Selbstgestricktes und unterstützen mit dem Erlös Familien in Not. Das SRK unterstützt sie bei der Raumsuche, stellt Material zur Verfügung und ermöglicht besonders engagierten Freiwilligen, sich weiter zu bilden - wie kürzlich mit einem Chili-Training (siehe unten) zum Umgang mit Konflikten.
 

Bedürftige ohne Hilfe

Auch 20 Jahre nach Ende des Kriegs leidet Bosnien unter dessen Folgen. Die Wirtschaft ist am Boden, die Jungen wandern ab. Viele Menschen sind verarmt und der Staat ist nicht in der Lage, grundlegende soziale und gesundheitliche Dienstleistungen zu erbringen.

Wie gross die Not ist, zeigt sich beim Besuch bei der Familie Rezcic. Mutter Ramza, 62-jährig, ist nach einer misslungenen Rückenoperation seit vier Jahren bettlägerig. Ihr 17-jähriger Sohn Dzerad ist seit der Geburt schwer behindert. Vater Nedzad, der einst als Bauarbeiter die Familie ernährte, musste den Job aufgeben und kümmert sich um alles. Die Familie lebt von einer winzigen Rente – es fehlt an allem. Der Knabe braucht Einlagen, die Mutter teure Medikamente. Auch das Holz, um im Winter zu heizen, geht ins Geld. Immerhin hat sich die Lage der Familie in den letzten Jahren gebessert, seit das SRK in der Region neben Selbsthilfegruppen auch einen Hauspflegedienst aufgebaut hat. Zweimal pro Woche kommt eine Rotkreuz-Pflegerin vorbei. «Es ist eine enorme Erleichterung», sagt der Vater, dessen Gesicht von Sorgen gezeichnet ist. Nachdenklich schaut er zu, wie die Rotkreuz-Krankenschwester Maja Sejdinovic seine Frau anleitet, selber im Bett aufzusitzen – etwas, das Ramza Rezcic längst aufgegeben hatte. Die Frau jammert und ächzt, aber Maja sagt: «Es ist wichtig, dass die Übungen anstrengend sind. Nur so baut sie wieder etwas Muskeln auf.» Viel zu lange sei sie ohne Betreuung gewesen. Nach der Operation des Rückens vor sieben Jahren hatte sie keinerlei Physiotherapie und es ging ihr immer schlechter. Auch bei der Betreuung des Sohnes, der während des ganzen Besuches im Bett liegt und schläft, wurde die Familie viele Jahr völlig allein gelassen.

Weitere Active-Ageing-Gruppen und zusätzliche Hauspflegedienste – das SRK will noch mehr erreichen.

In Tuzla Stadt und im ländlichen Lukavac hat das SRK in den letzten drei Jahren Hauspflegedienste aufgebaut und parallel dazu auch die Active-Ageing-Gruppen gefördert, die mit Hausbesuchen das Angebot ergänzen. Rund 200 Menschen mit medizinischen Problemen oder Behinderungen, aber auch alleinstehende Hochbetagte werden regelmässig besucht. Das SRK will das Programm auf fünf weitere Regionen ausweiten – denn die Bedürfnisse sind enorm. Ziel ist es, dass die Gesundheitsbehörden die Hauspflege längerfristig übernehmen, entsprechende Gespräche sind im Gang. Doch bis es soweit ist, bleibt noch viel zu tun – dank der Unterstützung aus der Schweiz können die Rotkreuz-Pflegerinnen und die aktiven Älteren ihre wertvolle Hilfe weiterführen und ausweiten.

KURZ BEFRAGT

Thomas Hofer: Seit vier Jahren ist er Koordinator des SRK-Konfliktpräventionsprogramms chili. Zum ersten Mal hat der 39-Jährige mit einer chili-Fachfrau einen Workshop im Ausland begleitet.

chili ist ein Angebot für Jugendliche in der Schweiz. Nun wurde in Bosnien ein Training für ältere Menschen angeboten. Warum?
Thomas Hofer: Es stimmt, dass wir chili vor allem bei Jugendlichen einsetzen, meist wird es mit Schulklassen durchgeführt. Aber nicht nur. Auch in der Schweiz stellen wir fest, dass der spielerische, erlebnisorientierte Ansatz des Trainings bei Erwachsenen gut funktioniert. So führten wir schon mit Bus-Chauffeuren, Mitarbeitenden von Altersheimen und oft auch mit Lehrpersonen Kurse durch. Die Idee, im Rahmen des Altersprogramms in Bosnien ein chili-Training durchzuführen, hat mich überzeugt. Konflikte betreffen ja alle Altersgruppen, nicht nur die Jungen.

Hat das erste chili-Training ausserhalb der Schweiz funktioniert?
Die Rückmeldungen der Teilnehmenden waren durchwegs positiv. Sie waren erfreut, aber auch überrascht, wie viel sie vom Training lernen und nun in ihren regionalen Altersgruppen umsetzen können. Mich hat beeindruckt, wie engagiert und wissbegierig sie waren. Alle waren offen, sich mit ihren Konfliktmustern auseinander zu setzen. Von einigen ehemaligen Lehrkräften kam sogar die Idee, solche Trainings künftig auch an Schulen in Bosnien und Herzegovina durchzuführen.

Wird chili nun auch in andern Ländern, wo das SRK aktiv ist, angeboten?
Die Erfahrung in Bosnien hat uns gezeigt, dass es sinnvoll sein kann, chili in der internationalen Zusammenarbeit einzusetzen und dass es gut aufgenommen wird. Das ist motivierend. Wir werden die Erfahrungen nach einiger Zeit auswerten und dann prüfen, ob auch in andern SRK-Programmen chili-Trainings durchgeführt werden sollen.