Mutter-Kind-Gesundheit in Laos

Entscheidende erste Jahre

Beratung bei der Familienplanung, begleitet durch Schwangerschaft und Geburt, sauberes Wasser und frühzeitiges Erkennen von Mangelernährung: Mit diesen Massnahmen senkt das Schweizerische Rote Kreuz die Sterblichkeit von Müttern und Kindern nachweislich.

Die junge Frau liegt in den Wehen, ihr Mann sitzt hilflos daneben. Die einzige Unterstützung, die die Gebärende erhält, sind die Gebete mit Räucherstäbchen des Schamanen und einer Kerze, während sie sich vor Schmerzen windet. Die Geburt wird nicht gut gehen, sie wird viel Blut verlieren, vielleicht sogar ihr Leben oder das des Kindes.

Glücklicherweise ist dies nur die erste Szene eines Rollenspiels. Inspiriert vom richtigen Leben und ihren Erfahrungen haben es die Hebammen und das Personal des Gesundheitszentrums in Thapo einstudiert. Hier in der laotischen Provinz Luang Prabang kennt jede Frau nur zu gut solche Geschichten von schwierigen Geburten, von Komplikationen, von Todesfällen. Szene zwei zeigt, wie eine Geburt sicherer abläuft. Der Ehemann sorgt bei den ersten Wehen dafür, dass seine Frau rechtzeitig und professionelle Hilfe erhält. Er weiss, wie wichtig das ist, denn während der Schwangerschaft begleitete er seine Frau zu den pränatalen Kontrollen ins Gesundheitszentrum. Dort lernen beide viel über mögliche Risiken einer Schwangerschaft und Komplikationen während der Geburt. Anschaulich zeigt das Rollenspiel nun, wie die gut ausgebildete Hebamme eine Geburt begleitet. Stellvertretend für das Baby kommt eine Puppe zum Vorschein. Das Durchschneiden der Nabelschnur, die Nachgeburt – alles wird vorgespielt und gleichzeitig auf einfache Art erklärt. So weit geht alles gut. Die Anwesenden schauen interessiert zu und kommentieren rege das Geschehen. Plötzlich auch im Rollenspiel ein Moment der Hektik: Die Mutter hat einen viel zu hohen Blutdruck, doch rasch wird ihr geholfen. Die Darbietung findet dank der Hebamme ein glückliches Ende.

Hebammen geben Sicherheit

Auf einprägsame Art lernen die Anwesenden an diesem Vormittag, wie wichtig professionelle Hilfe bei einer Geburt ist. Aufklärung und Sensibilisierung sind lebenswichtig für Mütter und Kinder in einem Land wie Laos. Noch immer gebären viele Frauen ohne fachliche Unterstützung zu Hause. Mit 197 Todesfällen auf 100 000 Geburten ist die Müttersterblichkeit eine der höchsten in der Region und fast fünfzig Mal höher als hierzulande. Das Land ist dünn besiedelt – knapp sieben Millionen Einwohner auf einer Fläche fast sechsmal so gross wie die Schweiz. Laos gilt trotz touristischer Vorzüge als eines der am wenigsten entwickelten Länder Südostasiens. Die gesamte Infrastruktur ist schwach ausgebaut. Das SRK hat daher mit dem laotischen Gesundheitsministerium mehrere Gesundheitszentren im Norden des Landes aufgebaut oder besser ausgestattet. Das verbesserte Angebot führte dazu, dass sich die Zahl der Heimgeburten in den letzten Jahren praktisch halbierte und die Müttersterblichkeit bereits stark gesenkt werden konnte.

«Früher wussten wir kaum, was bei einer Schwangerschaft im Körper vor sich geht.»

Nebst einer verbesserten Infrastruktur braucht es professionelle Hebammen und Gesundheitsfachleute. Da die Grundausbildung mangelhaft ist, investiert das SRK in die die Weiterbildung des Pflegepersonals und der Hebammen. Die Krankenschwester Nid Viengphim erzählt begeistert: «Früher wussten wir kaum, was bei einer Schwangerschaft im Körper vor sich geht. Wir hatten keinen Ultraschall und waren das Anfassen und Abtasten des Bauches nicht gewohnt. Wir konnten nicht ‘hineinschauen’.» Sie habe das alles und mehr erst in der praxisorientierten Weiterbildung gelernt, die durch das Rote Kreuz angeboten wurde. « Ich kann schwangere Frauen nun viel besser unterstützen und bei der Niederkunft begleiten», erklärt die 35-Jährige. «Das motiviert. Ich fühle mich sicherer, und das stärkt auch die Frauen während der Geburt. Sie haben Vertrauen zu mir», ergänzt Viengphim, die selber zweifache Mutter ist, voller Stolz. Die markant ansteigende Zahl an betreuten Geburten mit Hebammen in den beiden Distrikten, in denen das SRK arbeitet, zeigt denn auch, dass dieses Angebot äusserst geschätzt wird.

In den Dörfern unterwegs

Wenn sie nicht im Spital arbeitet, ist Nid Viengphim Teil eines mobilen Teams, das die Gesundheitsversorgung in den Dörfern sicherstellt. Menschen, die abgelegen leben, können sich den Weg ins Gesundheitszentrum zeitlich und finanziell nicht leisten. Mobile Teams bringen daher die medizinische Grundversorgung regelmässig in die abgelegenen und schlecht erschlossenen Dörfer. Ein Team besteht üblicherweise aus einer Hebamme, aus medizinischem Personal des Gesundheitsministeriums und aus Freiwilligen, welche für die Aufklärung der Bevölkerung zuständig sind.

Das mobile Team besucht ein Dorf wie Pou Nang Nag, wo die 350 Dorfbewohnerinnen und -bewohner mindestens 90 Minuten bis zur nächsten Gesundheitseinrichtung brauchen. Aber nur bei gutem Wetter, denn die Verkehrsadern und Transportmittel hier im bergigen Norden Laos sind schlecht. Die Erdstrassen haben vom monatelangen Regen tiefe Löcher und sind während der Monsunzeit kaum befahrbar. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es in den abgelegenen, ländlichen Gebieten nicht und kaum eine Ambulanz ist für den Notfall verfügbar.

Vorsorge ist Nachsorge

Die mobilen Teams informieren über Familienplanung, führen pränatale Kontrollen sowie Nachsorge durch und bieten Beratung an. Sie impfen die Kinder und kontrollieren regelmässig deren Entwicklung. Heute auch bei der jüngsten Tochter von Kasia Fong. An Mutters Seite lässt die sechs Monate alte Chue sichtlich gelassen die Prozedur über sich ergehen. Freiwillige messen Grösse und Gewicht, Chue geht es bestens. Doch viele Kinder im ländlichen Norden von Laos leiden unter Mangel- oder Unterernährung. Armut ist in den Dörfern verbreitet. Die Menschen leben vom Eigenanbau, Mahlzeiten sind oft zu wenig ausgewogen, was zu Langzeitschäden bei den Jüngsten führen kann. Dies gilt es in den regelmässigen Kontrollen frühzeitig zu erkennen. Die Eltern werden sensibilisiert und erhalten praxistaugliche Vorschläge für ausgewogene Mahlzeiten.

Chue kam im Spital zur Welt. Dank den Voruntersuchungen wusste die werdende Mutter, dass es bei der Geburt Probleme geben könnte. «Als es so weit war, fühlte ich, dass ich Hilfe brauchen werde», erinnert sich Kasia Fong. Es eilte, deshalb fuhr ihr Mann sie um fünf Uhr in der Früh auf dem Motorrad über die holprige Strasse ins Tal hinunter. Glücklicherweise kam ihnen auf halbem Weg das Auto entgegen, das in der Zwischenzeit vom Roten Kreuz organisiert werden konnte, und brachte das Ehepaar Fong ins Spital. Die vierfache Mutter kann sich gut an ihre erste Geburt im Dorf erinnern: «Es ging zwar auch alles gut. Aber ich weiss, dass es sicherer ist, wenn im Notfall jemand mit Erfahrung helfen kann. Es kann so vieles schiefgehen bei einer Geburt, und es ist sehr kräftezehrend», betont die 30-Jährige. «Ich war dankbar, nicht alleine zu sein.»