Reportage Ecuador

Die zu jungen Mütter von Tigre Playa

In Ecuador wird jedes fünfte Mädchen schwanger, bevor es erwachsen ist. In den abgelegenen Dörfern des Amazonas-Tieflandes sind es sogar noch mehr. Medizinische Hilfe ist schwer erreichbar, wenn Geburtskomplikationen auftreten. Das SRK verbessert deshalb die Gesundheitsversorgung und fördert die Aufklärung indigener Jugendlicher.

«Ich will, dass wir eine Wahl haben. So viele junge Mädchen werden schwanger und sind auf sich selbst gestellt. Oft wissen sie nicht einmal genau, was mit ihrem Körper geschieht – auf einmal sind sie Mütter, bevor sie es sich richtig überlegt haben.» Wenn Jani Begai über Jugendschwangerschaften spricht, sprüht sie vor Energie und Empörung. Die 18-Jährige wuchs selber als Tochter einer alleinerziehenden Mutter unter schwierigen Bedingungen im Dorf Tigre Playa im Amazonasgebiet auf. Für sie ist klar: Sie wünscht sich ein anderes Leben, als ihre Mutter es hatte. Als sie hörte, dass die vom Roten Kreuz unterstützte Organisation Fonakise junge Menschen sucht, die sich als freiwillige Gesundheitspromotoren engagieren, war sie sofort Feuer und Flamme.

«Wir wenden uns auch an die Männer»

In Kursen und Workshops hat die junge Frau vom Volk der Kichwa viel über Schwangerschaft und Geburt erfahren, über soziale Verantwortung und das Recht auf Empfängnisverhütung. Gemeinsam mit andern Freiwilligen engagiert sie sich nun an Schulen, in den Dörfern und mit Sendungen im lokalen Radio bei der Aufklärung junger Menschen. «Es ist wichtig, dass die Mädchen ihre Rechte kennen und wissen, wie sie eine frühe Schwangerschaft verhindern können. Aber wir wenden uns auch an junge Männer, denn das Problem betrifft beide Geschlechter», betont Jani Begai.

Tigre Playa ist eines von 20 Dörfern entlang des Flusses San Miguel, in denen das SRK die Verbesserung der Gesundheit unterstützt. Die indigenen Fischergemeinschaften im Grenzgebiet zu Kolumbien waren lange Zeit in sich geschlossen mit wenig Kontakt zur Aussenwelt. Durch die Ölförderung, die in der Region immer wichtiger wird, ist das vermeintliche Idyll längst gestört. Immer mehr Männer suchen ihr Einkommen bei einem der Konzerne und leben monateweise in der Stadt. Die traditionellen Familienstrukturen verändern sich, Aids ist ein wachsendes Problem. All dies beeinflusst auch die Perspektiven der Jungen in den Dörfern. Das Wissen um die Herausforderungen der modernen Welt kontrastiert zum Leben im Dorf, das noch immer von strengen Traditionen geprägt ist.

Vom Kind zur Kindsmutter

In der Sprache der Kichwa gibt es keinen Begriff für Adoleszenz. Die Mädchen werden vom Kind direkt zur Frau. Die erste Beziehung führt nicht selten zur Schwangerschaft. In so jungen Jahren ist dies riskant, denn der Körper ist noch gar nicht fertig entwickelt. Theoretisch können die jungen Frauen beim Gesundheitszentrum Verhütungsmittel wie Kondome oder die Pille beziehen: «Aber die Meisten wissen zu wenig Bescheid oder sind viel zu schüchtern, um sich nach Verhütungsmitteln zu erkundigen», so Nathaly Lopez, die Projektverantwortliche des Roten Kreuzes bei Fonakise. Die Gemeinschaften seien sehr traditionell, betont sie. Da brauche es viel Fingerspitzengefühl und für die Jugendlichen mitunter auch Mut, das tabuisierte Thema Sexualität anzusprechen.

Wie schnell aus mütterlicher Vorfreude eine Tragödie werden kann, hat Elena am eigenen Leib erfahren. Sie war gerade mal 15, als sie das erste Mal schwanger wurde. Doch die Geburt verlief dramatisch, das Baby starb. «Ich wollte wie alle Frauen zu Hause gebären. Als es zu Komplikationen kam, war zuerst kein Boot da, um mich ins anderthalb Stunden entfernte Spital zu bringen. Als schliesslich eines aufgetrieben wurde, war es zu spät», sagt die jetzt 23-Jährige, die nun Mutter von zwei Kindern ist .

Hebammen spielen eine Schlüsselrolle

Die Risiken rund um Schwangerschaft und Geburt gehören zu den grossen Sorgen in den Dörfern dieser unwegsamen Region. Allein in den letzten sechs Monaten sind in der Nachbarschaft von Tigre Playa zwei Frauen bei der Geburt gestorben. Im Rahmen seines umfassenden Programmes zur Verbesserung der Gesundheit unterstützt das SRK deshalb die Weiterbildung traditioneller Hebammen in den Dörfern. Sie spielen eine Schlüsselrolle bei der Begleitung der Frauen vor, während und nach der Geburt. Besonders wichtig ist, dass sie frühzeitig erkennen, wenn sich Geburtskomplikationen abzeichnen. Nur so kann die lange Fahrt ins Spital noch rechtzeitig organisiert werden. Doch auch ganz praktische, handfeste Dinge können über Leben und Tod entscheiden: Etwa, dass jederzeit ein Boot vor Anker liegt mit genügend Diesel im Tank, um den Motor im Notfall starten zu können.