Blutspende im Libanon

Heute im Hotel spenden

Mit Unterstützung des Schweizerischen Roten Kreuzes baut das Libanesische Rote Kreuz seinen Blutspendendienst im ganzen Land aus. Mit mobilen Blutspendenaktionen bringt es besonders junge Menschen zum Spenden und sensibilisiert die Bevölkerung für die Bedeutung des Blutspendens.

Nach monatelanger Genesungszeit kann Reem Ghannoum heute zum ersten Mal ohne Korsett aus dem Haus gehen. Als wir die elegante, fröhliche Libanesin treffen, ist ihr nicht anzusehen, was hinter ihr liegt: Ein Sturz ins Meer über mehrere Meter hätte die 26-Jährige vor einem knappen Jahr fast das Leben gekostet. «Beim Aufprall auf dem Wasser wurden mehrere Rückenwirbel gestaucht, was innere Blutungen in die Oberschenkel auslöste», erzählt sie. «Ohne Bluttransfusion hätte ich wahrscheinlich nicht überlebt.» Die Angestellte des Hotels Hilton in Beirut weiss, wie viel Glück sie hatte, dass sie auf das Blutspendesystem des Libanesischen Roten Kreuzes zählen konnte. Zum Dank will sie etwas für andere tun. Auf ihre Anregung organisieren ihre Vorgesetzen eine Blutspendeaktion im Hotel, damit alle Angestellten am Arbeitsort Blut spenden können.

Zusätzlich zu seinen Blutspendezentren organisiert das Libanesische Rote Kreuz seit mehreren Jahren mobile Blutspendeaktionen in öffentlichen oder privaten Räumen, wie im Hotel Hilton. Das Schweizerische Rote Kreuz unterstützt seine Schwesterorganisation im Bereich der Blutspende. Das ist wichtig, weil anders als bei uns das Blutspenden aus Solidarität für unbekannte Personen noch keine Selbstverständlichkeit ist.

Von der Familienangelegenheit zur Solidarität

Im Libanon spenden hauptsächlich Angehörige Blut für ein verletztes oder krankes Familienmitglied. Doch nicht immer kann Spendeblut von Verwandten schnell genug und in ausreichender Menge organisiert werden. Auch der Transport der Beutel vom Blutspendezentrum ins Spital ist zu wenig sicher, denn auch das organisieren die Familienangehörigen selber. Das Libanesische Rote Kreuz will den Transport aus Qualitätsgründen sicherstellenund mehr Blutspenden aus Solidarität für alle Notfälle. Gegenwärtig deckt das Rote Kreuz 20 Prozent der Gesamtnachfrage im Libanon ab. Dieser Anteil soll in den nächsten Jahren verdoppelt werden.

Dank dem Madad-Fonds der Europäischen Union konnte das Libanesische Rote Kreuz eine Stelle für die Koordination seiner mobilen Aktionen schaffen. «So erreichen wir die Bevölkerung besser und können sie gleichzeitig dafür sensibilisieren, wie wichtig Blutspenden ist», erklärt der neue Koordinator, der 28-jährige Mohammad Hawi. Seit 2017 hat sich die Zahl der mobilen Aktionen deutlich erhöht

Reem Ghannoum erwartet, dass heute etwa ein Viertel der 125 Angestellten des Hotels Hilton Blut spenden wird. «Auch ich spende zum ersten Mal », gibt sie zu. Anfänglich befürchtete sie, dass sie sich unbehaglich fühlen würde. Doch zu ihrer Überraschung verläuft alles bestens. Vor und nach ihr sind Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Bereichen des Hotels an der Reihe: ein Koch, die Leiterin Marketing, eine Mitarbeiterin der Rezeption und der 28-jährige Concierge Ibrahim Mrad, der nicht zum ersten Mal Blut spendet. «Einmal war ein Freund von mir auf Blut angewiesen. Seither spende ich regelmässig, um Leben zu retten», erzählt uns der junge Mann.

Die gesamte Bevölkerung erreichen

Genau diese Dynamik möchte das Libanesische Rote Kreuz im Land auslösen. «Mit unseren mobilen Aktionen erreichen wir Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. Heute arbeiten wir zum ersten Mal mit dem Hilton zusammen. Hoffentlich können wir das in Zukunft regelmässig tun», vertraut uns Mohammad Hawi an. Der junge Mann mit einem Master in biomedizinischen Wissenschaften und Qualitätsmangement im Gesundheitswesen hat in der Schweiz eine Weiterbildung bei Blutspende SRK Schweiz besucht. Auch Reem Ghannoum kennt das Land mit dem weissen Kreuz auf rotem Grund gut: Sie hat ihre Hotellerieausbildung in Leysin absolviert. Ihr Unfall ereignete sich nach Abschluss der Ausbildung, als sie gerade erst einen Tag aus der Schweiz zurück war. Nachdem sie nun endlich wieder gesund ist, möchte sie das Leben in vollen Zügen geniessen.