Gesundheit in Bangladesch

Kostbares Gut für die Ärmsten

Gesundheit ist das kostbarste Gut eines Menschen. Der Zugang zu medizinischer Versorgung ein Grundrecht. In den abgelegenen Dörfern von Bangladesch jedoch ist es schlecht gestellt um die medizinische Grundversorgung. Shilpi Rani (links im Bild) musste zu lange leiden, weil sie nicht wusste, wo sie Rat holen kann und aus Angst vor hohen Kosten. Das SRK unterstützt benachteiligte Familien, ihr Recht auf Behandlung wahrzunehmen, und bildet das Gesundheitspersonal weiter. Jetzt kann Shilpi Rani wieder für ihre Familie sorgen, denn ihr gesundheitliches Leiden ist an sich leicht medizinisch behandelbar.

Shilpi Rani überquert schon zum dritten Mal an diesem Morgen mit dem Wasserkrug den grossen Schulhausplatz. Die Sonne brennt erbarmungslos herunter. Doch die Dreissigjährige kennt nichts Anderes. Während etwas weniger arme Familien ihre eigene Wasserpumpe haben, muss sie das Wasser stets beim Schulhaus holen. Wenigstens weiss sie, dass der Brunnen nicht mit dem im Boden natürlich vorkommenden Arsen verseucht ist – wie so viele andere in Bangladesch. Denn das Rote Kreuz hat ihn getestet und für unbedenklich erklärt.

Shilpi Rani wohnt mit ihrem Mann und den drei Kindern in einem einfachen Strohhaus ganz am Rand des Dorfes Yusufpur. Es ist Mitte Mai, die heisseste Zeit des Jahres. In zwei Wochen beginnt die Mangoernte. Kurz darauf dann der Monsun. Die Fischerfamilie kommt nur dank dem Nebenerwerb des Vaters als Rikschafahrer über die Runden. Land hat sie keines, sie gehört zu den Ärmsten im Dorf. Nur der Damm, der vor zwei Jahren gebaut wurde, trennt ihr Strohhaus vom Ganges, der die Grenze zu Indien bildet. «Wenn früher beim Monsun das Wasser über die Ufer trat, waren wir immer die Ersten, deren Haus weggeschwemmt wurde», sagt Shilpi Rani. Diese Gefahr sei nun glücklicherweise gebannt. Ohnehin habe sich Vieles gebessert, in letzter Zeit.

Der rettende Wendepunkt im Leben

Vor einem Jahr noch war die dreifache Mutter krank und schwach. Sie litt seit Monaten an Ruhr, einer äusserst schmerzhaften Entzündung des Dickdarms mit Fieber und blutigem Durchfall, die tödlich verlaufen kann. Ihr Jüngster war erst ein paar Monate alt, und weil sie beim Stillen zu wenig Milch hatte, war auch er geschwächt. Sie wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Medizinische Hilfe hatte sie – von Impfkampagnen in der Kindheit abgesehen – in ihrem ganzen Leben noch nie erhalten. Auch bei den Geburten der Tochter Shuki (11) und der beiden Söhne Subroto (7) und Surja (1) war jeweils nur eine alte Tante zugegen gewesen, die etwas Bescheid wusste.

In der schwierigen Zeit von Shilpi Ranis Krankheit kam der Besuch von Jahangier Alam gerade richtig. Der freiwillige Mitarbeiter der SRK-Partnerorganisation Dascoh besuchte im ganzen Dorf die ärmeren Familien und klärte sie über Gesundheitsrisiken auf und über ihr Recht auf medizinische Behandlung. Er war es, der Shilpi Rani ermunterte, in die Dorfklinik zu gehen. Zuerst war sie zu schüchtern und glaubte, sie sei zu arm, niemand würde sie behandeln. Doch sie erhielt kostenlos Medikamente und es ging ihr rasch viel besser. «Es war ein Wendepunkt in meinem Leben. Jetzt bin ich wieder bei Kräften und kann meine Familie versorgen», sagt sie. «Ich rate auch den andern Frauen im Dorf, unbedingt ins Gesundheitszentrum zu gehen, wenn sie oder ihre Kinder krank sind.»

Im Rajshahi-Distrikt im Norden von Bangladesch stärkt das SRK zusammen mit Dascoh die Gesundheitsversorgung auf dem Land. Zwar gibt es dort in praktisch allen Dörfern kleine staatliche Kliniken. Doch meist sind sie schlecht geführt, manchmal auch in baufälligem Zustand. Im Dorf Yusufpur blieb die Klinik oft wochenlang geschlossen. Der Medikamentenschrank war meist leer, andere Hilfsmittel wie ein Blutdruckmessgerät, ein Fieberthermometer oder eine Waage fehlten gänzlich. Kein Wunder, dass die Dorfbewohner lieber bei traditionellen Heilern Hilfe suchten oder bei Krankheiten einfach auf ein Wunder hofften.

Erfreuliche Fortschritte

Unterdessen hat sich einiges geändert. Dorfgruppen wurden mobilisiert, in einer Gemeinschaftsaktion renovierten sie die Klinik und strichen die Wände frisch an. Im Warteraum hängen nun anschauliche Plakate zu Schwangerschaftsrisiken und Hygieneregeln.

Vor allem aber wird das Gesundheitspersonal geschult, das nur über eine dreimonatige Grundausbildung verfügt. Im Rahmen des SRK-Programmes besuchen die Klinikangestellten Kurse zu wichtigen Gesundheitsthemen – von Mutter-Kind-Vorsorge über ausgewogene Ernährung bis zu Hygiene und Familienplanung. Auch lernen sie, Krankheitssymptome zu deuten und die richtigen Medikamente abzugeben. Zuvor hatten sie einfach bei jedem Leiden Antibiotika verschrieben – mit verheerenden Auswirkungen auf die Bildung von Resistenzen. «Die meisten der jungen Berufsleute sind sehr motiviert. Sie möchten gute Arbeit leisten und sind dankbar, dass wir sie dabei unterstützen», sagt die Ärztin Shaila Habib, die an der Entwicklung der Kursmodule beteiligt war und sie teilweise leitet. «Innert weniger Monate konnten wir erfreuliche Fortschritte erzielen.»

Vermeiden statt kurieren

Im Nachbardorf Mongli macht sich die 20-jährige Shima Khatun auf den Weg in die Klinik. Auch hier hat das SRK die medizinischen Dienstleistungen verbessert. Die junge Mutter will die Nachkontrolle ihres dreijährigen Sohnes Tonmoy, der kürzlich Bronchitis hatte, mit dem Besuch einer Aufklärungslektion kombinieren. Im Warteraum sind schon viele Frauen und Kinder versammelt. Die Mitarbeiterin der Klinik erklärt mit Informationstafeln, wie sich Durchfall vermeiden lässt und was zu tun ist, falls doch jemand daran erkrankt. Shima Khatun hat selber lange an chronischem Durchfall gelitten, bis sie den Weg in die renovierte Klinik fand und dort behandelt wurde. Heute lernt sie, dass sie mit Kuhdung künftig besser aufpassen muss. Das Naturprodukt verwenden die Menschen in Bangladesch traditionell zum Isolieren der Häuser aber auch zum Heizen und Kochen. Meist wird er von Frauen und Kindern mit blossen Händen auf den Feldern eingesammelt und später getrocknet. «Ich weiss jetzt, wie wichtig es ist, vor dem Kochen und Essen die Hände zu waschen. Ich dachte immer, Seife ist Luxus für die Reichen. Doch nun ist mir klar, wie wertvoll sie ist für die Gesundheit meiner ganzen Familie.»

Nach dem gleichen Modell wie in Yusufpur und Mongli verbessert das SRK in rund 232 Kliniken von Rajshahi die medizinischen Dienstleistungen und stärkt die Dörfer bei der Verbesserung der Gesundheit. 1,5 Millionen Menschen erhalten dadurch Zugang zu verbesserter medizinischer Grundversorgung. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf benachteiligte Familien gelegt, damit auch sie von den Fortschritten profitieren.

1,5 Millionen Menschen erhalten Zugang zu verbesserter medizinischer Grundversorgung.

Mit diesem Engagement unterstützt das SRK ein ambitiöses Vorhaben der Regierung. Sie baut in ganz Bangladesch pro 6000 Einwohner eine Dorfklinik und will so die grossen gesundheitlichen Probleme wie hohe Kinder- und Müttersterblichkeit bekämpfen. Bereits wurden im ganzen Land Tausende Kliniken errichtet. Doch damit sie überhaupt funktionieren und die Qualität stimmt, ist das Gesundheitsministerium auf die Unterstützung von Hilfswerken angewiesen.