Ghana

Gesundheitsförderung mit Gesang in Ghana

Im Norden Ghanas fördert das Rote Kreuz sogenannte Mothers Clubs. Diese bedienen sich der Sprache der Musik, um die Menschen in den Dörfern für ein besseres Gesundheitsbewusstsein zu gewinnen. Die gesungenen Botschaften werden gerne gehört und bleiben unvergessen.

Von weitem schon hört man singende Frauenstimmen. Laut und rhythmisch erklingen sie und ziehen neugierige Marktbesucher an. Der kraftvolle A-capella-Gesang wird allein durch Klatschen verstärkt. Mit vollem Körpereinsatz bringen die Sängerinnen die Besucher dazu, ihnen nicht nur aufmerksam zuzuhören, sondern Teil zu werden dieser Veranstaltung. Das Publikum verweilt, hört zu – und lernt. Verkaufen wollen die Frauen auf dem Markt nichts, ausser ihre Botschaften. In den Liedern geht es um eine gesunde Lebensweise und wie man sich vor einer ansteckenden Krankheit schützt. «Was wisst ihr über Cholera?», fragen sie den Kreis der Anwesenden, «und wer weiss, was man tun kann, damit man gar nicht erst krank wird?»

«Wir sind Rotkreuz-Frauen. Wir verstecken uns nicht. Singt lauter! Klatscht lauter!»

Singende Botschafterinnen

Einmal die Woche treffen sich Vertreterinnen dieser Mothers Clubs wie hier auf dem Marktplatz in Balungu im Norden Ghanas. Sie tauschen sich aus, lernen Neues und nutzen die Gelegenheit, um die Menschen mit ihren singenden Botschaften zu erreichen. Rund 30 Frauen jeden Alters und aus verschiedenen Dörfern sind heute zusammen gekommen. Was sie hier lernen, tragen sie einzeln oder in kleineren Gruppen wieder in ihre Gemeinden. Sie alle sind Freiwillige des Ghanaischen Roten Kreuzes und klären in ihren Dörfern die Familien über Gesundheitsthemen auf. Es gibt viele solcher Mothers Clubs in der Upper East Region im Norden Ghanas. In dieser dünn besiedelten Region, wo die Dörfer weit verstreut sind, kommen die öffentlichen Gesundheitsdienste kaum hin. Die gut in der Bevölkerung verankerten Frauengruppen übernehmen hier eine wichtige Rolle in der Gesundhetisförderung und Wissensvermittlung von Gesundheits- und Hygienethemen. Sie ergänzen die noch schwache staatliche medizinische Grundversorgung.

Die Themen sind vielseitig. Sie reichen von gesunder Ernährung bis zur Prävention und dem Umgang mit Malaria, Cholera oder Ebola. Die Mothers singen, wie man ein Neugeborenes pflegt und versorgt: «Gebt ihm die Brust während den ersten sechs Monaten und sonst nichts», erklingt es im Chor, immer wieder. Die Lieder beinhalten Botschaften über Hygiene und Händewaschen oder wie wichtig Familienplanung ist und wie man sich vor sexuell ansteckenden Krankheiten schützen kann. Unterstützt werden die Mothers Clubs in ihrer Arbeit zur Gesundheitsförderung vom Ghanaischen und dem Schweizerischen Roten Kreuz (SRK). «Wir geben den Clubs die Informationen und bilden sie zu Gesundheitsthemen aus. Wir stärken sie und motivieren sie, sich zu treffen und auszutauschen», sagt Frederick Adu Anti, SRK-Projektkoordinator in Tamale und zuständig für das Gesundheitsprogramm im Norden Ghanas. Vom Roten Kreuz erhalten die Freiwilligen ergänzendes Material zum Verteilen wie kürzlich einen Flyer zu Ebola. Auch die bebilderten Informationstafeln sind vom Roten Kreuz. Die Mothers Clubs zeigen sie zwischen den einzelnen Liedern den Anwesenden, um das vorgesungene Wissen zu vertiefen und Fragen zu diskutieren.

«In Zeiten von Ebola und Cholera, schütze dich, schüttle nicht jedem die Hand!»

Unvergessliche Lieder

Die Frauen komponieren zu jedem wichtigen Thema ein Lied mit ihren eigenen Worten und in ihrer Sprache. Immer wieder sind Vertreter des Roten Kreuzes an den Treffen dabei. Sie stellen sicher, dass die gesungenen Botschaften korrekt sind, geben Tipps oder neues Informationsmaterial ab. Darauf basierend werden die Liedtexte erweitert oder korrigiert. Klärungsbedarf gab es soeben zum Thema Ebola, erzählt Joseph Abarike, Leiter des lokalen Rotkreuz-Büros in Bolgatanga: «Ein Mothers Club wollte wissen, wieso es heisst: ‚Wir sollen kein Fleisch essen.‘ Ob ich denn kein Fleisch esse, fragten sie mich.» Doch, natürlich, habe er erwidert: «Aber kein Fleisch von Flughunden oder Affen.» Der Verzehr solcher Wildtiere ist in weiten Teilen Westafrikas verbreitet. Doch sie können Träger von Ebola sein, «also Hände weg davon.» Daraufhin präzisierten die Frauen die Aussage in ihrem Ebola-Lied.

Lieder sind eine ideale Form, Wissen zu bündeln und Botschaften zu vermitteln. Sie sind eingängig, durch die stetige und rhythmische Wiederholung trägt man sie irgendwann mit sich, wie wir das Lied über das Abc oder die Weihnachtslieder aus unserer Kindheit. Einmal gelernt bleiben sie uns in Erinnerung. In Ghana sind Lieder ständige Begleiter, man trägt sie in sich und überall hin mit. Wissen ist so jederzeit abrufbar und hilft schon in der Gesundheitsprävention. Denn die Menschen haben gelernt, was sie tun müssen, damit es gar nicht erst zum Ausbruch einer Krankheit wie beispielsweise Cholera kommt. Und falls doch, wie sie am schnellsten eingedämmt werden kann. Auch Ebola-Prävention ist in Ghana ein Thema der Aufklärung. Es gibt dazu mehrere Lieder der Mothers Clubs, die sogar von lokalen Radiostationen gesendet werden.

Simpel, aber genial

Zuhörerinnen und Zuhörer auf dem Marktplatz in Balungu zeigen sich tief beeindruckt von diesen starken Frauen, die wissen, wie man sich helfen kann. «Wir sind mit traditionellem Wissen aufgewachsen, das die Mütter und Grossmütter uns weitergegeben haben. Vieles davon ist überholt oder hat uns sogar mehr geschadet als geholfen. Wir wussten es nicht besser, niemand hatte uns aufgeklärt.» Umso wichtiger sei die Wissensvermittlung des Roten Kreuzes über die Mothers Clubs, die auch in die entlegensten Winkel des Landes gelangen. «Die Informationen in eingängige Lieder zu verpacken ist simpel aber genial», meint auch eine Marktgängerin aus Namoo. «Lieder begleiten uns ständig, man kann sie sich einfach merken. Und man muss nicht gebildet sein oder lesen können, um sie zu lernen.»

«Hilf dir, damit du den Anderen helfen kannst», sagen die Frauen vom Mothers Club auf dem Marktplatz in Balungu. Sie sind stolz, dass sie gesehen und vor allem gehört werden. Und dass sie mit ihrem Engagement viel für ihre Gemeinschaften tun können. Stolz aber auch darauf, als Rotkreuzfreiwillige Teil einer grossen Bewegung zu sein.