Prävention in Paraguay

Gegen das Schweigen

Mangels Aufklärung und Verhütung sind in Paraguay viele werdende Mütter noch minderjährig. Vier Mal mehr Menschen als in der Schweiz infizieren sich mit Aids. Deshalb unterstützt das SRK die Prävention und bildet Jugendliche aus, die ihr Wissen aus eigener Überzeugung an Gleichaltrige weitergeben. Wirksame Massnahmen, die wichtig sind für die Zukunft einer ganzen Generation.

Francisca Valenzuela war 37, als sie schwer krank wurde. Man sah sie kaum noch im Dorf. Ungewöhnlich fanden das auch die Mitarbeitenden der Organisation Tesãi Reka, die regelmässig im Dorf Arroyito vorbeikommen. Denn die neugierige Frau hatte nie eine der Veranstaltungen der NGO (Nichtregierungsorganisation) ausgelassen. In einer der ärmsten Regionen Paraguays informiert Tesãi Reka durch Vorträge die Bevölkerung über ihre Grundrechte wie der allgemeine Zugang zu Gesundheit, aber auch über stark tabuisierte Themen. Sexualität und Intimität beispielsweise, sexuelle Gesundheit oder Familienplanung. Es geht auch um Diskriminierung sowie um die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und das eigene Leben.

Trotz heftigem Dauerregen sind an diesem Vormittag mehrere Zuhörende gekommen, um von den freiwilligen Gesundheitspromotorinnen von Tesãi Reka zu lernen. Heute diskutieren sie über Gewalt. Ein Phänomen, über das kaum gesprochen wird. Ein etwa vierzigjähriger Mann unterstreicht, wie wichtig Sensibilisierung sei. Er setze sich ein für ein gewaltfreies Zusammenleben in der Gemeinschaft und in der Familie. Nicht wegschauen, sondern helfen oder Hilfe holen im Ernstfall. «Damit sich etwas ändert», fordert er.

Betroffene als Promotorin

Francisca Valenzuela ist heute wieder dabei. Die mittlerweile 42-Jährige lässt sich zur Promotorin ausbilden. «Hätte ich alles früher gewusst, was ich an diesen Treffen gelernt habe, wäre es nie so weit gekommen.» Nur ihre Familie weiss, dass sie mit dem HI-Virus leben muss. Aus Angst vor Diskriminierung spricht sie vor ihren Nachbarn nicht darüber. Damals, als sie akut krank war, schaute eines Tages Tesãi Reka bei ihr vorbei.

«Hätte ich all dies früher gewusst, was ich an den Treffen gelernt habe, wäre es nie so weit gekommen.»

«Ich ging nicht zum Arzt, der war zu weit weg», erzählt die Selbstversorgerin, die von ihrem kleinen Stück Land und ein paar Haustieren lebt. «Ich hatte kein Geld, um bis zum Krankenhaus zu fahren.» Zudem war ihr Mann kurz zuvor gestorben. Sie brachten sie nach Asunción ins Krankenhaus. «Gleich 18 Tage behielten sie mich dort, ich war so schwach. Da bekam ich die Diagnose.» Das war ein Schock. Sie wusste praktisch nichts über Aids und dachte, es wäre ihr Todesurteil. Dank der Unterstützung von Tesãi Reka und der Stiftung Vencer (Spanisch für «Besiegen, Überwinden»), den beiden Partnerorganisationen des SRK in Paraguay, erhielt die Witwe alle nötigen Informationen. «Ich wusste ja damals überhaupt nicht, was mit mir los war. Nach allem, was mir passiert ist, möchte ich, dass mein Umfeld besser informiert ist», sagt Francisca Valenzuela rückblickend. «Ich wollte immer Krankenschwester werden. Doch weil wir arm waren, verliess ich wie so viele andere die Schule frühzeitig. Ein Studium konnten wir uns sowieso nicht leisten. Als Gesundheitspromotorin kann ich meiner Gemeinschaft heute helfen, das macht mich glücklich. Der Virus wird mich nicht aufhalten, etwas zu verändern», sagt die dreifache Mutter.

Eine Ansteckung kann, aber muss heutzutage nicht mehr tödlich sein. Wichtig ist, dass die Betroffenen gleich nach der Diagnose betreut werden, Unterstützung und Zugang zu den antiretroviralen Medikamenten erhalten.

Zurück im Leben

In der Hauptstadt Asunción begegnen wir Carlos Cortázar. Der 23-Jährige blickt etwas scheu aber voller Energie in die Zukunft. Seine braunen Augen werden traurig, als er erzählt, wie schwierig es war, seiner Mutter zu beichten, dass er HIV-positiv ist. «Erst muss man selber mit der Diagnose klarkommen. Ich war 19, als ich es herausfand, per Zufall, und ich dachte, das war’s jetzt!» Zum Glück liess ihn der Arzt mit diesem Urteil nicht alleine, sondern vermittelte den Kontakt zur Stiftung Vencer. «Sie gaben mir die Hoffnung, dass das Leben weitergeht und zeigten mir, dass ich mit den Medikamenten ein gutes Leben führen kann.» Seit vier Jahren lebt der Kellner mit seinem Partner zusammen, der gesund ist. «Wie Vencer hat auch er mich immer unterstützt, auch als ich nach zwei Jahren endlich bereit war, es meiner Familie zu erzählen.» Dabei steigen ihm Tränen in die Augen. «Ich wusste, meiner Mutter würde es das Herz zerreissen. Zum Glück war die Sozialarbeiterin von Vencer für uns da.» Sie sass mehrmals mit seiner Mutter zusammen und nahm ihr die Angst und die Zweifel, erklärte ihr, dass es ein Leben, eine Zukunft auch mit HIV gibt. «Dafür bin ich unendlich dankbar.»

Der junge Mann geht auch heute noch alle zwei Wochen zu den Treffen der Selbsthilfegruppe bei Vencer. Sie seien sehr wichtig. «Dort können wir frei von unseren Ängsten sprechen und wir wissen, wir sind nicht alleine. Komme, was da wolle.»

Die Wahl haben

In Paraguay erkranken jährlich etwa vier Mal mehr Menschen an HIV als in der Schweiz. Aids ist ein wachsendes Problem, ebenso die Jugendschwangerschaften: 20 Prozent der werdenden Mütter in Paraguay sind minderjährig. Die Gesellschaft – insbesondere die Jugendlichen – ist kaum aufgeklärt und damit stark gefährdet, sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken oder viel zu früh Eltern zu werden. Das gefährdet nicht nur die Gesundheit der zu jungen Mütter, sondern auch deren Zukunft in einem Land, in dem gut ein Drittel der Bevölkerung in Armut lebt und etwa 60 Prozent kaum oder keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung haben.

Das konservative und katholisch geprägte Land tut sich schwer, über solche Tabuthemen zu sprechen. Aufklärung steht nicht im offiziellen Lehrplan. Tesãi Reka und Vencer besuchen daher landesweit Schulen für die Aufklärung und Prävention in der Oberstufe. Zur Verstärkung bilden sie Jugendliche als Promotoren aus, die Gleichaltrigen ihr Wissen weitergeben. «Die meisten in meinem Alter sind zu schüchtern, darüber zu reden», bestätigt die Schülerin Gabriela Gamarra. Sie hat viel gelernt in den Aufklärungsstunden und realisiert, wie viel Falschinformationen noch heute kursieren. «Dagegen heisst es anzukämpfen», sagt uns die bald 17-Jährige. Sie möchte andere informieren. «Schliesslich geht es um unsere Zukunft. Ich will Medizin studieren und nicht so jung ein Kind bekommen. Jetzt weiss ich, wie ich meinen Traum erreichen kann.» Aufklärung und Prävention sind der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft ihrer Generation. Davon ist auch ihre Schulkollegin Yasmin Gómez überzeugt. Die 17-Jährige spricht zu Hause über das, was sie gelernt hat. Auch über starre Rollenbilder, über Gewalt. «Ich bin sehr dankbar, dass Tesãi Reka bei uns an der Schule war. Wir haben viel gelernt. Weder die Gesellschaft noch die Familie oder der Partner sollten über uns bestimmen, sondern jede einzelne Person für sich selber.» Information bedeutet, eine Wahl zu haben und bewusst eine Entscheidung treffen zu können.

Die Informationsvermittlung ist umso wichtiger, hat doch nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung Zugang zum Internet. Die beiden Oberstufenschülerinnen kennen Gleichaltrige, die aus Unwissenheit viel zu früh schwanger wurden und plötzlich vor einer verbauten Zukunft stünden. «Heute räumen wir mit dem weit verbreiteten Halbwissen auf, wenn wir mit anderen diskutieren, seien es Eltern oder Gleichaltrige. Wir mischen uns ein.»

Für eine bessere Zukunft

Francisca Valenzuela kann dank den Medikamenten ein normales Leben führen. Geblieben ist ihre kritische Haltung. «Der Staat ist weitgehend abwesend im öffentlichen Leben von uns Paraguayern. Ohne die Unterstützung von Tesãi Reka und dem Schweizerischen Roten Kreuz wäre unser Leben noch schwieriger. Nur dank ihnen haben wir Zugang zu einer Gesundheitsversorgung. Und Unterstützung in schweren Momenten, so wie ich sie erlebt habe.» Damit ihre Kinder eine Zukunft haben, sei es umso wichtiger, sie so früh wie möglich aufzuklären und ihnen alles erforderliche Wissen mit auf den Weg zu geben.“ Bei ihrem Engagement denkt sie nicht zuletzt an ihre drei eigenen Töchter.