Engagement in Paraguay

Für die Vernachlässigten sorgen

Hierzulande hat kaum jemand weitreichende Kenntnisse über das südamerikanische Land, auch weil es wenig touristisch ist. Weshalb engagiert sich das Schweizerische Rote Kreuz in Paraguay?

Urs Schori*, wieso setzt sich das SRK in Paraguay ein?

Urs Schori: Reichtum und Einkommen sind extrem ungleich verteilt. Wenn man im Land unterwegs ist, sieht man nicht auf den ersten Blick, dass rund ein Drittel der Bevölkerung in Armut lebt, davon die Hälfte in extremer Armut. Die Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten genügt keineswegs. Fast zwei Drittel der Menschen haben kaum Zugang zur Gesundheitsversorgung. Die Müttersterblichkeit in diesen Regionen ist entsprechend sehr hoch. Ein Fünftel aller Schwangerschaften betrifft Minderjährige, Tendenz steigend. Diese zu jungen Mütter gefährden ihre Ausbildungsmöglichkeiten und ihre Gesundheit. Mangelernährung bei Kindern unter fünf Jahren ist weit verbreitet. Das SRK unterstützt den Gesundheitsbereich und setzt auf Prävention sowie Aufklärung. Es ist Potenzial vorhanden, mit wenigen Massnahmen viel zu bewegen.

Was bedeutet das?

Wir stärken die Gesundheitsversorgung, indem wir einige Unidades de Salud de la Familia unterstützen. Das sind staatliche Gesundheitsposten auf dem Land, die je rund 4000 Menschen erreichen. Die medizinische Einrichtung ist aber oft in schlechtem Zustand. Deshalb finanziert das SRK deren Erneuerung oder Reparatur. Das ist wichtig, denn meist gibt es weit und breit keine andere medizinische Grundversorgung. Noch wichtiger ist aber, dass wir mit unserer Partnerorganisation Tesãi Reka Paraguay dafür sorgen, dass die Familien in den Dörfern die Angebote überhaupt kennen und nutzen. Dazu führt Tesãi Reka Aufklärungskampagnen durch, vermittelt zwischen Dorfbevölkerung und Behörden und bestärkt die Menschen darin, ihr Recht auf Gesundheitsversorgung einzufordern.

Arbeitet das SRK in Paraguay auch mit dem lokalen Roten Kreuz zusammen?

Ja, für die Nothilfe – beispielsweise nach Überschwemmungen – und für Massnahmen zur Katastrophenprävention ist das Paraguayische Rote Kreuz unser Partner.  Im Bereich Gesundheit ist Tesãi Reka eine bedeutende unabhängige Organisation, welche direkt in den Gemeinden tätig ist. und stark in der Bevölkerung verankert ist. Mit den Nöten der Kleinbauern und Landlosen ist die Organisation vertraut. Seit wenigen Jahren ist dank der Lobbyarbeit von Tesãi Reka und Vencer, unserem zweiten Partner, das Recht auf eine Gesundheitsversorgung in der Verfassung verankert. Wie in der Reportage beschrieben, erreichen die beiden Organisationen mit unserer Unterstützung tatsächlich die wichtigen Zielgruppen.

Gehören die Jugendlichen zur wichtigsten Zielgruppe?

Ja, weil die Weichen für eine bessere Zukunft noch gestellt werden können. Die vielen jungen Mütter, die selber noch fast Kinder sind, die vergleichsweise sehr hohe Zahl von Menschen, die sich noch immer mit dem HI-Virus oder anderen Geschlechtskrankheiten anstecken, stellen das Land vor noch grössere Herausforderungen, wenn wir nicht jetzt etwas dagegen unternehmen. Gute präventive Massnahmen verhindern Kosten im Gesundheitswesen und viel Leid.

Hat Paraguay nicht grössere Probleme als HIV?

Die zunehmende Anzahl an HIV-Infizierten zeigt, dass es ein wachsendes Problem ist. Und zwar quer durch die ganze Bevölkerung. Zudem werden noch lange nicht alle HIV-Infizierten erreicht. Kaum mehr als ein Drittel der Betroffenen haben Zugang zu einer antiretroviralen Therapie, die ihnen ein fast normales Leben ermöglicht. Die Kombination aus Prävention und Behandlung verringert zudem ein mögliches Ansteckungsrisiko für andere. Sexuelle und reproduktive Gesundheit ist ein Bereich, der von der WHO als zentral erachtet wird.

*Urs Schori: Der 60-Jährige ist Programmverantwortlicher des SRK für Paraguay, Bolivien und Ecuador. Vor seiner Tätigkeit beim SRK arbeitete er bereits für den Bund und ein Schweizer Hilfswerk in Lateinamerika