Henry Dunant

Der berühmte Name der Menschlichkeit

Vor 150 Jahren wurde Henry Dunant zum ersten weltberühmten Schweizer. Wie bekannt er noch immer ist, wird den Mitgliedern seiner Familie besonders im Ausland bewusst. Noch immer leben die Dunants in Genf. Die besondere Geschichte verbindet die Familie.

Im familiären Rahmen sprechen sie liebevoll vom Oncle Henry, wenn man ihn meint: den weltberühmten Gründer vom Roten Kreuz

Im weitverzweigten Stammbaum ist nur sein Name mit einem dreifachen Rahmen verziert: «Jean-Henry 1828 - 1910», 6. Generation der Dunants von Collonge-Bellerive. Bis ins 17. Jahrhundert lassen sich die Vorfahren zurückverfolgen. Nach unten gibt es keine Linie, die von Jean-Henry ausgeht. Er hatte keine Kinder. Deshalb stammen die nächsten Verwandten von Henry Dunants vier Geschwistern ab.

Die Dunants von heute

Bernard Dunant, 83, hat den Stammbaum erstellt. Sein Grossvater war ein Neffe Henry Dunants. Er wurde 1872, neun Jahre nach der Gründung des Roten Kreuzes geboren und hat die Geschichten von damals an seine vier Kinder weitergegeben. Erinnerungen, welche Bernard Dunant und dessen Tochter Cécile Dunant, 47, bewahren wollen. Sie engagieren sich beide für die Société Henry Dunant. Stolz wirken sie nicht, die Dunants, aber herzlich und engagiert. Als Vertreter der Familie will Samuel Dunant - der Sohn von Bernard - in diesem Sommer die Seilschaft begleiten, die an der Dunant-Spitze - dem neu benannten Berg im Monte-Rosa-Massiv - eine Gedenkplatte anbringen wird. Cécile Dunant bezeichnet es bescheiden als ein «Privileg, für das wir nichts können», einen derart einflussreichen Vorfahren zu haben. Wie sehr der Rotkreuz-Gründer weltweit verehrt wird, sei ihr erst auf ihren Auslandreisen bewusst geworden. Sie erzählt von Statuen, Gemälden und Denkmälern auf der ganzen Welt und von den bewundernden Reaktionen, die ihr Familienname hervorruft.

Ausser «Oncle Henry» stärkt den Familienzusammenhalt ein über 700-jähriges Haus im französischen Culoz, das den Dunants seit über 200 Jahren gehört. Seit Generationen wird das Haus von den Familienmitgliedern gemeinsam gepflegt. «Henry Dunant hat dort nachweislich auch eine gewisse Zeit gelebt», weiss Cécile Dunant. Ihre Schwester habe als Kind in einem alten Buch ein Schriftstück von ihm entdeckt. Der Rotkreuz-Gründer hat in seiner 82-jährigen Lebenszeit mutmasslich mehr handschriftliche Texte verfasst, als heutzutage ein Journalist auf der Tastatur. Die Schriftstücke, die Bernard Dunant aufbewahrt, sind nur ein Bruchteil von Dunants Werk.

Briefe, Hefte und Notizen liegen da auf dem Tisch, alle um die 150 Jahre alt

Ehrfürchtig schaut man auf die schöne, schwungvolle Handschrift. Regelmässig, perfekt. Nur hier und da wirre Randnotizen. 1866 schrieb Dunant seiner Mutter so begeistert aus Berlin, wie er vom damaligen König von Preussen empfangen wurde, dass kaum mehr Platz auf dem Papier übrig blieb. 1866 schrieb Henry Dunant seiner Mutter aus Berlin einen ausführlichen Brief, über das Treffen mit dem damaligen König.

Von den zahlreichen Medaillen und Orden, welche die Königshäuser dem Rotkreuz-Gründer damals verliehen haben, hat der Grossneffe Dunants noch Fotos. Auch eines vom ersten Friedensnobelpreis, mit dem Henry Dunant 1901 ausgezeichnet wurde. «Diese Medaillen waren früher im Büro meines Grossvaters. Als Kind war dieses Büro für mich ein geheimnisvoller Ort. Ich erinnere mich noch gut daran», berichtet Bernard Dunant. Die Sammlung wurde mittlerweile dem Rotkreuz-Museum in Genf übergeben.

Geschichte verbindet

Nebst den Fakten hütet die Familie Anekdoten. Wie die von Henry Dunants Kuchen zum 80. Geburtstag. Bernard Dunants Grossvater nahm zusammen mit dem Jubilaren an der Feier im appenzellischen Heiden teil und hat für seine Kinder ein Stück vom Geburtstagskuchen mit nach Genf gebracht. «Mein Vater hat nie vergessen, dass er von diesem Kuchen essen durfte.» Eine schöne Familiengeschichte ist jedoch erst wenige Jahre alt. Cécile Dunant erzählt, wie ihr Sohn an einem Treffen der Société Henry Dunant friedlich mit einem Nachkommen von Gustave Moynier gespielt habe. Dunant und Moynier waren wegen Meinungsverschiedenheiten zerstritten, erlebten sich gar als Konkurrenten. Gustave Moynier war eines der fünf Gründungsmitglieder des Roten Kreuzes und dessen erster Präsident.

Eine Eigenschaft Dunants wurde offenbar weitervererbt: Wie der berühmte Vorfahre, weiss auch dessen Urgrossnichte genau, was ihre Vision ist für die Zukunft der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung. Man möge die Grundidee nie vergessen, dass alle Menschen, unabhängig ihrer Herkunft, ein Recht auf medizinische Behandlung haben. Cécile Dunant äussert ihre Meinung dazu so begeistert, fundiert und auf den Punkt gebracht - sie würde Könige, Kaiser und Präsidenten auch überzeugen, wie einst ihr Ururgrossonkel.