Rotkreuz-Fahrdienst

Fahrdienst SRK: in guten wie in schlechten Zeiten

Für Vania Biondi gehören die Fahrten mit Marcel Brunner zum normalen Alltag. Sie geben ihr ein letztes Stück Freiheit. Beides scheint für die 48-jährige Aargauerin nach einem Schicksalsschlag mitten in der Corona-Pandemie noch weit weg. Die Geschichte einer starken Frau, die für sich selber immer neue Lösungen finden muss, um mit ihrer Beeinträchtigung zu leben.

Link zur Website: www.redcross.ch/fahrdienst

**Anmerkung: Das Foto entstand vor der Corona-Pandemie         Text: Katrin Schöni    

Als sie jung war, hat sich die Aargauerin Kinder gewünscht. Eine Familie zu haben, das wäre der Lebenstraum von Vania Biondi gewesen. Das Leben hatte andere Pläne. Die heute 48-Jährige erhielt im Alter von 24 Jahren die Diagnose Multiple Sklerose (MS). Wenige Jahre später verliebte sie sich und heiratete ihre Liebe. Fast 20 Jahre begleiten sie einander durch Hochs und Tiefs. Wie sie kämpft auch ihr Liebster mit den Grenzen, die ihm sein Körper setzt. Er muss mit Cystischer Fibrose leben, ebenfalls eine chronische Krankheit, die wie MS sich mit den Jahren verschlimmert. Nach einem Krankheitsschub vor sechs Jahren muss Vania Biondi akzeptieren, dass sie sich nicht mehr ohne Rollstuhl fortbewegen kann. Wie soll sie nun ihren Mann besuchen, wenn er wie so oft wieder hospitalisiert werden muss? Und wie kommt sie zu Terminen, die für ihre Gesundheit wichtig sind? Sie möchte ihren Bruder nicht ständig um Hilfe bitten und eine längere Strecke kann sie sich mit einem Taxi auf Dauer nicht leisten.

Mehr als ein Chauffeur

Vania Biondi erinnert sich an den Rotkreuz-Fahrdienst, den ihre Mutter oft nutzte, als sie krank war. Sie meldet sich beim SRK Kanton Aargau und erhält umgehend Hilfe angeboten. «Ich bin sehr froh und dankbar, dass Freiwillige vom Rotkreuz-Fahrdienst mich auch zu meinem Mann bis ins Spital Basel gefahren haben. Denn meine Behinderung hört nicht einfach in der Arztpraxis auf.»

«Meine Behinderung hört nicht einfach in der Arztpraxis auf.» 

Vania Biondi, Kundin Rotkreuz-Fahrdienst

Marcel Brunner ist einer von vielen freiwilligen Fahrern. Der 64-Jährige engagiert sich bereits seit sieben Jahren für das SRK Kanton Aargau und wird Fahrer von Vania Biondi. «Ihr Schicksal macht mich betroffen», erzählt Marcel Brunner. Vor Jahren hat er bereits ihre krebskranke Mutter zur Chemotherapie gefahren. Er merkt schnell, wenn Vania Biondi etwas belastet. Als ihre Mutter starb, sprachen sie auf den gemeinsamen Fahrten darüber. «Sonst reden wir über Gott und die Welt und unsere politischen Ansichten», sagt der ehemalige Militärinstruktor. Seine Stammkundin ergänzt: «Da sind wir zwar nicht immer einer Meinung, das macht unsere Gespräche aber noch interessanter.» Der Austausch ist Marcel Brunner wichtig. «Ausserdem», ergänzt er, «habe ich in meinem Leben viel Glück gehabt. Davon möchte ich nun etwas weitergeben.» Zudem fährt er einfach gerne Auto. «Ohne freiwilliges Engagement kann unsere Gesellschaft nicht funktionieren», ist Marcel Brunner überzeugt. 

«Ohne freiwilliges Engagement kann unsere Gesellschaft nicht funktionieren.» 

Marcel Brunner, freiwilliger Rotkreuz-Fahrer

Ein Stück Freiheit 

Eigentlich gäbe es in Rheinfelden eine S-Bahn, mit der Vania Biondi nach Basel fahren könnte. Aber das nützt ihr wenig, denn die Rampe, die zum Bahnsteig führt, ist nicht behindertenfreundlich. «Um die Rampe hochzufahren, brauche ich ebenfalls eine Begleitung.» Ohne den Rotkreuz-Fahrdienst käme sie noch viel weniger aus der Wohnung. «Der Fahrdienst gibt mir etwas Freiheit und Selbstständigkeit zurück, dafür bin ich sehr dankbar», so Vania Biondi. 

Ihre Dankbarkeit drückt Vania Biondi nicht nur mit Worten aus: Bereits zum zweiten Mal organisiert sie in ihrer Parterrewohnung einen Apéro für alle, die sie unterstützen. Darunter auch Fahrerinnen und Fahrer des Rotkreuz-Fahrdiensts. Marcel Brunner konnte leider nicht teilnehmen, doch beim nächsten Mal will er unbedingt dabei sein. «Es ist nicht alltäglich, dass sich Fahrgäste so bei uns bedanken. Diese Einladung hat mich speziell gefreut und auch berührt», so der freiwillige Fahrer. 

Halt und Kraft suchen

Gedankenverloren zupft Vania Biondi ihre königsblaue Bluse zurecht. Sie mag knallige Farben – schön sieht sie aus. Ihre Mutter hat mal zu ihr gesagt: «Vania, wenn es dir schlecht geht, zieh hübsche Kleider an, dann geht es dir etwas besser.» Die starken Farben geben ihr Kraft. Kraft braucht sie nun ganz besonders. Denn Ende März geschieht, was sie 20 Jahre fürchtet. Ihr Liebster verliert den Kampf gegen seine schwere Krankheit. Sie beschliesst wegen der Corona-Pandemie, die Abschiedszeremonie mit den Angehörigen auf den Geburtstag ihres Mannes im September zu verschieben und hat konkrete Vorstellungen, wie sie diese gestalten möchte. Ihre zwei Patenkinder sind ihr eine grosse Stütze und nun noch mehr für sie da. 

Die beiden Teenager schätzen ihre Patin sehr und suchen oft das Gespräch mit ihr. Sie fühle sich manchmal wie eine Mutter für schwierige Zeiten, erzählt sie schmunzelnd. «Ich habe zwar keine eigenen Kinder, aber diese beiden bedeuten mir viel und sie tragen mich in meine Zukunft.» Sobald es wieder möglich ist, möchte sie mit den beiden eine grosse Reise machen. Darauf freut sie sich trotz allem sehr. Und auch ein bisschen, dereinst wieder von Marcel Brunner gefahren zu werden. Denn diese Fahrten bedeuten ein kleines Stück normalen Alltag und Freiheit.
 

Angebote in Ihrer Region

Alle Angebote in Ihrer Region im Überblick.

Newsletter