Einsatz in Sierra Leone

Leiden und hoffen im Ebola-Spital

Der Winterthurer Balz Halbheer ist seit drei Wochen für das Schweizerische Rote Kreuz in Sierra Leone. Als Logistiker unterstützt er während eines Monats das Ebola Treatment Center der internationalen Rotkreuz-Föderation in Kenema. Ein Bericht aus dem Feld.

Es ist zwölf Uhr mittags und die feuchte Hitze ist auch heute unerträglich. Dabei geht‘s mir als Logistiker noch gut in meinem stickigen Büro. Draussen im Ebola Treatment Center müssen meine Kolleginnen und Kollegen viel mehr aushalten, unter den heissen Zeltplanen und erst recht, wenn sie sich im Patientenbereich in der undurchlässigen Schutzbekleidung aufhalten. Nach spätestens einer Stunde müssen sie die Hochrisikozone wieder verlassen und in den «Undressing room». Hier müssen sie einem ganz genauen Prozedere folgen und sich langsam aus dem Schutzanzug schälen. Dabei werden sie von einem Assistenten beobachtet, der ihnen präzise Anweisungen gibt und sie immer wieder mit einer Chlorlösung abspritzt.

Wann immer ich Zeit finde, fahre ich zu unserem Ebola Treatment Center und helfe, wo ich kann: Zelte ab- und an einem anderen Ort wieder aufbauen, den Technikern zur Hand gehen oder halt auch mit der Reinigungstruppe und eben in diesem Schutzanzug die Zelte, Toiletten und Duschen der Kranken reinigen.

So bekomme ich mit, was im Herzen unserer Operation passiert und meine Heldinnen und Helden, die Ärzte und Pflegenden, die täglich im Behandlungszentrum sind, freuen sich über meinen Besuch. Meine Aufgabe hier ist, nach der Logistik zu sehen. Ich bin verantwortlich für ein Lagerhaus und eine kleine Flotte von zehn Autos. Diese transportieren die Delegierten zwischen unserem Basecamp und dem 20 km entfernten Feldspital hin und her, sind unterwegs um Einkäufe zu tätigen oder bringen Leute zu Sitzungen mit anderen NGO oder den lokalen Behörden. Das ist mein «Kenema Taxi Service», der mich von morgens früh bis abends spät auf Trab hält.

Fast die Hälfte der Kranken wird wieder gesund

Trendwende in Kenema
In der Stadt Kenema in Sierra Leone steht das Ebola Treatment Center (ETC) – eines der Ebola-Feldspitäler der internationalen Rotkreuz-Bewegung. In diesem Distrikt wütete die Krankheit noch vor kurzem am schlimmsten, unterdessen ist die Ansteckungsrate deutlich zurückgegangen. Im Rest des Landes ist die Situation jedoch noch immer nicht unter Kontrolle. So kommen Ebola-Infizierte aus dem ganzen Land ins Feldspital zur Behandlung. Ein Lichtblick: Bis heute konnten 118 Patienten gesund aus dem ETC in Kenema entlassen werden.

Eine besonders schöne Aufgabe ist aber die Rückführung der Genesenen. Das sind etwas weniger als die Hälfte der eingelieferten Patienten. Sie erhalten bei ihrer Entlassung viel wertvolle Unterstützung: eine Matratze, eine grosse Kiste mit Haushaltartikeln (ein Rotkreuz-Family Kit), 50 kg Reis und Bargeld. All ihre Habseligkeiten inklusive Bargeld mussten nämlich verbrannt werden. So ausgestattet sind sie auch eher willkommen bei der Rückkehr. Meine Fahrer bringen dann diese Ex-Patienten auf langen Fahrten zurück in ihre abgelegenen Dörfer, was manchmal ein schwieriges Unterfangen ist. Gestern sind wir fast gescheitert. Eine Brücke war weggespült und es fehlten noch 30 km bis zum Ziel. Der Fahrer organisierte drei Motorräder, welche das 18-jährige, zarte Mädchen, die Matratze, die grosse Kiste und den Reissack diese letzten Kilometer durch den unwegsamen Dschungel nach Hause brachten. In der Dunkelheit konnte er nicht zurückfahren und in den Dörfern wollte ihn niemand aufnehmen. In Ebola-Zeiten hat man Angst vor Fremden. So kam er übernächtigt und hungrig am nächsten Morgen zurück. Alles Geld, das er hatte, musste er den Motorradfahrern abliefern.

Das täglich Brot: Reis mit Huhn

Unser Basecamp, wo die internationalen Rotkreuz-Helfenden in der Stadt Kenema untergebracht sind, ist eine Missionsstation. Die Nonnen sind alle vor der Epidemie geflüchtet. Eigentlich hätte das Camp eine gute Infrastruktur, aber es ist ziemlich heruntergekommen. Immerhin funktionieren nach einigen Reparaturen die meisten Klos und auch die Duschen wieder. Sogar einen Kühlschrank haben wir und manchmal auch Strom. Mittags und abends kocht die Missionsküche Huhn mit Reis – sehr schmackhaft, aber eben immer das Gleiche. So leben wir hier ein ganz normales Leben und wüsste man nichts von Ebola, man würde es nicht merken – ausser, dass sich keiner die Hand gibt.

Vor vier Wochen bestand unsere Delegation aus 15 Leuten, viele Norweger, einige Engländer und Spanier. Jetzt sind wir 30, ich bin zurzeit der einzige Schweizer. Die Stimmung untereinander ist gut, die meisten sind erfahren, mittleren Alters und halten physisch und mental sehr viel aus. Die, denen man es am wenigsten ansieht, am meisten. Niemand ist traurig oder deprimiert – damit macht man niemandem einen Gefallen. Und trotzdem, der Friedhof neben dem Feldspital wird täglich grösser. Bald sind es hundert Gräber und hundert traurige Einzelschicksale von Frauen, Männern und Kindern, oft ganzen Familien, die zuvor von meinen Helden gepflegt und begleitet wurden.

Ob die tapferen Schwestern und Pfleger zwischendurch in diesen heissen tropischen Nächten auch keinen Schlaf finden, wenn sie auf ihren durchgeschwitzten Matratzen liegen? Und dann, wenn sie keiner sieht und hört und sie sich nicht beherrschen müssen, werden sie dann auch für eine kurze Weile traurig?