Tagebuch aus dem Ebola-Einsatz

26.09.2014 Wieder Zuhause

Oberkirch/Schweiz, 26. September 2014

Die Heimreise ist ein Abenteuer. Vor dem Verlassen des Landes muss ich ein zweiseitiges Gesundheitsformular ausfüllen. Ob ich direkten Kontakt mit Ebola-Patienten hatte? ... eine heikle Frage. Behalten sie mich im Land, wenn ich «ja» ankreuze? Ich entschliesse mich zu einer Halbwahrheit: «Nein» – denn ich war ja eingepackt in einem Schutzanzug. Schliesslich will ich nach Hause zu meiner Familie. Nach dreimaliger Temperaturkontrolle, das letzte Mal bevor ich die Treppe zum Flugzeug hochsteige, kann die Rückreise beginnen.

Zwischenhalt in Casablanca: Mit Wärme-Scan werden wir direkt nach dem Ausstieg auf unsere Temperatur kontrolliert. Dasselbe geschieht beim nächsten Zwischenhalt in London. In der Schweiz werde ich am Zoll gefragt, woher ich komme. Ich sage: «Sierra Leone» und halte den Atem an. Antwort: «Einen schönen Abend und auf Wiedersehen.» Ach, ist es doch schön, wieder in der Schweiz zu sein!

Die ersten zwei Nächte verbringe ich in einem Hotel. Jonas, unser Jüngster, wird 10 und hat noch eine Geburtstagsparty. Da kann ich nicht dabei sein, denn ich darf in den nächsten drei Wochen keinen Besuch empfangen. Vom zuständigen Spezialarzt erhalte ich Anweisungen für diese Zeit: Möglichst zuhause bleiben, zwei Mal täglich Temperatur messen, keinen Körperkontakt, eigenes Zimmer (wie bitte, bei einer 4 ½-Zimmerwohnung mit sechs Personen?); wir entschliessen uns, im Schlafzimmer eine Matratze auf den Boden zu legen.

Nächstes Telefon: Interview mit Radio SRF 3, Sonderausstrahlung zum Thema Ebola. Dann: Anfrage für ein Interview mit der Schweizer Illustrierten. Die Chefin vom Rotkreuzdienst meldet sich und bekundet Interesse an meinen Erfahrungen. Die Arbeitskollegen meines Mannes im Paraplegiker-Zentrum hätten Freude an einem Vortrag ... Ich bin überrascht über das immense Interesse. Es gibt zwei Lager: die Einen bewundern meinen Mut, die Andern finden mich verantwortungslos und rücksichtslos meiner Familie gegenüber.

Normalerweise habe ich nach einem Einsatz Zeit für mich. Ich realisiere, dass es diesmal anders ist. Für meine Organisation, das Schweizerische Rote Kreuz ist es wichtig, dass ich Medienauftritte wahrnehme. Für die Hilfe in Westafrika sind wir auf Spenden angewiesen. Es muss auch bekannter werden, dass mit einfachen Massnahmen Ebola verhindert werden kann. Es müssen mehr Helfer bereit sein, nach Sierra Leone zu reisen. Das Land braucht dringend unsere Unterstützung! Also sage ich bei den Anfragen möglichst zu, obwohl ich eigentlich nicht gerne im Rampenlicht stehe.

Zum Glück haben meine Kinder keine Angst vor mir. Sie wissen, dass ich nur bei Symptomen ansteckend wäre. Anders die Nachbarn. Einige reden mit mir wie gewohnt. Andere weichen mir aus und nehmen Abstand. Das ist ok. Ebola löst grosse Ängste aus. Irrationale Ängste, die ich respektieren muss. Es wäre wichtig, neben den Schreckensbildern in den Nachrichten auch aufzuzeigen, wie Ebola übertragen wird. Denn ohne Hautkontakt oder Kontakt zu Körperflüssigkeiten von bereits Erkrankten, ist eine Ansteckung nicht möglich. Und bei richtiger Pflege kommt es auch immer häufiger vor, dass Menschen Ebola überleben. Wie das 11-jährige Mädchen Kadiatu, das ich in Kenema betreute. Es ist wieder gesund und darf nach Hause. Diese gute Nachricht habe ich eben von einem Kollegen aus Sierra Leone erhalten.

Nun hoffe ich, dass es noch mehr Unterstützung gibt für die Prävention und Pflege in den betroffenen Ländern. Damit die Ebola-Epidemie bald eingedämmt wird und die Menschen zu ihrem normalen Alltag zurückkehren können.