Tagebuch aus dem Ebola-Einsatz

17.09.2014 Das Sterben muss gestoppt werden!

Kenema / Sierra Leone, 17. September 2014

Nun schreibe ich bereits den letzten Brief!

Mein Einsatz ist morgen zu Ende. Den Flug vom 21.09.14 musste ich umbuchen,  denn die Regierung hat landesweit vom 19. bis 21. September eine Ausgangssperre befohlen. Ein grosses Aufgebot an Freiwilligen wird von Haus zu Haus gehen und Kranke aufspüren. Es wird vermutet, dass viele Ebola-Kranke sich zu Hause verstecken, weil sie Angst vor Diskriminierung und vor dem Spitalbesuch haben. Das ist verständlich, da sich immer noch regelmässig Krankenschwestern und Ärzte anstecken und so selber zu einer Gefahr für andere werden.

Meine letzten Tage sind eindrücklich. Die Abläufe im Spital werden immer besser und eingespielter. Der Wandel ist unglaublich. Noch vor ein paar Tagen betraten wir ängstlich die Hochrisikozone, jetzt gehen wir selbstbewusst ein und aus. Die Angst schwindet, der Respekt bleibt!  

Wir realisieren, dass unsere Schutzmassnahmen funktionieren. Jeder, der reingeht, hat einen «Buddy» – einen Freund. Er ist die Lebensversicherung. Wir sind für den anderen verantwortlich. Wir beobachten seine Bekleidung und wenn uns ein Fehler auffällt, weisen wir ihn darauf hin und verlassen gemeinsam die Hochrisikozone. Wir helfen uns gegenseitig beim An- und Ausziehen. Es gibt keine Eile, wie sonst üblich im Spital. Eile führt zu Fehlern und Fehler können wir uns nicht leisten!

Wir haben zusätzlich einen «Dresser», der uns hilft und den letzten Kontrollblick auf uns wirft. Wir haben auch einen «Undresser», der uns beim Ausziehen genaue Anweisungen gibt: Wasch deine Hände, löse die Schürze, bücke dich … Das Ausziehen ist der gefährlichste Moment.

Ich bin stolz auf unser Team. Wir haben unsere Ängste überwunden und haben entgegen den Empfehlungen von Freunden, Familie und Nachbarn unsere Entscheidung getroffen. Wir sind zu einer Gemeinschaft zusammen gewachsen, die unbeschreiblich ist. Diese Erfahrung teilen nur wir. Jedoch ist da noch eine viel grössere Gemeinschaft: Das Band des Roten Kreuzes, das uns über alle Landesgrenzen hinweg rund um die ganze Welt verbindet – die Humanität und Solidarität.

Wir wollen dazu beitragen, dass die Ebola-Erkrankung gestoppt werden kann. Das Sterben von ganzen Familien muss aufhören. Wir wollen, dass Sierra Leone eine wirtschaftliche Zukunft erhält. Es ist ein wunderschönes Land mit unglaublich liebenswerten Menschen.

Ich vermisse meine neuen Freunde schon jetzt und werde in Gedanken bei ihnen bleiben und auf einen baldigen Erfolg ihrer grossartigen Arbeit hoffen.