Tagebuch aus dem Ebola-Einsatz

06.09.2014 Erschütternde Szenen in der Triage

Kenema/Sierra Leone, 6. September 2014

Heute war ich zum ersten Mal im öffentlichen Spital in der Triage, wo entschieden wird, welcher Station die einzelnen Patienten zugeteilt werden. Eine Mutter kam mit ihrem dreijährigen Sohn. Er war nicht mehr ansprechbar, hatte hohes Fieber und war schwer krank. Seine Grossmutter und sein Vater sind vor ein paar Tagen an Ebola gestorben.

Die Mutter lebt getrennt mit einem anderen Mann, mit dem sie zwei kleine Kinder hat. Nun, als der Knabe krank wurde, riefen sie seine Mutter, um ihn abzuholen, weil sich niemand um ihn kümmern wollte. Sie war zwei Stunden in der Triage, weil sie nicht ins Ebola-Center rein gehen wollte. Sie hatte Angst, sich anzustecken.

Da das Spital komplett überlastet ist, muss ein Angehöriger die Pflege des Patienten übernehmen. Zuerst wollte sie den Bub auf den Boden legen und einfach davon rennen. Irgendwie brachten es die Angestellten fertig, dass sie doch hinein ging. Fest überzeugt erklärte sie, dass sie ihn nur reintrage und dann sofort das Spital verlassen werde. Ich hatte das Gefühl, der Junge stirbt noch in der Triage vor lauter Diskussionen. Er hätte dringend Flüssigkeit und Antibiotika gebraucht. Auf der anderen Seite hat die Mutter zwei noch jüngere Kinder zu Hause. Was, wenn sie sich ansteckt?

Wir waren den ganzen Tag am Einrichten und Installieren. Das Elektrische und die Wasserleitungen sind noch nicht fertig. Alle packten an! Grüner Wasserhahn bedeutet Trinkwasser, gelb steht für Händewaschen und enthält 0,05 Prozent Chlorin zur Desinfektion. Jedes Zelt hat direkt davor eine eigene Dusche und ein eigenes WC.

Es ist schwierig, weil so viele Stolpersteine eine rasche Eröffnung verhindern. Wir befürchten, von Patienten überrannt zu werden und nicht ausreichend vorbereitet zu sein. Es ist sehr heiss,  unter unseren Schutzanzügen wird es 45 Grad! In dieser Hitze und behindert durch die Schutzbrille können wir kaum das Spital weiter einrichten oder Betten mit Plastik beziehen usw.

Heute Abend nach unserem Meeting wurde klar, dass die Wasserleitungen erst am Montag fertig sind und sie alle am Dienstag nochmals überprüft werden müssen. Ausserdem haben wir nur zwei Sprayer für die Desinfektion und wir brauchen mindestens acht.

Es fehlt noch an so viel Material – medizinische Ausrüstung, Schutzanzüge, Desinfektionsmittel - dass wir vor Mittwoch unser Spital nicht werden eröffnen können!

Die Vorbereitungen unseres Spitals laufen auf Hochtouren.