Interview

«Eine Krise zu viel für den Libanon»

Schon vor der Explosion in Beirut befand sich der Libanon in einer schweren Krise. Das Rote Kreuz ist stark gefordert und spielt bei der Hilfe für die Verletzlichsten eine Schlüsselrolle. Laurence Perroud erläutert, wie das Libanesische Rote Kreuz (LRK) mithilfe des SRK seine Kapazitäten in den letzten Jahren massiv ausgebaut hat und weshalb Bargeldhilfe für die betroffenen Menschen am effizientesten ist.

Was ist die grösste Herausforderung in dieser prekären Situation?

Priorität hat immer noch die Katastrophenbewältigung. Die Folgen der Explosion sind deshalb so gravierend, weil sich das Land schon vorher in einer schweren Krise befand. Die Infrastruktur und die Dienstleistungen waren schon am Limit. Seit zehn Jahren herrscht Krieg im Nachbarland Syrien. Der Libanon hat 1,5 Mio. Flüchtlinge aufgenommen. Das entspricht einem Viertel seiner Bevölkerung und ist eine grosse Herausforderung. Zudem verlor das libanesische Pfund innerhalb nur eines Jahres 80 Prozent an Wert. Mittlerweile leben gemäss Schätzungen der UNO mehr als die Hälfte der Menschen unter der Armutsgrenze, vor wenigen Jahren waren es noch 20 Prozent. Die Wirtschaftskrise spitzt sich dramatisch zu und es gibt Proteste gegen die politische Elite. Zusätzlich kämpft das Land gegen hohe Corona-Fallzahlen. Die Massnahmen gegen die Virusausbreitung belasten die Menschen enorm. Familien, die vorher noch über die Runden kamen, rutschen immer tiefer in die Armut. Die Explosionskatastrophe in der Hauptstadt ist eine Krise zu viel für dieses gebeutelte Land.

Wie nachhaltig ist eine temporäre finanzielle Unterstützung und wie wählt das Rote Kreuz aus, wer diese erhält?

Wenn die Menschen in dieser ersten, sehr harten Zeit keine Unterstützung erhalten besteht die Gefahr, dass sie noch schneller in die Armut und die Verzweiflung rutschen. Die finanzielle Unterstützung soll ihnen etwas Luft geben, damit sie sich erholen können oder eventuell sogar einen neuen Job, ein neues Auskommen finden – auch wenn das aufgrund der Wirtschaftskrise sehr schwierig ist. Das LRK hat klare Kriterien festgelegt, um besonders verletzliche Familien zu begünstigen. Es sind Familien, die weniger als 3 km vom

Explosionsort leben, deren Wohnungen stark beschädigt wurden, die alleinerziehend, besonders arm oder von chronischen Krankheiten betroffen sind. Um diese Kriterien zu erfassen, hat das Rote Kreuz 40'000 Familien besucht und Fragebogen ausgefüllt. Diese werden auch mit anderen Organisationen abgeglichen um sicherzustellen, dass keine Familie doppelt Hilfe erhält, aber auch, dass niemand durch die Maschen fällt.

Wenn die Menschen in dieser ersten, sehr harten Zeit keine Unterstützung erhalten besteht die Gefahr, dass sie noch schneller in die Armut und die Verzweiflung rutschen. 

Laurence Perroud, Programmverantwortliche Libanon

Warum eine finanzielle Unterstützung und keine Hilfsgüter?

Der grosse Vorteil von finanzieller Unterstützung ist, dass die Familien genau das kaufen können, was sie wirklich am dringendsten brauchen. Das ist nicht für alle das Gleiche. Eine Familie muss ihr Haus reparieren, in einer anderen Familie wurde jemand verletzt und sie hat hohe Arztrechnungen. Eine dritte Familie braucht das Geld fürs Essen, weil das Familienmitglied mit dem Haupteinkommen durch die Explosion den Job oder gar das Leben verloren hat. Diese Form von Hilfe ist folglich effizient. Je nach Situation werden und wurden aber auch Hilfsgüter abgegeben, vor allem unmittelbar nach der Katastrophe. Auch psychosoziale Unterstützung ist wichtig.

Das Rote Kreuz war nach der Explosion rasch und effizient im Einsatz. Wie war das möglich?

Unter dem Eindruck der Syrienkrise hat das LRK seine Kapazitäten in den letzten Jahren massiv ausgebaut. Dabei wurde es vom SRK massgeblich unterstützt. Vor allem in das Katastrophenmanagement, die Ambulanzdienste und das Blutspendewesen haben wir viel investiert. Diese langfristige Unterstützung des SRK hat sich nach der Explosionskatastrophe ausbezahlt, denn all diese Bereiche waren extrem wichtig. Das LRK konnte sehr effizient helfen. Seine Teams sind bestens ausgebildet.

Wie hat das SRK direkt nach der Katastrophe geholfen?

Wir haben die erste Nothilfe finanziell unterstützt: Nahrung, Wasser, Notunterkünfte, Hygienemassnahmen und die Beschaffung von Blutprodukten. Erfolgreich war auch unsere Unterstützung der Spendensammlung des LRK. Unmittelbar nach der Katastrophe haben Internet-Fachleute des SRK das libanesische Fundraising-Team bei der Lancierung einer Online-Spendenplattform unterstützt.. Das LRK hat 400 Angestellte und 8000 Freiwillige, die sehr gut geschult sind. Das haben sie einmal mehr bewiesen. Langfristig ist es sinnvoll und nachhaltiger, wenn eine so professionelle Organisation weniger stark auf finanzielle Unterstützung aus dem Ausland angewiesen ist, sondern einen massgeblichen Teil der Mittel selber beschaffen kann.

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