Moldawien

Die Not der ältesten Generation in Moldawien

In Moldawien leben viele ältere Menschen sich selber überlassen in extremer Armut. Jüngere Angehörige, die ihnen im Alltag helfen könnten, arbeiten häufig im Ausland. Das SRK ermöglicht den Hauspflegedienst für Pflegebedürftige und fördert die Selbsthilfe von Seniorengruppen.

Eugenia Jelihovschi zupft ihr Foulard zurecht und wirft einen letzten Blick in den Spiegel, bevor sie das Haus verlässt. Wie jede Woche begibt sich die 76-Jährige zur Seniorengruppe Romantica in Corpaci, einem 1'000-Seelen-Dorf im Norden Moldawiens. Es regnet in Strömen, aber nichts kann ihre Energie bremsen: Sie kann es kaum erwarten, ihre Landsleute zu treffen, um der Einsamkeit zu entfliehen. Sie will sich nützlich fühlen, indem sie anderen hilft. Das Leben von Eugenia Jelihovschi war nicht rosig. Vor 20 Jahren starb ihr Mann an den Folgen von Diabetes. Ihre Arbeit als Rumänisch- und Französischlehrerin musste sie aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Sie leidet an Bluthochdruck, Arteriosklerose und Hepatitis C. «Ich habe begonnen, auf mich acht zu geben. Viele meiner Leiden habe ich mit Heilkräutern kuriert. Dank dem Internet habe ich mein Wissen vertieft. Meine Tochter hat mir gezeigt, wie ich es nutzen kann.» Jetzt ist sie aber alleine: Ihre Tochter ist zum Arbeiten nach Griechenland gezogen und ihr Sohn ist in Deutschland. 

Abwanderung junger Menschen 

Das ist die traurige Realität der älteren Menschen in Moldawien: Die Jungen verlassen das Land, um in Europa oder Russland Arbeit zu suchen. «Fehlende berufliche Perspektiven, eine marode Infrastruktur, tiefe Löhne – es gibt zahlreiche Gründe für diesen Exodus», erklärt Viorel Gorceag, SRK-Delegierter in Moldawien. Viele Seniorinnen und Senioren bleiben also alleine zurück, ohne Angehörige, die sie begleiten. «Zudem hat die Pandemie die Einsamkeit der Seniorinnen und Senioren verstärkt und dazu geführt, dass die Einkommen generell gesunken sind», ergänzt der Delegierte. Viele Menschen haben ihre Stelle verloren. Es war nicht mehr möglich, im Ausland Arbeit zu suchen. Ältere Menschen leiden erst recht unter einer schwierigen Lebenssituation: Ihre Renten sind mager und das Gesundheitssystem schwach 

Seit Victor Gașco als Dreijähriger von einem Auto angefahren wurde, leidet der heute 65-Jährige unter einem Muskelschwund an den Beinen. Er erhält monatlich 80 Euro Rente. Seit die Eltern und der Bruder verstorben sind, lebt er allein im Elternhaus im Dorf Hitresti, zwei Stunden nördlich der Hauptstadt Chișinău. Sein Alltag mit der körperlichen Einschränkung ist unvorstellbar schwer. Das Haus hat weder eine Toilette noch fliessendes Wasser. Er kann sich nur mit grosser Mühe in seinem Haus fortbewegen, was ihn viel Zeit und Energie kostet. Wenigstens kann er nun den Hauspflegedienst von CASMED nützen, der vom Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) unterstützt wird. Mehrmals pro Woche hilft ihm Valentina Donighevici im Haushalt. Der Kontakt tut dem alleinlebenden Mann gut und er kann trotz seines Handicaps zu Hause leben. Denn er ist geistig fit und lässt den Kopf nicht hängen: «Mein Traum ist es, einen elektrischen Rollstuhl zu haben. Dann könnte ich rund um mein Haus fahren.» 

Soziale Benachteiligung  

Liubovi Pilipetcaia (84) arbeitete ihr Leben lang auf Kolchosen in der ehemaligen Sowjetunion. Ihr Körper trägt die Spuren dieser harten Arbeit. Da sie seit acht Jahren verwitwet ist, erhält sie eine bescheidene finanzielle Unterstützung von ihren vier Kindern. Sie sieht sie jedoch fast nie. Eine Pflegefachfrau von CASMED besucht sie täglich. Sie ist vor sechs Monaten schwer gestürzt und war lange bettlägerig. Mittlerweile geht es ihr besser. «Alina Draganel massiert mich und macht mit mir Bewegungsübungen. Ich hoffe, dass ich mich bald ohne Hilfe bewegen kann.» 

«Die Pandemie hat die Einsamkeit der Seniorinnen und Senioren verstärkt und dazu geführt, dass die Einkommen generell gesunken sind.»

Alle Rentnerinnen und Rentner Moldawiens profitieren von einer Krankenversicherung, die durch den Staat gedeckt wird. Doch nur für rund 20% der hilfsbedürftigen Personen zahlt die Krankenversicherung den dringend benötigten Hauspflegedienst. «Das SRK hilft älteren Menschen, die ohne Unterstützung nicht in Würde leben könnten», erklärt Viorel Gorceag. Zudem setzt sich das Rote Kreuz für eine gerechtere Verteilung der Krankenkassengelder ein. Das SRK unterstützt die lokalen Behörden dabei, Dienstleistungen aufzubauen, die auf ältere Menschen zugeschnitten sind. Zum Beispiel den wichtigen Hauspflegedienst. Zudem setzt sich das SRK dafür ein, dass längerfristig die Finanzierung der Gesundheitsversorgung nachhaltig sichergestellt werden kann. Dies mit dem Ziel, dass CASMED finanziell unabhängig wird. 

Engagierte Seniorengruppen 

Ion Dascal wirkt noch immer wie ein schneidiger Cowboy. Doch er ist 91 und erhält keinerlei Unterstützung. Zum Glück kann er auf Eugenia Jelihovschi zählen. Sie besucht ihn mit zwei anderen Mitgliedern der Seniorengruppe Romantica. Die drei bringen ihm einen Sack mit Lebensmitteln und trinken zusammen Tee. 

Seniorengruppen sorgen für soziale Kontakte und setzen sich aktiv ein, um die Situation der älteren Menschen in Moldawien zu verbessern. Romantica wurde 2017 gegründet und bietet seinen Mitgliedern Tanz, Gesang, Spiele sowie Informationsanlässe zum Coronavirus. Die Mitglieder engagieren sich zudem gemeinnützig. Sie besuchen hilfsbedürftige Menschen wie Ion Dascal. Eugenia Jelihovschi hilft das soziale Engagement: «Ich verbringe viel Zeit in der Gruppe. Wir wollen älteren Menschen helfen, denen es weniger gut geht als uns.» Zudem haben die Mitglieder in den letzten Jahren realisiert, wie sie sich mit politischem und sozialem Engagement im Dorf selber helfen können. Viorel Gorceag freut sich darüber sichtlich: «Durch unsere Unterstützung lernen die Seniorengruppen immer besser, wie sie ihre Bedürfnisse gegenüber den lokalen Behörden vertreten können. Zum Beispiel fordern sie, dass an einer Bushaltestelle eine Sitzbank installiert wird.» Sinnvolle und nachhaltige Massnahmen unterstützt das SRK mit bis zu 30%. Den restlichen Aufwand finanzieren die Seniorengruppen durch eine eigene Mittelbeschaffung. 

Zum Glück musste CASMED die Besuche bei pflegebedürftigen Seniorinnen und Senioren trotz der Corona-Pandemie nicht einstellen. Und die Mitglieder von Romantica sind während der Pandemie telefonisch in Kontakt geblieben. Stets angetrieben durch die Lebenskraft von Eugenia Jelihovschi: «Die Pandemie hat mich Gott sei Dank nicht getroffen. Ich stärke weiterhin mein Immunsystem, bekämpfe Krankheiten mit Heilkräutern und halte die Schutzmassnahmen ein.» Optimistisch meint sie: «Ich bin sicher, dass alles gut wird!» 

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Diese Aktivität ist Teil unseres Engagements für die UNO-Nachhaltigkeitsziele.

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