Internationale Zusammenarbeit

«Die Aufgaben der Delegierten vor Ort haben sich verändert»

Im Kurzinterview erklärt Lorenz Indermühle, stellvertretender Leiter der Internationalen Zusammenarbeit des SRK, wie sich die Entwicklungszusammenarbeit gewandelt hat. Dabei bezieht er sich auf die vor kurzem erschienene Autobiographie eines ehemaligen SRK-Delegierten.

Autobiografie eines ehemaligen SRK-Delegierten
Hansruedi Brawand war vor fünfzig Jahren ein Vorbereiter der heutigen Entwicklungszusammenarbeit. Seine Autobiografie gibt Einblick in die internationale Zusammenarbeit bis in die 1990er-Jahre. Er schenkt das Buch mit allen Einnahmen vollumfänglich dem SRK.

«Zum Horizont und weiter - ein Leben im Dienste des Roten Kreuzes» von Hansruedi Brawand ist exklusiv beim SRK für 35 Franken erhältlich.

Welches Anforderungsprofil wird heute an Delegierte gestellt?

Zur Internationalen Zusammenarbeit fand man früher oft über Umwege. Auch ich arbeitete zuerst für das IKRK und zuvor in kleinen NGOs in Zentralamerika, weil ich einen ähnlichen Drang wie Brawand verspürte. Erfahrung sammelte ich während der praktischen Arbeit, spezifische Weiterbildungen holte ich später nach. Heute ist das anders: Es werden ein entsprechendes Studium sowie erste Erfahrungen verlangt. Zudem rekrutieren das SRK und das IKRK ihre Mitarbeitenden weltweit. Auch Menschen aus dem jeweiligen Projektland, welche den Kontext sehr gut kennen, arbeiten heute als Delegierte. Das hat den Einstieg in den Beruf, wie ihn Brawand erlebte, schwieriger gemacht.

Was beeindruckt dich an den Schilderungen von Brawand?

Sein Leitspruch: «Fir d’s Guete wei mer firhistahn, u d’Schlächtigkeit nid inhalan.» Als er 1969 für das IKRK in den Einsatz geschickt wurde, war er nach kurzer Zeit auf einem für ihn fremden Kontinent ganz auf sich und seine Mitarbeitenden vor Ort gestellt. Mich beindruckt, wie er mit dem Kulturschock umging, Tropenkrankheiten erlebte sowie innovativ, pragmatisch mit den Kolleginnen und Kollegen aus Nigeria Lösungen fand. In dieser Zeit gab es keine schnelle Kommunikation. Die Delegierten waren oft über längere Zeit auf sich selber und ihre lokalen Mitarbeitenden gestellt. Mich fasziniert auch, dass Hansruedi Brawand zu den Menschen gehört, die nach dem Gedankengut des Roten Kreuzes leben. Er war aus echter Überzeugung auf der Suche, um seinen Teil zur humanitären Aktion beizutragen.

Die treibende Kraft für eine Aktion soll nicht mehr das SRK sein. Das bedeutet folglich, dass wir Verantwortung abgeben. Das braucht ein Umdenken und Flexibilität.

Was hat sich in der Entwicklungszusammenarbeit verändert?

Hansruedi Brawand beschreibt in seinem Buch vor allem Nothilfe-Einsätze aufgrund von Katastrophen wie Krieg, Hungersnot oder Erdbeben. In diesem Bereich setzt das SRK nebst Einsätzen mit Delegierten vermehrt auf eine gute Bereitschaft und Vorbereitung der nationalen Partner. Wir sind überzeugt, dass mit mehr Eigenverantwortung den Betroffenen besser geholfen werden kann. Auch die Entwicklungszusammenarbeit geht in diese Richtung. Die nationale Rotkreuz- oder Rothalbmond-Organisation im betroffenen Land übernimmt vermehrt Verantwortung, gelangt direkter an internationale Geldgeber und kann so nachhaltig die Entwicklung im eigenen Land mit steuern. Die treibende Kraft für eine Aktion soll nicht mehr das SRK sein. Das bedeutet folglich, dass wir Verantwortung abgeben. Das braucht ein Umdenken und Flexibilität. Aber das SRK bleibt ein starker, wichtiger Partner innerhalb der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Die Aufgaben der Delegierten vor Ort haben sich verändert. Sie beraten und garantieren die Wirksamkeit unserer Aktionen in den Ländern.

Lorenz Indermühle
Der 54-Jährige arbeitet seit 1999 beim SRK für die Entwicklungszusammenarbeit. Er leitet die Abteilung Afrika/Amerika und ist stellvertretender Leiter der Internationalen Zusammenarbeit des SRK.