Hilfe für Folter- und Kriegsopfer während der Pandemie

«Zeiten der Unsicherheit erinnern an früher»

Der Lockdown weckte bei traumatisierten Menschen die schlimmsten Erinnerungen. Peter Kaiser, der ärztliche Leiter des Ambulatoriums SRK, schildert im Interview, wie er seinen Patientinnen und Patienten beistehen kann. Auch Kinder leiden unter der Verunsicherung. Wie diese mit ihren traumatisierten Eltern zusammenhängt und warum die Rotkreuz-Ferien entlastend wirken, erklärt der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Silvan Holzer.

Peter Kaiser, haben Patientinnen und Patienten des Ambulatoriums SRK während des Lockdowns vermehrt unter Ängsten gelitten?

Die Unsicherheit ist für traumatisierte Geflüchtete besonders schlimm. Für jemanden wie Sie und mich kann Unsicherheit beängstigend, aber vielleicht gleichzeitig auch spannend wirken. Wir denken: «Es kommt wieder gut, die Schweiz schafft das.» Kurz: Wir fühlen uns sicher. Genau dieses Vertrauen fehlt traumatisierten Menschen. Die unsichere Situation erinnert sie an früher: an Krieg, Flucht und Ungewissheit. Sie fühlen sich zurückversetzt an einen Ort, dem sie eigentlich entkommen sind, und fragen sich, stimmt diese Idee der «sicheren Schweiz» noch, wenn auch hier der Staat plötzlich die Bewegungsfreiheit einschränkt? Dazu kommt bei vielen die sprachliche Hürde: Wo erhalte ich verlässliche Informationen? An wen wende ich mich, sobald ich krank werde? Diese Fragen beschäftigen sie stark.

25 Jahre Ambulatorium SRK
Seit 25 Jahren finden traumatisierte Geflüchtete im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer Hilfe. Das Ambulatorium des SRK bietet ein multidisziplinär ausgerichtetes Therapie- und Beratungsangebot an und zieht dabei interkulturelle Dolmetscherinnen und Dolmetscher bei.

Was konnten Sie tun?

Wirklich therapieren konnten wir in dieser Situation nicht. Das soll heissen, wir konnten uns nicht auf die Posttraumatische Belastungsstörung konzentrieren. Traumatherapie ist kein Spaziergang. Viele Patientinnen und Patienten müssen dabei mehrere Male die schlimmste Zeit ihres Lebens erneut durchleben.

Das kann man nur in einem sicheren Kontext therapieren. Während der Corona-Pandemie standen andere Fragen im Vordergrund: Sind meine Verwandten in anderen Ländern gefährdet? Kann man den Corona-Zahlen, die aus diesem Land kommuniziert werden, glauben? Was darf ich tun und was nicht?

«Während der ausserordentlichen Lage haben wir im Ambulatorium SRK stabilisierend gewirkt, anstatt alte Narben aufzubrechen.»

Peter Kaiser, ärztlicher Leiter Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer SRK

Eine Konfrontation, wie sie in den meisten Therapien üblich ist, wäre in den letzten Monaten zu belastend gewesen. Während der ausserordentlichen Lage haben wir im Ambulatorium SRK stabilisierend gewirkt, anstatt alte Narben aufzubrechen.

Funktioniert ein Therapiegespräch am Telefon?

Es ist natürlich nicht das Gleiche wie ein persönliches Therapiegespräch. Viele Feinheiten gehen verloren: Mimik, schnelle Reaktionen oder auch die tröstende Anwesenheit von jemandem, der einfach da ist. Telefongestützte therapeutische Interventionen erfordern viel Konzentration. Unter Stress und Belastung ist diese noch schwerer aufrechtzuerhalten. Zudem beinhalten unsere Gespräche oft drei Parteien, da eine Übersetzung meist notwendig ist.

Gibt es auch positive Erfahrungen?

Interessanterweise ja. Da gibt es eine Patientin, die angefangen hat, sich aus dem Haus zu wagen. Aufgrund der Einschränkungen waren viel weniger Menschen auf den Strassen und so fand sie den Mut, nach draussen zu gehen. Ein anderer Patient sagte zu mir: «Jetzt sitzen wir alle im selben Boot.» Die Einschränkungen, welche wir in den letzten Monaten erlebten, haben uns allen gezeigt, was es heisst, in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein. Alle haben erfahren müssen, wie es ist, mit seinen Verwandten nicht persönlich sprechen zu können, geschweige denn sie zu umarmen.

Silvan Holzer, wie reagierten Kinder und Jugendliche auf die Situation?

Sie brauchen vor allem Sicherheit und Geborgenheit! Während der ausserordentlichen Lage ging viel Halt, Sicherheit und Orientierung verloren. Schulen wurden geschlossen, Therapiestunden sind ausgefallen und Veränderung war überall zu spüren. Zudem sind ca. die Hälfte der Eltern meiner jungen Patientinnen und Patienten selber auch traumatisiert und für die Kinder nur bedingt emotional verfügbar. Es gibt eine Metapher, die ich gerne verwende: Eltern sind Leuchttürme und Kinder die zur See Fahrenden. Kinder wollen das unbekannte Meer erkunden und eigene Erfahrungen sammeln. Dabei müssen sie aber immer die Gewissheit haben, dass sie zurück in den sicheren Hafen finden. Die psychische Instabilität der Eltern führt dazu, dass diese Leuchttürme weniger zu «leuchten» vermögen. Das führte in dieser für die Kinder schwierigen Zeit zu noch mehr Orientierungslosigkeit. Ist zudem die ganze Familie für Wochen auf engem Raum «eingesperrt», kann dies eine Wiederholung von Erfahrungen während der Flucht oder in Gefangenschaft darstellen. Zudem führen solche Situationen relativ rasch zu Dichtestress und es können in der Folge handgreifliche Konflikte und Gewalt entstehen. Übrigens nicht nur bei traumatisierten Geflüchteten.

Was meinen Sie damit?

Aufgrund der Belastung haben traumatisierte Eltern oft weniger Energie, um Regeln und Grenzen durchzusetzen. Jede Mutter und jeder Vater weiss, wie viel Kraft es braucht, seinem Kind immer wieder verlässlich Grenzen zu setzen. Das zeigt sich beispielsweise im Konsum von elektronischen Medien und Internet-Games. Manche Kinder sassen über Wochen stundenlang vor dem Smartphone. Das erhöht das Suchtpotential bedeutend.

Sorgen die Rotkreuz-Ferien für Entlastung?

Für die Kinder sind die Rotkreuz-Ferien eine Chance für eine unbeschwerte Zeit mit positiven Beziehungserfahrungen und der Möglichkeit des Auslebens eigentlich natürlicher, kindlicher Bedürfnisse nach Spiel und Spass. Gleichzeitig sind Schulferien für Eltern eine herausfordernde Zeit. Sie können durch die Rotkreuz-Ferien entlastet werden, sich erholen oder aber auch die Zeit für sich als Paar nutzen.

Rotkreuz-Ferien
Zum fünften Mal organisiert das SRK eine Woche Rotkreuzferien für Kinder, die aus Krisen- und Kriegsgebieten stammen und in der Schweiz leben. In diesem Jahr dürfen aufgrund des Schutzkonzeptes nur halb so viele Kinder teilnehmen. Mitte Juli verbrachten 21 Kinder im Alter von 9 bis 12 Jahre in Schaffhausen eine unbeschwerte Zeit mit einem vergnüglichen, aber auch lehrreichen Programm.
Prof. Dr. med. Dr. phil. Peter Kaiser 
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, ärztlicher Leiter Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer SRK
Dipl. psych. FH Silvan Holzer
Kinder- und Jugendpsychotherapeut, Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer SRK