Armut in der Schweiz

Verschärfung durch Coronakrise?

Die Armut in der Schweiz nimmt seit 2014 ständig zu. Die Corona-Pandemie hat die wirtschaftliche und soziale Situation noch verschärft. Manuela Ernst, Leiterin der Abteilung Soziale Integration und Migration beim SRK, spürt im Interview den Gründen für die Armut nach. Sie erklärt auch, wie das SRK und wir alle etwas dagegen tun können.

Manuela Ernst
Die 38-Jährige leitete über 3 Jahre das Ambulatorium SRK, nun die Abteilung Soziale Integration und Migration. Die Politologin war vorher in der humanitären Hilfe im Ausland tätig.

Hat die Armut in der Schweiz wegen der Corona-Krise zugenommen?

Armut zeigt sich zeitverzögert, weil die Betroffenen zuerst alle Möglichkeiten ausschöpfen, um sich selbst zu helfen. Sei es, indem sie ihre Ausgaben noch mehr reduzieren, Arztbesuche aufschieben oder ihre meist geringen Ersparnisse aufbrauchen. Aber zu Beginn der Corona-Krise war dies anders. Der Lockdown verschärfte die Situation vieler Menschen, die bereits an der Armutsgrenze lebten, sehr unmittelbar. Es waren viele Niedriglohn-Branchen wie die Gastronomie oder der Verkauf, die auf Kurzarbeit umstellten. Wenn eine alleinerziehende Mutter, die in einem Teilpensum arbeitet, plötzlich wegen Kurzarbeit nur noch einen Teil ihres Lohnes erhält, fehlt es sofort an allen Ecken und Enden. Auch Selbstständigerwerbende, wie zum Beispiel aus dem Eventbereich, haben plötzlich keine Arbeit und somit kein Einkommen mehr. Sans-Papiers, welche oft sowieso schon unter der Armutsgrenze lebten und von heute auf morgen plötzlich ohne Einkommen waren, haben nun nicht mehr genug zum Leben und kein Auffangnetz.

Ist dies in der Arbeit des SRK spürbar?

Ja. Die Zahl der Gesuche für Einzelhilfe des SRK ist förmlich explodiert. Viele konnten Rechnungen oder die Krankenkassenprämien nicht mehr bezahlen. Aber auch das Geld für die Miete oder Lebensmittel fehlte. Darum haben wir im April die finanzielle Soforthilfe eingeführt. Dies hat eine rasche und unkomplizierte Hilfe ermöglicht für Menschen, welche wegen der Corona-Pandemie in eine finanzielle Notlage geraten sind.Im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer haben wir in unseren Beratungen beispielsweise bemerkt, dass es für verletzliche Menschen teils noch schwieriger geworden ist, eine Arbeitsstelle zu finden und sich darum auch die finanzielle Situation von geflüchteten Menschen oft verschärft.

Was sind generell die grössten Armutsrisiken?

Das Risiko ist stark von der familiären Situation und der Bildung abhängig. Besonders von Armut betroffen sind Personen, welche alleine wohnen oder nach der obligatorischen Schule keine Erstausbildung abgeschlossen haben. Und dann natürlich Ein-Eltern-Haushalte, wo immer auch Kinder mitbetroffen sind. In unserer Arbeit zeigt sich immer wieder, wie Armut und Gesundheit zusammenhängen. Wenn jemand in Armut lebt, geht dies oft zu Lasten einer gesunden Ernährung. Zudem erhöht sich das Risiko einer psychischen Erkrankung, weil diese Menschen häufig weniger Kontakte zu Familien und Freunden pflegen. Sei es wegen des Zugbillets, welches sie nicht bezahlen können, oder weil sie sich zurückziehen und immer weniger Kontakte suchen. Umgekehrt haben Menschen mit einer angeschlagenen Gesundheit ein höheres Risiko für Armut.

Ein Drittel der Menschen, die von Sozialhilfe leben, sind Kinder. Das ist erschreckend. Wie kommt das?

Die Kinder sind mitbetroffen, wenn die Eltern ein geringes Einkommen haben. Alleinerziehende haben ein grösseres Risiko. In der Schweiz sind 103'000 Kinder von Armut betroffen und 71'000 von ihnen leben in Working-Poor-Familien. Die Kinder leiden unter der Armut ihrer Eltern. Sie ernähren sich ungesünder, sind dadurch häufiger übergewichtig. Dies hat direkte Folgen, nicht nur auf die körperliche Gesundheit. Sie können sich schlechter konzentrieren, finden kaum eine Rückzugsmöglichkeit, um ihre Hausaufgaben in Ruhe zu erledigen. Wir wissen, dass sich eine Frühförderung positiv auf die Bildungschancen auswirkt. Darum ist hier Unterstützung besonders wichtig, um die Armutsspirale aufzuhalten.

Wie unterstützt das SRK Menschen, die in Armut oder knapp darüber leben?

Menschen in finanzieller Not können über die Wohngemeinde mit einem Gesuch für Einzelhilfe SRK einmalige Unterstützung beantragen, wenn zum Beispiel eine unerwartete Arztrechnung nicht bezahlt werden kann und von anderswo keine Hilfe mehr in Anspruch genommen werden kann. Menschen knapp über der Armutsgrenze kann dies helfen, um einer Überschuldung zu entkommen. Gewisse Rotkreuz-Kantonalverbände bieten Budgetberatungen an. Und mit dem Lehrgang PflegehelferIn SRK bieten wir einen niederschwelligen Zugang zu einem Bildungsangebot, um den Berufseinstieg zu fördern. Die Tarife unserer Entlastungsangebote sind einkommensabhängig und damit für alle erschwinglich. Auch die Aktion 2 x Weihnachten kommt Armutsbetroffenen zu Gute. Vieles kann das SRK nur dank der Solidarität und Spenden unserer Gönnerinnen und Gönner sowie unserer Wirtschaftspartner ermöglichen. Ihnen gebührt hier ein grosses Dankeschön.

Eine Studie vom SRK, der Caritas und der Heilsarmee zeigte vor ein paar Jahren, dass NPO immer mehr Aufgaben der Sozialhilfe übernehmen. Wieso das?

Mit den Sparanstrengungen hat auch die Sozialhilfe Druck verspürt. Der finanzielle Spielraum wurde kleiner und Beratungen können nicht mehr so umfassend gemacht werden. Das SRK als NPO kann nicht übernehmen, was klar als staatliche Aufgabe vorgesehen ist. Wir bieten dort punktuelle Unterstützung sowie Entlastung, wo das staatliche Angebot nicht mehr genügt. 

Was können wir als Gesellschaft gegen die Armut unternehmen?

Wir sollten weiterhin auf unser Bildungssystem bauen: Es ist eines der besten der Welt, seine Durchlässigkeit bietet Chancen für alle. Aber wir müssen mit einer Frühförderung den Zugang für Kinder aus bildungsfernen Familien sichern. Das SRK trägt zur Umsetzung des Ziels «Keine Armut» der Agenda 2030 der UNO bei. Mit grosser Überzeugung setzt sich das SRK dafür ein, dass alle Menschen in Würde leben können, dass sie am sozialen Leben teilnehmen können. Und das ist mehr als blosse Existenzsicherung. Dank der grossen Solidarität der Schweizer Bevölkerung können wir die Schwächeren der Gesellschaft stützen. Mit einer Spende kann sich jede und jeder Einzelne daran beteiligen. Doch die Sozialhilfe muss Aufgabe des Staates bleiben. Sie ist der Kitt unserer Gesellschaft, ja gar das Kernelement im Kampf gegen Armut und Ausgrenzung. Durch die Corona-Pandemie ist die Armut in der Schweiz sichtbarer geworden und man ist sich des Problems bewusster geworden. In der Bundesverfassung ist festgehalten: «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.» Wenn es eine Gesellschaft schafft, dass alle in Würde leben können, wirkt sich das erwiesenermassen positiv auf die Gesellschaft aus. Wenn sich dies die im Ländervergleich reiche Schweiz nicht leisten kann, wer dann?