Schutzmaterialbeschaffung durch das SRK

«Der Markt spielte verrückt»

Auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 hat die Katastrophenhilfe SRK massgeblich dazu beigetragen, den Mangel an Schutzmaterial in der Schweiz zu beheben. Der Nothilfe-Logistiker Thomas Büeler erzählt, wie er die weltweit begehrtesten Güter während der Ausnahmesituation beschaffen konnte.

In den letzten zehn Jahren habe ich zahllose Einsätze nach Katastrophen im Ausland geleistet. Es ist mein Beruf als Nothilfe-Logistiker unter prekären Bedingungen dringend benötigte Hilfsgüter zu beschaffen. Doch dieses Jahr war es das erste Mal, dass ich in der Schweiz einen Nothilfe-Einsatz leistete.

Der Mangel beim Schutzmaterial zeichnete sich schon im Februar ab. Ein Teil unserer Rotkreuz-Organisationen, namentlich der Samariterbund und einige Kantonalverbände, gelangten an uns. Sie wollten sich auf eine mögliche Corona-Pandemie vorbereiten und stellten fest, dass es schwierig war, Schutzmaterial zu beschaffen. Weil China als wichtigstes Produktionsland das Material für die eigene Bevölkerung brauchte, brachen die Lieferketten bereits früh im Jahr ein und es fehlte an Nachschub. Aufgrund unserer langjährigen Erfahrungen in der internationalen Katastrophenhilfe verfügen wir über das nötige Netzwerk und Knowhow, in einer solchen Situation eine Lösung zu finden. Wir boten daher auch dem Bund unsere Unterstützung an, denn alles deutete auf massive Engpässe in der Gesundheitsversorgung und beim Schutz der Bevölkerung hin.

Wildwuchs bei der Masken-Produktion

Unter grossem Druck begannen wir, die Logistik-Einheit des SRK, sofort mit der Arbeit. Der Markt spielte verrückt. Die Pandemie erfasste immer mehr Länder, alle brauchten Masken und weiteres medizinisches Material. Die Nachfrage explodierte. Die Preise stiegen rasant. Innerhalb weniger Wochen entstanden in China Tausende neue Schutzmaterial-Produzenten. Firmen, die zuvor Autositze oder Haushaltartikel produziert hatten, wechselten über Nacht die Branche. Unter solchen Umständen ist es besonders anspruchsvoll, die Qualität sicherzustellen. Nicht nur beim Endprodukt muss die Qualität stimmen, sondern auch bei den Produktionsbedingungen. Wir haben strenge ethische Auflagen. Die Einhaltung der Menschenrechte und ökologischer Standards ist unumstösslich, da ändert sich auch nichts daran, wenn wir uns in einer Notlage befinden und bestimmte Güter dringend brauchen.

Aufgrund des Lockdowns war es unmöglich, sich vor Ort selber ein Bild machen, wie dies bei so grossen Aufträgen sonst üblich ist. Von früheren Katastrophen und dank unseres Netzwerks in der Rotkreuz-Bewegung hatten wir Kontakte zu bewährten Produzenten, Lieferanten und Zertifizierungsfirmen.  Das minimierte für uns das Risiko.

Die besten Deals am Wochenende

Während zweieinhalb Monaten arbeitete ich praktisch rund um die Uhr. In einem so hart umkämpften Markt ist Tempo absolut entscheidend. Ein verpasster Telefonanruf kann eine verpasste Chance bedeuten. Die besten Deals erzielte ich fast immer am Wochenende oder früh morgens, wenn ein Teil der Konkurrenz sich Erholung gönnte. Es kam vor, dass ein Lieferant mitten in der Nacht anrief und sagte, jemand habe 50 Millionen Masken bestellt, beziehe jetzt aber nur 47 Millionen. Da brauchte es dann einen kühlen Kopf und einen schnellen Entscheid, um uns die restlichen drei Millionen zu sichern. Meine grosse Erfahrung in solchen Kontexten ermöglicht es mir, unter Druck die Risiken schnell abzuwägen und instinktiv meist richtig zu entscheiden.

Die besten Deals erzielte ich fast immer am Wochenende oder früh morgens, wenn sich ein Teil der Konkurrenz Erholung gönnte.

Anspannung bis zum letzten Flug

Die Anspannung war enorm, bis das Material in der Schweiz eingetroffen war. Die Swiss, mit der wir früh das Gespräch gesucht hatten, führte dazu neun Flüge zum Selbstkostenpreis durch. Auch mit andern Fluggesellschaften organisierten wir Transporte. Bei jeder Lieferung wussten wir bis zuletzt nicht, ob sie uns im letzten Moment noch vor der Nase weggeschnappt wurde. Im Labor Spiez wurde das Material dann nochmals geprüft. Alle Lieferungen waren qualitativ einwandfrei.

Mehr als 120 Tonnen Schutzmaterial, 23 Mio. Masken, 450'000 Schutzanzüge sowie Handschuhe, Schutzbrillen und Operationsschürzen haben wir importiert. Damit haben wir nicht nur unseren Rotkreuz-Organisationen ermöglicht, ihre Dienstleistungen auch zu Corona-Zeiten zu erbringen und auszubauen. Wir haben auch massgeblich dazu beigetragen, dass der Bund Lücken im Gesundheitswesen und beim Schutz der Bevölkerung überbrücken konnte. Ich bin zufrieden und auch ein wenig stolz auf das Rote Kreuz. Es ist eine grosse Genugtuung, im eigenen Land einen entscheidenden Beitrag zur Entschärfung der Krise zu leisten.