Coronakrise in der Entwicklungszusammenarbeit

Grenzenlose Sorgen

Von Armut betroffene Länder leiden immens an den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Das SRK unterstützt Regionen, wo bereits Delegierte für die Entwicklungszusammenarbeit tätig sind. Sechs von ihnen berichten aus persönlicher Sicht über grenzenlos grosse Herausforderungen und ihre Sorgen.

Laura Martinez, SRK-Delegierte in El Salvador

Derzeit bin ich mit meiner Tochter zu Hause. Es war schwierig, die Arbeit mit meinem Team von hier aus zu organisieren. Doch wir sind motiviert, uns zu engagieren, um El Salvador auch jetzt zu helfen. Das SRK war die erste Rotkreuz-Partnerorganisation, die das Salvadorianische Rote Kreuz in dieser Krise unterstützt hat. So konnte rasch ein Einsatzplan erarbeitet werden. Wir mussten unser Engagement für gewaltbetroffene Jugendliche und Gesundheitsförderung vorübergehend einstellen. Doch wir überweisen weiterhin die Löhne, damit das Personal zur Bekämpfung des Coronavirus eingesetzt werden kann. Der Lockdown zwingt uns, zu Hause zu bleiben. Für uns als Mitarbeitende einer humanitären Organisation ist das frustrierend. Wir sind uns gewohnt, direkt mit den Menschen zu arbeiten.

Oihane Olaetxea, SRK-Delegierte in Haiti

Auch in Haiti unterstützt das SRK die Bekämpfung des Coronavirus. Gemeinsam mit dem Haitianischen Roten Kreuz klären wir die Bevölkerung über die Risiken auf und installieren Händewaschvorrichtungen. Am meisten beschäftigt mich momentan die Frage, wie wir am besten helfen können und wie ich zugleich die Sicherheit meines Teams gewährleisten kann. Ich mache mir Sorgen über mögliche Verzögerungen in der langfristigen Entwicklungszusammenarbeit, etwa bei der Katastrophenvorsorge in gefährdeten Gemeinden. Unsere Arbeit ist in dieser Situation schwierig. Die Ungewissheit, verstärkt durch ständig andere Informationen, ist sehr belastend. Ausserdem glauben viele Menschen in Haiti nicht, dass das Coronavirus eine Krankheit auslösen kann.

Maya Helwani, SRK-Delegierte in Syrien

Für unser kleines Team ist das Arbeiten unter diesen ohnehin schon erschwerten Umständen eine echte Herausforderung. Die Grenzen sind geschlossen und wir können uns nicht frei bewegen. Ich weiss nicht, wann ich meine Familie wiedersehen werde und mache mir Sorgen um ihre Gesundheit. Doch ich versuche, Arbeit und Privatleben kreativ zu vereinbaren und bleibe mit meinen Liebsten virtuell in Kontakt. Das SRK unterstützt den COVID-19-Noteinsatzplan des Syrisch-Arabischen Roten Halbmonds. Wir helfen unserem Partner bei der Hygieneförderung und der Ausrüstung von Gesundheitszentren und Ambulanzen. Dadurch vertieft sich die Zusammenarbeit – eine positive Seite dieser schwierigen Zeit. Aber leider verzögert sich unser übliches Engagement, etwa bei der Verbesserung der Wasserversorgung.

Thomas Okollah-Oyugi, SRK-Delegierter in Ghana

Das SRK konnte die Massnahmen zur Eindämmung des Virus rasch in die bestehenden Aktivitäten für eine bessere Hygiene integrieren. Das Rote Kreuz gehörte zu den ersten Organisationen, die aktiv einen Beitrag leisteten. Wegen des Versammlungsverbots können unsere Freiwilligen für die Aufklärungsarbeit nicht wie üblich zu ihren Dorfgemeinschaften sprechen. Da es nun besonders dringend ist, über die Verbreitung des Coronavirus aufzuklären, versuchen wir die Bevölkerung über das Radio zu erreichen. Mir persönlich macht es sehr zu schaffen, dass ich meine Frau und Kinder nicht sehen kann, die weit weg in meiner Heimat Kenia leben. Ich sorge mich, dass sie sich anstecken, wenn ich nicht bei ihnen bin. Und wie so viele andere hier auch, belastet es mich, dass die Lebenskosten in die Höhe geschnellt sind.

Mihela Hinić, SRK-Delegierte in Bosnien und Herzegowina

Um die Corona-Pandemie einzudämmen, unternimmt das SRK viel. Wir engagieren uns langfristig für ältere, kranke und behinderte Menschen. In der jetzigen Situation ist es schwierig, diese Arbeit fortzuführen und dabei unsere Zielgruppe nicht zu gefährden, da sie alle zur Risikogruppe zählen. Obwohl wir bereits vorher strenge Hygieneauflagen umsetzten, passen unsere Freiwilligen und Mitarbeitenden ihre Routine an, indem sie mit zusätzlichem Schutzmaterial arbeiten. Wir stellen sicher, dass wir gefährdete Menschen pflegen können und zugleich das Ansteckungsrisiko minimiert wird. Weil meine Eltern ihre Wohnung nicht verlassen dürfen, sind sie von mir abhängig. Ihre Gesundheit und die meiner Töchter, welche beide im Ausland leben, machen mir Sorgen. Ich bin auch besorgt über die erwartete Wirtschaftskrise und die wachsenden Bedürfnisse im Land.

Nicola Malacarne, SRK-Delegierter in Bangladesch

Ich arbeite als Delegierter des SRK im Distrikt Cox’s Bazar, wo seit 2017 in Flüchtlingslagern fast eine Million Menschen aus Myanmar leben. Die Armut hier ist gross, die meisten leben von der Hand in den Mund. Es gibt fast kein soziales Auffangnetz. Wenn jede Möglichkeit wegfällt, etwas zu verdienen, kann sich die Sicherheitslage sehr schnell verschlechtern. Das bereitet mir am meisten Sorgen. Aufgrund des Lockdowns bewege ich mich nur noch sehr reduziert fort. Einmal wöchentlich kaufe ich auf dem Markt ein, ansonsten bleibe ich zu Hause oder bin im Büro. Auch das Privatleben ist limitiert. Trotz eingeschränktem Zugang in die Flüchtlingslager von Cox’s Bazar können wir die Gesundheitsdienstleistungen unter Einhaltung strikter Regeln in den Camps weiterführen. Unsere Aufklärungsarbeit fokussieren wir derzeit vollumfänglich auf Covid-19.