16. September 2020

Thomas Gurtner, Leiter Internationale Zusammenarbeit SRK

«Corona trifft die Ärmsten am härtesten»

Thomas Gurtner leitet seit Februar die Internationale Zusammenarbeit des SRK. Im Interview warnt er vor den dramatischen Folgen der Pandemie in Entwicklungsländern und beschreibt diese als eine enorme Tragödie für Millionen von Menschen. Die Krise zeige aber, wie stark die Rotkreuzbewegung weltweit ist und dass das SRK zusammen mit seinen lokalen Partnern in kurzer Zeit sehr viel erreichen kann.

Interview: Tanja Reusser und Katharina Schindler

Auch in der Schweiz sind vermehrt Menschen in existenzielle Not geraten. Warum sollen wir trotzdem weniger entwickelte Länder unterstützen? 

Sicher, es ist die Aufgabe des SRK als nationale Rotkreuzgesellschaft, sich in erster Linie im eigenen Land um Verletzliche zu kümmern. Mit unseren 24 Kantonalverbänden tun wir das schweizweit bedarfsgerecht. Wir können aber nicht darüber hinwegsehen, dass weltweit 1.6 Mrd. Menschen* aufgrund von Corona ihre Lebensgrundlage verloren haben und sich häufig in ausweglosen Situationen befinden*.

«Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass 1,6 Mrd. Menschen ihre Lebensgrundlage verloren haben.»

Das ist eine enorme Tragödie und kreiert soziale Spannungen, die zu Instabilität und Konflikten führen können. Dies betrifft auch uns in der Schweiz. Als reiches Land tragen wir eine Mitverantwortung, angesichts dieser Krise unsere Solidarität auch international zur Verfügung zu stellen.

Corona hat in fast allen 30 Einsatzländern des SRK gleichzeitig zu Notsituationen geführt. Wie konnte das SRK reagieren?

Wir arbeiten seit vielen Jahren partnerschaftlich mit den nationalen Rotkreuzgesellschaften in den Einsatzländern zusammen, teils auch mit andern Organisationen. Sie waren sofort bereit und in der Lage, sich auf die neue Herausforderung einzustellen und ihrer Bevölkerung bestmöglich zu helfen. Meist ging es um Präventionskampagnen, basierend auf langfristigen Wasser- und Hygieneprojekten. Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht, indem wir die Mittel zur Verfügung stellen, und die Partnerorganisation setzt sie in enger Absprache mit uns ein, wie es am meisten hilft. Es zeigte sich, dass das Rote Kreuz in vielen Ländern die effektivste zivile Organisation ist, um Leid zu lindern und der Corona-Krise standzuhalten.

Wie waren die Rückmeldungen aus den unterstützten Ländern?

Sie reagierten mit Dank und Anerkennung, dass wir sie nicht im Stich gelassen haben. Das Rote Kreuz ist mit seinen weltweit 14 Millionen Freiwilligen eine riesige Familie, die weltweit grösste. Wenn ein Familienmitglied in Not ist, hilft man sich gegenseitig. Nicht nur in den Ländern, wo wir schon lange arbeiten. Wir haben auch das Italienische Rote Kreuz unterstützt, indem wir mit einer grossen Lieferung von Schutzmasken unsere Solidarität in der Krise manifestierten.

Was bedeutet die Pandemie längerfristig für die Entwicklungszusammenarbeit?

Sie hat enorme soziale Folgen. In armen Ländern lebt ein Grossteil der Menschen von der Hand in den Mund. Sie haben Jobs ohne soziale Absicherung und stehen nun vor dem Nichts. Fortschritte, die in den letzten Jahrzehnten zugunsten der Ärmsten erzielt wurden, sind nun gefährdet. Vor allem im Gesundheitsbereich.

«Fortschritte, die zugunsten der Ärmsten erzielt wurden, sind wegen der Pandemie gefährdet.»

Weil Corona so viele Ressourcen bindet, drohen andere wichtige Themen vernachlässigt zu werden. Beispielsweise wurden Impf- und Präventionskampagnen aufgrund des Lockdowns unterbrochen. Das kann dazu führen, dass die Menschen zwar nicht an Corona sterben, dafür wieder vermehrt an Malaria oder Masern. Die Krise trifft die Verletzlichsten einmal mehr am meisten. Doch genau für sie ist das Rote Kreuz da. Wir setzen uns dafür ein, dass die Menschen am Rande der Gesellschaft nicht vergessen gehen.

* laut der Internationalen Arbeitsorganisation ILO

Thomas Gurtner

Der 63-Jährige leitet die Internationale Zusammenarbeit SRK nach 30 Jahren in verschiedenen Funktionen bei der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung und der UNO.

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