«Die Notfall-App der Rega hat mich vor dem Erfrieren bewahrt»
Auf einer Schneeschuhtour landet Didier Schlegel nach einer nicht enden wollenden Rutschpartie in einem steilen Bachtobel. Verletzt und bewegungsunfähig erinnert er sich glücklicherweise an die Rega-App.
Atemberaubende Aussicht hoch über Rougemont, auf halber Strecke der Tour vom 5. Februar 2012.
Rot eingezeichnet die Schneeschuhtour im Pays d‘Enhaut, die Didier Schlegel geplant hatte. Bei Montadzou kam es zum verhängnisvollen Sturz.
Didier Schlegel, Mitglied des Schweizer Alpen-Club SAC, ist ein erfahrener Bergwanderer.
Didier Schlegel ist ein begeisterter Bergwanderer: Der 53-jährige Lausanner ist seit einigen Jahren Mitglied beim Schweizer Alpen-Club SAC und fast jedes Wochenende in den Bergen unterwegs. Am 5. Februar 2012, einem sonnigen, aber eiskalten Tag – das Thermometer zeigt minus 16 Grad – zieht es ihn einmal mehr in die Höhe. Von Rougemont, wo Didier gegen zehn Uhr mit seinen Schneeschuhen startet, steigt er zum Gipfel des Rodomont auf. Dort geniesst er auf fast 1900 m ü. M. die herrliche Aussicht. Dann beginnt er am frühen Nachmittag den Abstieg, ohne zu ahnen, was passieren wird.
Nicht enden wollende Rutschpartie
Auf der Höhe von Montadzou ist das Gelände sehr steil. Didier versucht, der Höhenlinie zu folgen: «Es gelang mir nicht, den Hang in der gewünschten Richtung zu durchqueren. Auf dem hartgefrorenen Boden fanden meine Schneeschuhe kaum Halt. Doch der Wald ist dort ziemlich dicht. Ich hatte also keine Angst, abzustürzen.» Irgendwann findet sich Didier zwischen zwei Wasserläufen wieder. Hier stehen keine Bäume mehr, die ihn notfalls auffangen können. Und plötzlich geschieht es: «Ich glitt aus, konnte mich nicht mehr auffangen und rutschte immer schneller den Hang hinunter. Es war wie auf einem Schlitten.» Dann verfängt sich ein Schneeschuh am Boden: «Ich wurde auf den Bauch gedreht und spürte starke Schmerzen im rechten Bein.» Doch Didier rutscht weiter und verletzt sich dabei auch am rechten Fuss.



Informationen zur Rega-App finden Sie unter www.app.rega.ch
Bergung bei Rougemont (VD)
Mit einem Klick geortet
«Schliesslich fand ich mich auf dem Rücken in einem steilen, schattigen Tobel wieder, in einem Bach, der zum Glück gefroren war. Die geringste Bewegung schmerzte.» Didier steht unter Schock: «Ohne gross nachzudenken, nahm ich mein Smartphone heraus. Mit der Notfall- App der Rega forderte ich Hilfe an.» Zum Glück hat er sie vor einigen Tagen heruntergeladen. So wird er fast auf der Stelle geortet und mit der Rega-Einsatzzentrale verbunden. «Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich erfuhr, dass die Rega genau sah, wo ich mich befand.»
Dennoch kommt ihm die Wartezeit in der Kälte, Stille und Einsamkeit unendlich lange vor. «Auch wenn man weiss, dass Hilfe unterwegs ist, kann man in Panik geraten: Ich hatte Angst zu erfrieren.» Daher ruft er nochmals die Rega an. Die beruhigende Stimme am andern Ende tut gut: «In drei bis vier Minuten ist der Helikopter da.»
Alleine unterwegs sein ist gefährlich.
Bergung mit der Rettungswinde
Für diesen Einsatz in unwegsamem Gelände nimmt die Crew der Rega-Basis Zweisimmen einen Rettungsspezialisten Helikopter (RSH) des SAC an Bord. Der Verletzte muss mit der Winde aus der steilen Rinne am Waldrand geborgen werden. Nach einem ersten Überflug zur Erkundung des Geländes kommt der Helikopter zu Didier zurück. «Als ich den Helfer zu mir herunterschweben sah, atmete ich auf.» Der RSH sichert den Unfallort, damit anschliessend der Rega-Notarzt die Erstversorgung durchführen kann. Im Bergesack liegend wird Didier dann mit der Rettungswinde hoch gehievt.
«Nur Minuten später war ich im Spital Saanen, wo mich ein eingespieltes Team in Empfang nahm. Die warmherzige Betreuung und die professionelle medizinische Versorgung haben mich sehr beeindruckt.» Die Diagnose: starke Unterkühlung, ausgerenktes Hüftgelenk und verstauchtes Sprunggelenk. Nach einer knappen Stunde liegt Didier mit gegipstem Bein in einem Spitalbett, in dem er eine Woche wird ausharren müssen.
Ungebrochene Liebe zu den Bergen
Trotz seines Missgeschicks bleibt Didier ein leidenschaftlicher Berggänger. Doch er weiss jetzt, dass jederzeit ein Unfall passieren kann, und achtet vermehrt auf drohende Gefahren. «Ich hatte wirklich Glück im Unglück. Wo wäre ich wohl heute, hätte ich kein Smartphone oder keinen Empfang gehabt?»
Text. Adrienne Prudente, Rega
Fotos: Didier Schlegel

