Ein Weg aus der Finsternis
Weltweit sind 39 Millionen Menschen blind. Viele könnten geheilt werden, doch die medizinische Versorgung fehlt. Das SRK hat allein in Ghana letztes Jahr 1600 Menschen den Grauen Star operiert und ihnen so das Augenlicht zurück gegeben. Eine Reportage aus dem abgelegenen Dorf Loloto.
Nach der Katarakt-Operation begleitet ein Rotkreuz-Mitarbeiter den Patienten Jilma Chati.
Eine blinde Frau wird von zwei Angehörigen zum Gesundheitsposten von Loloto geführt.
Der Rotkreuz-Pfleger untersucht das Auge einer Patientin
Mit Pflastern werden die Augen markiert, die operiert werden müssen.
Wie ein Wunder
Es ist elf Uhr morgens. Vor dem Gesundheitszentrum in Loloto im Norden Ghanas sitzen die Patienten auf langen Bänken und warten. Ein Augenpfleger macht die Runde. Er spricht kurz mit jedem Einzelnen, erkundigt sich nach seinem Leiden. Dann leuchtet er mit einer kleinen Taschenlampe in die Augen und markiert mit einem Pflaster, welche operiert werden müssen.
Immer mehr blinde Menschen treffen ein. Von den mittlerweile 35 Wartenden waren nur 20 angemeldet. Sie hatten vor zehn Tagen bei mobilen Augenkontrollen in ihren Dörfern die Diagnose Katarakt erhalten und sind nun da, um den Grauen Star, wie das Leiden im Volksmund heisst, zu operieren.
Die andern Patienten kommen spontan weil sie hörten, dass das Rote Kreuz an diesem Tag blinde Menschen wieder sehend mache. Diese Ankündigung wirkt wie ein Wunder in einer Region, wo die meisten Menschen ihr Leben lang keinem Arzt begegnen. Wo so viele Leiden als Schicksal hingenommen werden. Auch Blindheit.

Dr. Wanye untersucht das Auge eines Patienten, der an diesem Tag spontan vorbei kommt.

Die ganze Ausrüstung in einem Jeep
Im Innern des Gebäudes ist Dr. Seth Wanye derweil dabei, die 14. Operation des Tages durchzuführen. Der einfache Raum, in dem die presbyterianische Kirche normalerweise Aidsberatungen durchführt, wurde in einen improvisierten Operationsraum umgewandelt. Das Rote Kreuz brachte alles Material mit einem Jeep mit: zwei Liegen, ein Klapptisch, Medikamente, Operationsmaterial, Handschuhe und Schürzen. Auch ein Generator ist dabei, damit bis in die Nacht hinein gearbeitet werden kann.
Mit ruhiger Hand entfernt der Arzt den Katarakt aus dem Auge einer älteren Frau und ersetzt die trübe Linse durch eine klare Kunstlinse. Dr. Wanye ist der einzige Augenarzt im Norden Ghanas, wo 2.4 Millionen Menschen leben. Zwar gibt es im ganzen Land rund 50 Augenärzte. Doch die meisten praktizieren im Süden Ghanas, wo die Lebens- und Arbeitsbedingungen einfacher sind. Derweil reist Dr. Wanye im Rahmen des augenmedizinischen Programmes des SRK das ganze Jahr von Dorf zu Dorf und macht blinde Menschen wieder sehend. Letztes Jahr insgesamt 1600.



Sie haben die Operation bereits hinter sich und warten auf den grossen Moment, da der Verband entfernt wird.
\"Mein Vater hatte mit dem Leben abgeschlossen. Wir wussten nicht, dass man sein Leiden behandeln kann.\"
Nur noch freudlos in einer Ecke gesessen
Jilma Chati ist einer von ihnen. Der betagte Mann, von dem niemand genau weiss wie alt er ist, hat gerade die Katarakt-Operation hinter sich. Beide Augen sind mit Verbänden abgedeckt.
„Mein Vater war seit zwei Jahren blind und sass nur noch freudlos in einer Ecke. Er hatte abgeschlossen mit dem Leben“, sein Sohn, der ihn begleitet „ Wir wussten gar nicht, dass man sein Leiden behandeln kann, bis mich ein freiwilliger Mitarbeiter des Roten Kreuzes in unserem Dorf darauf aufmerksam machte.“
Auf seinem Motorrad hat er den alten Vater hergebracht. Kurz nach der Operation besteigt der Patient schon wieder den Beifahrersitz. Er wird bei Verwandten in der Nähe übernachten, bevor er zurückkommt um den Verband abzunehmen.
Jilma Chati sieht wieder. Noch unterstützt ihn der Augenpfleger beim Öffenen des Auges, weil die lokale Betäubung nachwirkt.
Ein besonderer Moment
Am andern Morgen ist es soweit. Alle Patienten und Patientinnen sind wieder da und warten gespannt auf das, was kommt. Jilma Chati blinzelt etwas ungläubig ins Tageslicht, als ihm der Verband entfernt wird. Erstmals huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Resolut gibt er Auskunft, wie viele Leute er um sich herum sieht, wie viele Finger der Pfleger in die Luft streckt.
„Meine Arbeit ist sehr befriedigend“, meint Dr. Wanye. \"Der Moment, da die Patienten merken, dass sie wieder sehen, ist immer wieder besonders. Er ist meine Motivation.“
Ausser in Ghana hat das SRK in Togo, Mali, Nepal und Tibet augenmedizinische Programme. Letztes Jahr wurden insgesamt 6315 Katarakt-Operationen durchgeführt. Zudem klärt das SRK über die Ursachen von Armutsblindheit auf, wie Vitaminmangel, ungenügende Hygiene und zu späte medizinische Behandlung. Um fehlsichtigen Kindern die Chance auf Bildung zu geben, führt es an Schulen Augentests durch und gibt kostenlos Brillen an.
Text und Bilder: Katharina Schindler, SRK

