Haiti: Auf den Hurrikan vorbereitet
Der 33-jährige Architekt Olivier Le Gall steht seit zwei Jahren im Wiederaufbau-Einsatz in Haiti. Seinen Sommeraufenthalt im kühlen Europa nutzte er sowohl für die Weiterbildung wie zur Erholung. Er freut sich auf die Rückkehr nach Haiti – obwohl ihn dort die Hurrikan-Saison erwartet.
Der SRK-Architekt Olivier Le Gall kehrt nach einer verdienten Sommerpause zuversichtlich und zugleich gespannt nach Haiti zurück.
Olivier Le Gall freut sich darauf, nach seiner Rückkehr wieder die Kollegen des lokales Bauteams anzutreffen.
Olivier Le Gall blickt mit berechtigtem Stolz auf das bisher Erreichte zurück.
Mèci, mwen byen
Mèci, mwen byen – danke, es geht gut, erwidert Olivier Le Gall mit der für Haiti typischen Zuversicht. Der SRK-Mitarbeiter Olivier Le Gall gehört nicht zu jenen, die sich über das diesjährige Sommerwetter bei uns beklagen. Ihm kommt die Abkühlung während seines Heimaturlaubes eher gelegen, bildet sie doch eine Abwechslung zum meist heissen und feuchten Klima im haitianischen Léogane. Dort lebt er seit bereits zwei Jahren. Er trat damals nur wenige Monate nach dem schweren Erdbeben von Anfang 2010 seine Stelle als Baudelegierter an.
Halbzeit im Haiti-Einsatz
Heute blickt der junge Architekt mit berechtigtem Stolz auf das bisher Erreichte zurück. In der Berggemeinde Palmiste-à-Vin begleitete er den Bau von 600 Wohnhäusern, die inzwischen alle von den Bewohnern bezogen sind. „Die grosse Selbständigkeit, das sichtbare Resultat und die angenehme Zusammenarbeit mit den haitianischen Kollegen sind äusserst motivierend“, bilanziert er seine bisherige Erfahrung. Deshalb kehrt er mit einem guten Gefühl für weitere zwei Jahre dorthin zurück.


Im haitianischen Bergdorf Palmiste-à-Vin sind mit der fachlichen Begleitung von Olivier Le Gall 600 Häuser entstanden.
Die Verbesserung der Hygiene und Wasserversorgung steht dieses Jahr im Zentrum der SRK-Aktivitäten in Haiti.
Mit dem lokalen Team nimmt er den Bau der Trinkwasserversorgung und von Latrinen für 1‘200 weit zerstreut lebende Familien der Berggemeinde in Angriff. Sauberes Wasser und eine bessere Hygiene sind in einem Gebiet, in dem immer wieder Cholerafälle auftreten, äusserst wichtig.
Von Nantes nach Léogane
Im Juli konnte sich Olivier Le Gall während gut zwei Wochen im heimatlichen Nantes von den Alltag-Strapazen in Haiti erholt. In dieser westfranzösischen Universitätsstadt studierte er vor gut 10 Jahren Architektur. Nach dem Studium engagierte er sich mit der Organisation „Architectes de l’Urgence“ in den von Erdbeben betroffenen Regionen Pakistans und Perus. Damit brachte er beste Voraussetzungen mit für die neue Herausforderung in Haiti. Doch man hat nie ausgelernt. So besuchte er vor seiner Rückreise nach Haiti im holländischen Utrecht einen von der Internationalen Rotkreuzföderation organisierten Kurs über Notbehausungen nach Katastrophen. Als vor allem wertvoll erlebte er dabei den Austausch von Erfahrungen mit Rotkreuzkolleginnen und –kollegen aus mehreren Kontinenten. Nun reist er zurück in die haitianische Küstenstadt Léogane, von welcher er fast täglich in die eine gute halbe Stunde entfernte Berggemeinde Palmiste-à-Vin hochfährt.



Der SRK-Architekt Olivier Le Gall besucht Guirlène Jean Louis, die in das neue Haus einziehen konnte.
„Die Menschen in Haiti sind trotz der existenziellen Sorgen lebensfroh und optimistisch, was ansteckend wirkt.“
Auf kreolisch geht’s leichter
In der Freizeit trifft sich der Rotkreuzmann gerne mit den haitianischen Berufskollegen. Dass diese ihn auch zu sich nach Hause einladen, ist ein Vertrauensbeweis. Er selber wohnt in aus zwei Räumen bestehenden Bungalow und ist froh, dass auch seine Partnerin als Agronomin eine Arbeit in Léogane gefunden hat.
Oliver Le Gall bewundert die Improvisationsgabe der Haitianerinnen und Haitianer, ohne die der Alltag gar nicht zu bewältigen wäre. Da er Kreolisch gelernt hat, fällt ihm die Verständigung mit den Bäuerinnen und Bauern von Palmiste-à-Vin leichter. Denn diese verstehen zwar Französisch, sprechen es selber aber kaum, da sie die Grundschule meistens nicht abschliessen konnten. „Die Menschen in Haiti sind trotz der existenziellen Sorgen lebensfroh und optimistisch, was ansteckend wirkt“, meint er. Mèci, mwen byen – eben immer wieder. Die im Juli einsetzende Regenzeit verursacht fast jährlich Erdrutsche und alle paar Jahre fegt gar ein zerstörerischer Hurrikan über die Insel. Da hilft neben einer wirksamen Katastrophenvorbereitung durchaus auch eine gute Portion Lebensmut.
Text: Karl Schuler
Fotos: SRK
