Haiti

Gegen Hunger und Hurrikane

Während in Léogâne das Frühwarnsystem des SRK den Härtetest bestanden hat, wurde der Küstenort Corail hart von Hurrikan Matthew getroffen. In Corail vermittelt das SRK Kenntnisse für den Haus- und Gartenbau, die den Familien nachhaltig nützen.

Je tiefer die Fahrt ins Departement Grand‘Anse im Süden Haitis führt, desto schlimmer sind die Zerstörungen. Die Spur der Verwüstung, die Hurrikan Matthew im Oktober 2016 hinterlassen hat, ist sechs Monate später noch immer unübersehbar. Umgeknickte Bäume säumen kilometerweit die Strasse, abwechslungsweise mit Ruinen einfacher Unterkünfte oder Häuser, deren Dächer mit Blachen notdürftig geflickt sind. Die letzten 20 Kilometer zum Küstenort Corail führen über eine mit Steinbrocken versehene, oft steile Piste. In der Nacht zuvor hat es heftig geregnet und in dem rutschigen Gelände kommt selbst der geübte Rotkreuz-Fahrer an seine Grenzen. Schnell wird klar, warum dieser entlegene Ort bei der Nothilfe nach Hurrikan Matthew zuerst vergessen ging. Auch jetzt ist das SRK die einzige Organisation, die in der 30‘000-Seelen Gemeinde ein Büro eröffnet hat und die Bevölkerung systematisch unterstützt.

Alles verloren

In Corail treffen wir die fünfköpfige Familie Marseille. Mutter Nadia Marseille erinnert sich nur zu gut an die schlimme Nacht, als Hurrikan Matthew ihnen alles raubte: «Wir harrten im Haus aus, aber unsere Angst war unbeschreiblich. Der Sturm wurde immer stärker», berichtet die 35-Jährige. «Dann krachte plötzlich diese grosse Palme auf uns.» Alles habe ihre fünfköpfige Familie in dieser Nacht verloren: den Gemüsegarten, die Bananenstauden, die wenigen Schweine und Ziegen. Durch Nässe und Schlamm gingen auch die Reisvorräte kaputt. Wie durch ein Wunder wurde keines der Familienmitglieder verletzt oder gar getötet, als das Häuschen unter der Wucht der grossen Palme einstürzte.

Familie Marseille hat in der Nacht des Hurrikans alles verloren, was sie besass, aber wie durch ein Wunder überlebt.

Sechs Monate später hat die Familie Marseille wieder ein Dach über dem Kopf. Sie ist eine von 650 Familien hier, die mit Unterstützung des SRK ihr Haus reparieren. Damit die Häuser einem nächsten Hurrikan besser Stand halten, schult das Rote Kreuz lokale Handwerker in sturmsicherem Bauen. Unter der Anleitung eines Bauspezialisten lernen diese, die Wände zu verstreben und zu verstärken. «Wichtig ist auch, die Dächer stabil zu montieren», betont Olmick Jean-Baptiste, der für die Reparaturarbeiten des SRK in Corail verantwortlich ist. Zu Hunderten waren die Wellblech-Dächer bei Hurrikan Matthew durch die Luft geflogen und hatten mit ihren scharfen Kanten zusätzlichen Schaden angerichtet.

Felder von Fallholz befreien

Neben einer sicheren Unterkunft ist die tägliche Nahrung die grösste Sorge der Menschen in Corail. Weil beim Wirbelsturm fast die gesamte landwirtschaftliche Produktion vernichtet wurde, verloren die Familien ihre Lebensgrundlage. Nun müssen die Gärten und Felder möglichst rasch wieder bepflanzt werden. Doch umgestürzte Bäume blockieren viele Felder, es fehlt an Maschinen und Fahrzeugen, um sie wegzuräumen. Das SRK hat daher Arbeitsgruppen mit lokalen Männern und Frauen gebildet, die die Stämme und Äste verkleinern und von den Feldern wegtransportieren. Die Einsätze mit Machete und Beil dauern drei Wochen und werden mit insgesamt knapp 55 Franken entschädigt. Der Nutzen ist mehrfach: Die Arbeiter erhalten einen hoch willkommenen finanziellen Zustupf, der in die lokale Wirtschaft einfliesst; die betroffenen Bauern können ihre Felder wieder bestellen und das Fallholz wird, wenn immer möglich, für Reparaturarbeiten eingesetzt.

Reiche Ernte nach kurzer Zeit

Um die Gemüsegärten rasch wieder nutzbar zu machen, hilft das SRK mit Saatgut. Lokale Mitarbeiter des Roten Kreuzes machen vor, wie die Familien die weggeschwemmte Erde durch fruchtbaren Humus ersetzen können. Dazu führt es sie in die Methode des Terra Preta ein, die sich schon in anderen SRK-Projekten in Haiti bewährt hat. Durch eine Mischung aus Dung, Kohle, Asche, Holz und Küchenabfällen lässt sich die Qualität der Erde deutlich verbessern. «Ich konnte schon nach zwei Monaten Spinat und nach drei Monaten Tomaten und Okra ernten», sagt die junge Mutter Melila Beloni voller Stolz. «Die Ernte fiel so reich aus, dass ich sogar den Nachbarn einen Teil davon abgeben konnte.»

Das Frühwarnsystem im Härtetest

Seit dem Erdbeben von 2010 engagiert sich das SRK mit Unterstützung der Glückskette in Haiti. Während zuerst die Nothilfe und der Wiederaufbau von stabilen Häusern im Vordergrund standen, wird seit 2013 vor allem die Katastrophenprävention in der Gemeinde Léogâne verbessert. Beim Hurrikan Matthew, der auch in Léogâne massive Schäden anrichtete, haben sich diese Massnahmen bewährt. Zusammen mit dem lokalen Zivilschutz und dem Haitianischen Roten Kreuz schult das SRK Dorfgruppen und sensibilisiert die Bevölkerung für Risiken und Vorsorgemöglichkeiten. Das Projekt ist breit, es umfasst Massnahmen zur Stabilisierung der Hänge genauso wie die Verbesserung der Katastrophenbereitschaft durch Frühwarnung und Notunterkünfte, die allen bekannt sind.

Mit Flaggen, die an exponierten Stellen installiert sind, wurden die zerstreut lebenden Familien beim Hurrikan Matthew über die aufkommende Gefahr informiert. Drei Stufen umfasst das Warnsystem – bei Rot wussten sie, dass es Zeit war, sich in die Schutzunterkünfte zu begeben. Dort blieben sie, bis sich der Sturm wieder legte und mussten nicht wie Familie Marseille traumatische Stunden durchstehen. «Ich wusste genau, was zu tun war», sagt der 68-jährige Lucson Elisée, dessen grosse Familie sich rechtzeitig in die vom SRK gebaute Schutzunterkunft begab. «Wir haben Nahrungsvorräte und Wasser mitgenommen, damit wir ein paar Tage durchhalten konnten. So hatten wir es in den Katastrophenübungen gelernt.»

Langer Atem lohnt sich

Léogâne ist ein Beispiel dafür, wie sich langfristige Präventionsarbeit lohnt. In der schlecht erschlossenen Gemeinde Corail, wo die Menschen über die sich anbahnende Gefahr von Hurrikan Matthew schlechter informiert waren als wir hier in Schweiz, will sich das SRK mindesten ein Jahr lang engagieren. Wenn es die Spendeneinnahmen erlauben, soll auch dort ein längerfristiges, nachhaltiges Projekt umgesetzt werden.