Transkulturelle Kompetenz

Kolumnen aus dem Berufsalltag

In dieser Rubrik greifen Fachpersonen sowie Expertinnen und Experten aus Praxis, Wissenschaft oder Politik Themen rund um Transkulturelle Kompetenz auf. Hier finden Sie neue Perspektiven, Ideen und Beispiele aus der Berufspraxis.

Bülent Kaya und Sibylle Bihr
Projektleitende, Abteilung Gesundheit und Diversität, Departement Gesundheit und Integration, Schweizerisches Rotes Kreuz

Verletzlichkeit im Gesundheitsbereich: mehr Unterstützung für jene, die besonders darauf angewiesen sind 

Im Rahmen des Projekts Aequalitas des SRK wurde mit einer qualitativen Erhebung bei Migrantinnen und Migranten untersucht, welche Faktoren die Verletzlichkeit im Gesundheitsbereich beeinflussen. Die Resultate zeigen, dass Verletzlichkeit weniger mit der Herkunft oder dem Migrantenstatus zusammenhängt. Zur Entstehung tatsächlicher oder subjektiv empfundener Verletzlichkeitssituationen tragen eher migrationsspezifische Faktoren bei.

Nicht gleiche Chancen für alle in der Gesundheitsversorgung

Die Resultate der Erhebung zeigen, dass Verletzlichkeit weniger mit der Herkunft oder dem Migrantenstatus zusammenhängt. Zur Entstehung tatsächlicher oder subjektiv empfundener Verletzlichkeitssituationen tragen eher bestimmte migrationsspezifische Faktoren bei: Sprachkenntnisse, rechtlicher Status, Vorurteile und Diskriminierung, Vertrauen in das Gesundheitspersonal. Der Grad der Verletzlichkeit hängt stark von der Fähigkeit der Person ab, ihre Situation zu bewältigen. Besonders verletzlich in Bezug auf ihre Gesundheit sind Migrantinnen und Migranten, denen gewisse Ressourcen fehlen und/oder die sich mit strukturellen oder administrativen Zugangshindernissen konfrontiert sehen.

Sprachbarrieren: nicht bloss ein sprachliches Problem

Migrantinnen und Migranten können nur dann selbstständig kommunizieren und ihre Wünsche und Standpunkte äussern, wenn sie über ausreichende Sprachkenntnisse verfügen. Patientinnen und Patienten, die sich in einer Landessprache nicht angemessen verständigen können, erhalten weniger Beachtung und Erklärungen seitens des Gesundheitspersonals. Dadurch verlieren sie das Vertrauen und fühlen sich verunsichert.

Rechtsstatus führt zu administrativen Hindernissen

Je nach Aufenthaltsstatus ist die medizinische Versorgung in administrativer Hinsicht sehr unterschiedlich geregelt.

Asylsuchende und vorläufige Aufgenommene (Ausweis F) fühlen sich besonders verletzlich, was sie ihrem sozialen und rechtlichen Status zuschreiben. Sie sind Verletzlichkeitssituationen ausgesetzt, mit denen Personen mit einer Aufenthaltsbewilligung B oder C nicht oder nicht mehr konfrontiert sind.

Das schweizerische Versicherungssystem: ein Labyrinth für Migrantinnen und Migranten

Das Gesundheitssystem wird zwar als insgesamt gut, aber auch als sehr komplex wahrgenommen. Viele Migrantinnen und Migranten finden sich schlecht mit den Modellen und Leistungen der Krankenversicherung zurecht und haben Schwierigkeiten, die optimale Versicherungslösung zu finden.

Erlebte Vorurteile und Diskriminierungssituationen

Die erlebten Vorurteile beruhen auf Stereotypisierungen, die oft mit der Herkunftsregion und/oder Religionszugehörigkeit zusammenhängen. Von Diskriminierung am häufigsten betroffen sind Personen, die besonders verletzlich sind, weil bei ihnen mehrere Faktoren zusammenkommen, wie Migrantinnen mit schlechten Kenntnissen der Landessprache, die Sozialhilfe beziehen, oder arbeitslose dunkelhäutige Männer.

Transkulturelle Kompetenz: ein Instrument zur Verringerung der Verletzlichkeit

Die Erhebung zeigt, dass im Hinblick auf die Chancengleichheit jeder einzelne dieser Faktoren spezifisch berücksichtigt werden muss, um die Gesundheitsversorgung von verletzlichen Personen zu optimieren. Die Institutionen müssen sich für eine institutionelle Struktur einsetzen, die empfänglicher und offener für die Bedürfnisse verletzlicher Personen ist. Dies erfordert vor allem einen erleichterten Zugang zu den Leistungen sowie eine Willkommenskultur, wie im Rahmen des Projekts Migrant friendly hospitals, das auf die spezifischen Bedürfnisse von Migrantinnen und Migranten ausgerichtet ist. Zudem muss das Gesundheitspersonal der Situation verletzlicher Personen vermehrte Beachtung schenken und seine transkulturelle Kompetenz ausbauen, um die Vulnerabilität zu verringern. Schliesslich müssen bedeutende Anstrengungen unternommen werden, um die Gesundheitskompetenz verletzlicher Migrantinnen und Migranten zu verbessern. In diese Richtung gehen Projekte wie VIA und mamamundo, die von verschiedenen Kantonalverbänden des SRK durchgeführt werden.

März 2015