Syrische Flüchtlinge im Libanon

Warten auf die Heimat

Die 14-jährige Douha, ihr kleiner Bruder Abdel Hay, 5, und Vater Khaled Al Sliman überlegen gut, welche Lebensmittel sie mit dem Restguthaben kaufen wollen. Der Vater bezahlt mit der Karte, die er vom Roten Kreuz erhalten hat. Syrische Flüchtlinge wie die Al Slimans dürfen im Libanon bleiben, haben aber kein Einkommen. Das SRK unterstützt besonders bedürftige Familien mit einem monatlichen Beitrag, damit sie im Libanon leben können.

Auch wenn die Wohnung hier noch so klein ist für 13 Personen – am meisten vermisst der Syrer Khaled Al Sliman seinen Garten. Die Blumen brachten Farbe in den Alltag der Familie, erzählt der 50-Jährige. Die Obstbäume und das eigene Gemüse waren eine bunte, gesunde Abwechslung auf dem Speiseplan. «Diese ist dank der Unterstützung durch das SRK auch im Gastland Libanon ab und zu wieder möglich», sagt der Vater von neun Kindern. «Wir sind unglaublich dankbar für den monatlichen Bargeldbeitrag vom Roten Kreuz.» Wie Familie Al Sliman unterstützt das Rote Kreuz möglichst viele bedürftige Familien direkt mit monatlich 175 US-Dollar. Ein Betrag, der auch im Libanon nicht ausreicht, um eine Grossfamilie zu ernähren. Doch ein wichtiger Beitrag, der sowohl die Flüchtlingsfamilien als auch die Gesellschaft im Libanon entlastet.

Ein wichtiger Beitrag, der sowohl die Flüchtlingsfamilie als auch die Gesellschaft im Libanon entlastet.

Zwei der Kinder leiden an einer angeborenen Funktionsstörung der Nebennierenrinde und sind auf ein teures Medikament angewiesen. Dafür und für die zweistündige Reise zur spezialisierten Apotheke in der Grosstadt Byblos muss die Familie fast den gesamten Monatsbetrag hinblättern. «Mit dem Rest kaufen wir die günstigsten Lebensmittel auf dem Markt, Seife, manchmal Shampoo oder – wenn es reicht – auch etwas Fleisch für die Kinder», ergänzt Mutter Ilham Al Sliman.

Leben im Dauerprovisorium

APROPOS
Das SRK unterstützt seit 2015 mit finanzieller Beteiligung der Glückskette syrische Flüchtlingsfamilien im Libanon mit Bargeld. Zur libanesischen Bevölkerung, die ca. vier Millionen Menschen zählt, kommen über eine Million registrierte Flüchtlinge aus Syrien hinzu. Die Zivilgesellschaft und die unzureichende Infrastruktur des politisch instabilen Staates sind arg unter Druck. Das Libanesische Rote Kreuz spielt eine wichtige Rolle: Dank ihm kann das SRK mit Bargeldbeiträgen, Nahrungsmittelpaketen, Winterhilfe, einem kostenlosen Ambulanzdienst sowie genügend sicheren Blutspenden helfen. Bei seinem Engagement im Libanon achtet das SRK darauf, dass die ganze Bevölkerung berücksichtigt wird – Einheimische wie auch Flüchtlinge. Zum Beispiel erhalten auch besonders bedürftige libanesische Familien einen monatlichen Bargeldbetrag.

In Mechmech, einer Stadt im nördlichsten Zipfel des Libanon, ist es im Sommer etwas kühler als in den heissen Küstenstädten. Doch im Winter ist es kalt und zugig. Al Slimans mussten 2012 aus der syrischen, hart umkämpften Stadt Homs fliehen. Abdel Hay, das jüngste Kind, war damals zwei Monate alt. Arbeiten darf der Familienvater im Gastland nicht. Das belastet den einstigen Inhaber eines Elektrogeschäftes schwer. In ihrer Verzweiflung müssen viele syrische Flüchtlinge Schwarzarbeit annehmen. So verdient der Bruder von Khaled Al Sliman ein bisschen Geld. Auch er wohnt mit seinem Sohn in der Wohnung und unterstützt dafür seine Verwandten so gut er kann. Die 13 Personen teilen sich ein Wohnzimmer, zwei Schlafräume, ein Badezimmer und die Küche. Die Wohnung im 1. Stock des unfertigen Hauses ist karg eingerichtet, doch im Gegensatz zum ehemals schönen Zuhause in der Heimat bietet sie Sicherheit. Zudem ist noch die kleinste Wohnung besser als ein Zelt in einem der improvisierten Lager, wo viele syrische Flüchtlinge im Libanon eine Bleibe gefunden haben.

Vieles ist aus finanziellen Gründen unerreichbar und die Familie muss täglich mit Einschränkungen leben.

Die 14-jährige Tochter Douha erinnert sich noch gut an ihre Kinderjahre in Syrien. Sie vermisst die Freiheit, draussen mit ihren Freunden zu spielen und den Duft des Jasmins vor dem Haus. In Mechmech lebt Familie Al Sliman zwar in einer freundlichen Nachbarschaft, doch fühlen sie sich nach fünf Jahren noch immer als Fremde. Vieles ist aus finanziellen Gründen unerreichbar, auch sonst muss die Familie täglich mit Einschränkungen leben. Darum setzt Khaled Al Sliman alles daran, dass seine Kinder eine gute Ausbildung erhalten: «Sie gehen alle zur Schule. Und wenn es irgendwo einen kostenlosen Kurs gibt, schicke ich sie auch dahin. Bildung ist etwas vom Wichtigsten für ihre Zukunft.» Douha ist eine fleissige Schülerin. Sie mag Französisch und spricht bei jeder Gelegenheit die gelernten Sätze. Sie möchte Kinderärztin werden und dereinst in Syrien Kindern helfen. Die ganze Familie hofft jeden Tag, dass die Rückkehr möglich wird. Und wenn es so weit ist, wird Syrien gut ausgebildete, engagierte Menschen wie Douha brauchen können.