Erdbeben in Armenien 1988

Die Katastrophe, welche die Welt bewegte

Unermessliches Elend und Leid, unüberschaubar grosse internationale Solidarität: Das Erdbeben in Armenien bewegte die Welt. Es gilt rückblickend als ein Meilenstein in der Koordination der internationalen Nothilfe nach einer Grosskatastrophe.

Vor 30 Jahren, am 7. Dezember 1988, bebte in der Gegend um die nordarmenische Stadt Spitak die Erde mit einer Stärke von 6.8 auf der Richterskala. Ein Ereignis, das aufgrund seiner Tragik in die Geschichtsbücher einging. Gegen 25 000 Menschen haben ihr Leben verloren, mehr als 12 000 wurden verletzt. Unschätzbar viele wurden obdachlos, einige Quellen berichten von bis zu einer Million Menschen. Geschichtsträchtig sind auch die darauf folgenden Hilfsmassnahmen. Während des Kalten Krieges kam es zum ersten Mal zu humanitären Einsätzen durch westliche Organisationen in der damaligen Sowjetunion.

Riesige Solidarität

Auch die offizielle Schweiz und das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) gehörten zu den Ersten, welche den Menschen vor Ort zu Hilfe eilten. Die Schweizer Hilfe koordiniert hat Toni Frisch, damals stellvertretender Leiter der Humanitären Hilfe des Bundes sowie des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe und heutige Vize- Präsident des SRK: «Leider gab es in den 80er-Jahren auch andere Katastrophen mit ähnlichem Ausmass. Das Aussergewöhnliche jedoch war, dass Armenien hinter dem ‹eisernen Vorhang› lag. Die Behörden waren völlig überfordert, auch bedingt durch die rigide Führungsstruktur.»

In der Schweiz war die Solidarität mit den Menschen in Armenien gewaltig. Die Glückskette lancierte einen nationalen Sammeltag welcher rund 25 Millionen Franken einbrachte. Das SRK beteiligte sich sich an mehreren Hilfsgüterflügen und versandte Medikamente, Wolldecken, Zelte und weitere Notwendigkeiten an das Rote Kreuz der damaligen Sowjetunion.

Toni Frisch erinnert sich: «Der Wille in Armenien Hilfe zu leisten war eindrücklich. Doch es gab grosse Schwierigkeiten betreffend Kommunikation, Einreisebewilligungen, Zollformalitäten und Sicherheitsfragen. Die Solidarität schlug sich in einer unkoordinierten internationalen Hilfe nieder. Einerseits in der Zusammenarbeit mit den Behörden, aber auch untereinander hatten die internationalen Nothilfeteams anfänglich einige Probleme.»

Koordination der internationalen Hilfe

Aus dieser Situation heraus ergab es sich, dass Toni Frisch eine internationale Koordinationsfunktion übernahm. Damit legte er den Grundstein für die INSARAG, der International Search and Rescue Advisory Group der UNO. Sie wurde 1991 aufgrund der Erfahrungen nach dem Erdbeben in Armenien gegründet und hat bis heute zur Aufgabe, die internationale Hilfe nach einer Katastrophe zu koordinieren und somit effizienter zu machen. Toni Frisch war die ersten 25 Jahre Vorsitzender der INSARAG: «Es ist eine Erfolgsstory. Über die Jahre wurde INSARAG zu einer weltweit verankerten und starken Organisation, welche sich für die Koordination und die Qualitätssicherung vor und während eines Nothilfe-Einsatzes einsetzt.»

Auch das Rote Kreuz wurde durch die Gründung der INSARAG beeinflusst und übernahm deren Standards. Die internationalen Hilfsaktivitäten der Bewegung bei Natur- und Zivilkatastrophen werden durch die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften mit Sitz in Genf geleitet und koordiniert. Für die weltweite Hilfskoordination war das Erdbeben in Armenien im Nachhinein ein wichtiger Meilenstein und hatte, trotz der Tragik, durch die Schaffung der INSARAG einen positiven Nebeneffekt.

Doch wie erging es dem Land selbst? Aufgrund der katastrophalen Wirtschaftslage sowie dem ethnischen Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan gestaltete sich auch der Wiederaufbau schwierig. Trotzdem konnte das SRK in den folgenden Jahren drei Rotkreuz- Zentren für sozialmedizinische Dienste und fünf Ambulatorien für Gesundheitsversorgung errichten. Zudem hatte es die Federführung in einem Bauprojekt von 60 Wohnhäusern in Zusammenarbeit mit anderen Schweizer Hilfswerken.

SRK engagiert sich noch heute

Gemäss den letzten Zahlen von 2015 leben immer noch 30 Prozent der Bevölkerung in Armut. Besonders häufig sind es ältere Menschen, die aufgrund der Abwanderung der erwerbstätigen Generation in der Überzahl sind. Gemeinsam mit dem Armenischen Roten Kreuz unterstützt deshalb das SRK Selbsthilfeprojekte für «Aktives Altern» und fördert den Aufbau von Hauspflegediensten. Nahrungsmittelpakete und Suppenküchen entlasten das Budget von Pensionierten und tragen zu einer ausgewogenen Ernährung bei. Auch 30 Jahre nach dem Erdbeben von Spitak ist die Armut in Armenien so gross und verbreitet, dass Hilfe aus dem Ausland nur die grösste Not lindern kann.