Pflegende Angehörige

Zwischendurch einmal verschnaufen

Rosemarie Schöllhorn, 80, tut gerne etwas für ihren Mann. Weil es meist umgekehrt ist. Seit 25 Jahren sorgt Karl Schöllhorn, 75, tagtäglich für eine Frau. Rund 250‘000 Menschen in der Schweiz schenken ihre Zeit pflegebedürftigen Angehörigen. Sie ermöglichen ihren Liebsten einen weitgehend normalen Alltag. Dabei stossen die Pflegenden an ihre Belastungsgrenze. Das SRK sensibilisiert und bietet Lösungen für unterschiedliche Lebenssituationen. Denn es braucht oft gar nicht viel, damit pflegende Angehörige auftanken können. Das zeigt auch die Geschichte des Ehepaars Schöllhorn.

Gleich zu Beginn ist eine harmonische Atmosphäre spürbar im gemütlich eingerichteten Haus des Ehepaars Schöllhorn im aargauischen Birr. Alles ist makellos sauber und perfekt aufgeräumt. Rosemarie Schöllhorn, 80, begrüsst uns mit einem herzlichen Lächeln. Der 75-jährige Karl Schöllhorn wirkt überaus sportlich. Kaum fassbar, dass vor 25 Jahren ein Schicksalsschlag das Leben des Ehepaars von Grund auf verändert hat.

1992 wird bei Rosemarie Schöllhorn ein bösartiger Hirntumor festgestellt. Eine wahrscheinliche Ursache könnte der Schädelbruch sein, den sie 1966 bei einem Autounfall erlitten hatte. Die heikle Operation hat gravierende Folgen: Als Rosemarie Schöllhorn aufwacht, ist sie halbseitig gelähmt, hat Sprachstörungen und auch ihre kognitiven Fähigkeiten sind beeinträchtigt. Sie ist bettlägerig und kann sich weder alleine waschen noch anziehen. «Es war, als fielen wir in ein tiefes Loch. Ein endloser, dunkler Tunnel», beschreiben beide übereinstimmend die damalige Zeit.

Nichts ist mehr wie zuvor

Für das Paar ist es ein enormer Schock. «Unser ganzes Leben wurde auf den Kopf gestellt. Von einem Tag auf den andern war privat und auch im Beruf alles anders.» Die beiden stellen sich bange Fragen zu ihrer gemeinsamen Zukunft: Wird sich der Gesundheitszustand verbessern oder verschlimmern? Muss Rosemarie Schöllhorn gar in ein Pflegeheim? Das Ehepaar hat sich versprochen, füreinander da zu sein. In guten, wie in schweren Zeiten. Karl Schöllhorn gehört nicht zu denen, die leicht aufgeben und das Versprechen gibt ihm Kraft. Er nimmt grosse berufliche Veränderungen auf sich, damit er sich besser um seine Frau kümmern kann.

«Unser ganzes Leben wurde auf den Kopf gestellt.»

Der ehemalige Berufsmilitär gibt seine Stelle als Ingenieur bei ABB auf und beginnt, in der Nähe des Wohnorts an einer Hochschule zu unterrichten. Sein neuer Arbeitsplatz bietet ihm mehr Flexibilität. Nun muss er nicht mehr ins Ausland reisen und seine Vorlesungen kann er zu Hause vorbereiten. Dennoch ist es eine harte Zeit. Karl Schöllhorn begleitet seine Frau zu den häufigen Arztbesuchen und in die Therapie. Gemeinsame Reisen und sportliche Aktivitäten sind nicht mehr möglich. Ein schwerer Verzicht für die frühere Turnlehrerin und den passionierten Kletterer. Ihr soziales Umfeld wird zusehends kleiner. Nur wenige Freunde und Bekannte, die ihnen wirklich nahestehen, bleiben.

Willkommene Entlastung

Als Karl Schöllhorn erkennt, dass er die Betreuung seiner Frau nicht mehr alleine bewältigen kann, lässt er sich beraten. Das Ehepaar erfährt vom Entlastungsdienst für pflegende Angehörige des SRK Kanton Aargau. «Erleichtert stellten wir fest, dass die Tarife für uns erschwinglich sind.» Zuvor hatten sie diese Möglichkeit ausgeschlossen, weil andere, private Entlastungsdienste ihr Budget bei Weitem übersteigen.

«Die Tarife des SRK sind für uns erschwinglich.»

Seit drei Jahren kümmert sich Elisabeth Kummer, Pflegehelferin SRK, einmal pro Woche um Rosemarie Schöllhorn. Sie kochen zusammen einfache Mahlzeiten, machen Schreibübungen, versorgen die saubere Wäsche oder räumen den Tisch ab. Für Karl Schöllhorn ein Moment, durchzuatmen und seine Batterien aufzuladen. «Ich bin so froh, dass mein Mann ab und zu etwas unternehmen und seine Zeit frei einteilen kann», vertraut uns Rosemarie Schöllhorn an. Karl Schöllhorn nutzt diese Stunden, um im Auftragsverhältnis zu arbeiten oder seinem Hobby nachzugehen, dem Klettern: «Da ich meine Frau in guten Händen weiss, kann ich unbesorgt weggehen.»

Ein fast normaler Alltag

Heute ist der Alltag des Ehepaars gut organisiert. Neben der Pflegehelferin SRK kommt jeden Samstag ein Physiotherapeut vorbei, um mit Rosemarie Schöllhorn zu arbeiten. Und einmal pro Woche wird das Haus von einer Reinigungshilfe geputzt. Karl Schöllhorn ist ein ausgeprägter Morgenmensch. Jeden Tag steht er um 3 Uhr auf und erledigt zunächst Haushaltarbeiten wie Waschen und Bügeln. Gegen 8 Uhr frühstückt er mit seiner Frau und arbeitet dann bis Mittag in seinem Büro. Unterdessen macht Rosemarie Schöllhorn ihre Physiotherapieübungen, liest die Zeitungen und ruht sich aus. Nachmittags unternimmt das Ehepaar bei schönem Wetter gerne einen Spaziergang an der frischen Luft. Gegen 17 Uhr nehmen die beiden das Abendessen ein. Meist schauen sie danach noch gemeinsam fern, am liebsten einen Krimi oder einen Tierfilm, bevor sie um 20 Uhr zu Bett gehen. Alles in allem ein fast gewöhnliches Leben.

Rosemarie Schöllhorn hat beachtliche Fortschritte erzielt.

Rosemarie Schöllhorns Gesundheit hat sich erheblich verbessert, in einem Alter, in dem die meisten Menschen gesundheitliche Beeinträchtigungen annehmen müssen. «Sie hat einen eisernen Willen», erklärt Elisabeth Kummer voller Bewunderung. Rosemarie Schöllhorn kann wieder normal sprechen. Sie erhebt sich aus dem Rollstuhl und geht sogar einige Schritte ohne Stock. Sie hat auch wieder gelernt, zu schreiben und ohne Hilfe aus dem Bett aufzustehen. All dies war vor einigen Jahren noch unvorstellbar. Zu den beachtlichen Fortschritten beigetragen haben Rosemarie Schöllhorns starker Charakter und die Liebe sowie der Optimismus ihres Mannes. Beide sind aber überzeugt, dass die Entlastung durch das SRK auf Dauer unerlässlich ist für ein harmonisches Zusammenleben und für andauernde Lebensfreude.