Das SRK für Menschen auf der Flucht

«Wir helfen, bis es uns nicht mehr braucht»

Seit vier Jahren engagiert sich das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) für Flüchtlinge aus Syrien. Zuerst und immer noch in den Nachbarländern Syriens, seit letztem Jahr auf der Balkanroute und in Griechenland. Beatrice Weber, Leiterin der Katastrophenhilfe des SRK, erklärt, wie das SRK flexibel, aber auch nachhaltig hilft und warum genau dies die Herausforderung ist.

Sie waren in Serbien und Griechenland. Wie ist Ihr Eindruck?

Beatrice Weber*: Die Stimmung hat sich innert weniger Monate stark verändert. Im Januar war ich in Serbien, wo wir zusammen mit dem Serbischen Roten Kreuz Hilfsgüter verteilten. Im April besuchte ich dann Griechenland. Die Lage in Serbien war eigentlich prekärer. Es war bitterkalt, die äusseren Bedingungen waren härter als im Frühling. Aber die Menschen hatten noch Hoffnung. Sie wollten weiterreisen und hatten ein Ziel vor Augen: Westeuropa. Als ich im April den Norden Griechenlands besuchte, traf ich auf gestrandete Menschen ohne Perspektiven und Hoffnung. Die Grenzen waren seit Wochen geschlossen, den Neueintreffenden droht die Rückführung. Niemand weiss, wie es weitergeht. Das ist bedrückend.

Wie hilft das Rote Kreuz?

Das Rote Kreuz verteilt seit Monaten Hilfsgüter wie Essen, Wasser, Decken und Hygieneartikel und stellt in zahlreichen Camps medizinisches Personal für die erste Hilfe zur Verfügung. An der Front sind es vor allem die Freiwilligen des Griechischen Roten Kreuzes. Im Hintergrund und in den Gesundheitszentren werden sie von verschiedenen Rotkreuz-Gesellschaften unterstützt, so auch vom SRK. Eine der grössten Herausforderungen besteht darin, dass die richtigen Hilfsgüter zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Hier hilft das SRK mit Logistik-Spezialisten in Athen, Lesbos und Chios. Diese Hilfe ist abgesprochen mit der Internationalen Rotkreuz-Föderation. Sie koordiniert die gesamte Nothilfe des Roten Kreuzes und spricht sich mit den Behörden ab. Das ist extrem wichtig, um Doppelspurigkeit oder Lücken in der Versorgung zu vermeiden.

Wäre es nicht sinnvoll, mehr Helfer zu schicken?

Ausser dem SRK sind auch andere Rotkreuz-Gesellschaften vor Ort – das Deutsche, das Dänische, das Österreichische oder auch das Finnische und Spanische Rote Kreuz. Wir alle stärken das Griechische Rote Kreuz bei der Bewältigung dieser Krise. Da das SRK in der Logistik besonders stark ist, helfen wir auf diese Weise. Aber auch Gesundheitspersonal setzen wir ein. Weitere Nothilfe-Spezialisten des SRK stehen auf Abruf bereit, sobald sie gebraucht werden. Undenkbar ist, dass wir ohne Absprache mit den Partnern vor Ort Personal entsenden und eine Nothilfe starten. Stellen sie sich vor, wenn hier in der Schweiz eine akute Notlage wäre, und ausländische Hilfswerke würden einfach einreisen und nach eigenem Gutdünken Hilfsgüter verteilen. Das käme nicht gut an und würde womöglich in ein Chaos führen.

Eine wichtige Aufgabe ist es, das Griechische Rote Kreuz nicht nur bei der konkreten Nothilfe, sondern auch bei der Rekrutierung und Schulung von lokalen Freiwilligen zu unterstützen. In den vergangenen Monaten konnte es Hunderte Freiwillige ausbilden, die nun Hilfsgüter verteilen, erste Hilfe leisten und andere wichtige Aufgaben übernehmen. Sie werden auch dann noch vor Ort sein, wenn ein Grossteil der ausländischen Helfer wieder abgereist ist.

«Weitere Nothilfe-Spezialisten des SRK stehen abrufbereit und werden eingesetzt, sobald Griechenland uns um noch mehr Unterstützung bittet.»

Dennoch hat man den Eindruck, es müsste noch mehr getan werden.

Tatsächlich sind alle, die in dieser Krise aktiv sind, sehr stark gefordert. Die Situation verändert sich laufend. Politische Entscheide wie Grenzschliessungen oder das Abkommen zwischen der EU und der Türkei haben massive Auswirkungen auf die humanitäre Situation. Monatelang waren die Menschen nur kurz in den jeweiligen Camps und reisten sofort weiter. Es galt sicherzustellen, dass sie auf ihrer Route erhielten, was sie am dringendsten brauchten. Seit März sind Zehntausende in Griechenland blockiert und wir müssen davon ausgehen, dass viele von ihnen lange Zeit Betreuung brauchen. Dadurch stellen sich ganz andere Fragen. Zum Beispiel ob Kinder in die Schule gehen können. Als humanitäre Organisation helfen wir, die negativen Auswirkungen von politischen Entscheiden etwas zu lindern und stehen den Menschen in Not bei. Doch ihre tiefgreifenden Probleme können wir nicht lösen. Noch dringender als Hilfsgüter brauchen die Menschen eine Perspektive, wie es mit ihrem Leben weitergeht.

Wie hilft das SRK den Flüchtlingen in nächster Zeit?

Es gibt verschiedene Szenarien und wir sind bereit, zu reagieren. Sicher ist, dass wir noch bis mindestens 2017 in Griechenland bleiben und unsere Unterstützung so flexibel wie nötig fortsetzen. Ein grosses Hilfsprogramm haben wir schon seit mehreren Jahren im Libanon, wo wir über 1500 syrische Flüchtlingsfamilien regelmässig mit Hilfsgütern und Bargeld unterstützen. Diese Nothilfe haben wir angesichts der anhaltend sehr prekären Situation im Libanon weiter ausgebaut. Zusätzlich sind wir daran, uns in Syrien selber zu engagieren, wo die Not am grössten ist. Zusammen mit dem Syrischen Roten Halbmond helfen wir mit, in As-Suwaida eine Gesundheitsstation für intern vertriebene Menschen zu betreiben und unterstützen auch eine mobile Augenklinik. Nicht zu vergessen ist schliesslich, dass das SRK auch in der Schweiz bereit steht, um im Fall einer starken Zunahme der Flüchtlingszahlen die Behörden zu unterstützen.

*Beatrice Weber: Die 50-Jährige ist seit drei Jahren Leiterin der Katastrophenhilfe SRK und damit verantwortlich für Hilfseinsätze vor Ort.