Nothilfe-Pool SRK

«Sozialkompetenz ist genauso wichtig wie Fachwissen»

30 Nothilfe-Spezialisten des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) leisteten diesen Herbst Einsätze auf drei Kontinenten – so viele wie noch nie. Wie funktioniert der Personalpool des SRK? Und warum wird er in der Nothilfe immer wichtiger? Die Leiterin der SRK-Katastrophenhilfe, Beatrice Weber, gibt Auskunft.

Beatrice Weber, das SRK hatte noch nie so viele Nothilfe-Spezialisten gleichzeitig im Einsatz. Weshalb diese Rekordzahl?

Beatrice Weber: Im Herbst 2017 kam es weltweit zu einer Häufung von Katastrophen. In der Karibik jagte ein Wirbelsturm den andern, gleichzeitig war Bangladesch von einem enormen Zustrom von Flüchtlingen betroffen und in Madagaskar brach die Pest aus. In allen Fällen hat uns die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondföderation um Unterstützung gebeten. Wir sind froh, dass wir diese leisten konnten.

Verfügt das SRK über ausreichend ausgebildete Fachleute?

In den vergangenen Jahren haben wir viel in die Ausbildung von Nothilfe-Spezialisten investiert. Wir verfügen über einen breit abgestützten Personalpool. Die Pool-Mitglieder sind nach den Standards der Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften ausgebildet, ihre Einsätze erfolgen immer koordiniert mit der internationalen Bewegung. Wir sind auf Logistik- und Gesundheitsexperten spezialisiert, die wir selber für die Katastrophenhilfe aus- und weiterbilden. Sie kommen dort zum Einsatz, wo lokale Fachkräfte durch das Ausmass einer Katastrophe überfordert oder sie auch selber direkt betroffen sind. Die SRK-Helfer und -Helferinnen packen selber mit an, genauso wichtig ist aber, dass sie ihr Wissen vor Ort an die lokalen Rotkreuz-Freiwilligen und Fachkräfte weitergeben.

Wie setzt sich der Personalpool zusammen?

Zum Teil sind es Logistikspezialisten, die an der Geschäftsstelle des SRK angestellt sind. Ein Grossteil der Poolmitglieder sind aber Berufsleute, die in der Privatwirtschaft tätig sind, im Fall von Gesundheitsfachleuten auch in Spitälern oder Arztpraxen. Sie werden von ihren Arbeitgebern für die Dauer der Einsätze freigestellt. Schliesslich bilden wir in unseren Einsatzländern, wo wir langfristige Entwicklungsprogramme haben, ebenfalls Fachleute für diese Nothilfe-Einsätze aus. Dies ermöglicht ihnen, breite Erfahrungen zu sammeln, die sie wiederum in ihre Rotkreuzgesellschaften einfliessen lassen.

Die Nothelfer arbeiten also in stark gemischten Teams. Was sind die Vor- und Nachteile davon?

Die unterschiedlichen Hintergründe der Teammitglieder sind extrem wertvoll. Ein erfahrener Nothelfer aus dem Libanon, wie wir ihn im Logistik-Pool haben und auch in die Karibik schickten, bringt ganz andere praktische Erfahrungen mit als beispielsweise ein Logistiker eines Schweizer Grossverteilers. Im Team ergänzen sie sich, wobei die Verschiedenheit natürlich auch eine Herausforderung darstellt. Die Einsätze sind sehr anstrengend, oft gibt es kaum Rückzugs- oder Erholungsmöglichkeiten. Die Sozialkompetenz und die Belastbarkeit sind daher genauso wichtig wie das Fachwissen.

Hat das SRK auch Hilfsgüter in die Karibik und nach Bangladesch geschickt?

Neben den Fachleuten, die wir entsendet haben, unterstützen wird die Nothilfen auch finanziell. Hilfsgüter werden aber nicht mehr wie früher üblich ab der Schweiz geschickt, sondern vor Ort eingekauft – im betroffenen Land oder zumindest in der Region. Das ist effizienter. Immer häufiger erhalten die Menschen, die bei einer Katastrophe ihr Hab und Gut verloren haben, auch Bargeld, damit sie selber das Nötigste kaufen können. Dazu muss der lokale Markt aber noch funktionieren. Diese modernen Formen der Nothilfe helfen, die lokalen Märkte zu stützen. Zudem tragen sie dem Umstand Rechnung, dass die Menschen selber am besten wissen, was sie in ihrer Not am dringendsten brauchen.