Katastrophenhilfe SRK

Die weitsichtige Hilfe

Hätten Sie gedacht, dass nach einer Katastrophe ein Hilfspaket nicht in jedem Fall die beste Art von Hilfe ist? Was die Hilfswerke heute besser machen im Gegensatz zu früher, erklärt Thomas Büeler von der Katastrophenhilfe SRK.

Erdbeben in Nepal, Wirbelsturm auf den Philippinen, Hungersnot in Afrika – wenn Menschen grosses Leid wiederfährt, ist es unsere menschliche Pflicht zu helfen. Was den Ärmsten fehlt, haben wir im Überfluss. Kleider, Nahrung, Haushalt- und Hygieneartikel. Wieso also nicht diese Güter in die betroffenen Länder schicken?

Thomas Büeler und sein Team gehören zu den Ersten des SRK, die nach einer Katastrophe im Krisengebiet eintreffen. Der 40-Jährige arbeitet seit 10 Jahren beim SRK als Nothilfe-Logistiker. Er weiss, weshalb Hilfspakete aus der Schweiz nicht in jedem Fall nützlich sind für ein Land, das durch eine Katastrophe geschwächt ist. «Die Auswirkungen von Naturkatastrophen sind meist ähnlich. Je nach Situation oder Land unterschiedlich sind die dringendsten Bedürfnisse der Betroffenen und wie die Hilfe am effizientesten zu ihnen gelangt.» In Nepal etwa, wo in den höheren Lagen die Nächte bitterkalt werden, brauchten die Opfer des Erdbebens so rasch wie möglich eine Notunterkunft und warme Decken. Im tropisch warmen Haiti hingegen bestand die dringendste Hilfe in der Beschaffung von Nahrung und Wasser.

«Nach einer Katastrophe sind die dringendsten Bedürfnisse je nach Land oder Situation unterschiedlich.»

Wenn immer möglich, kauft das SRK die Hilfsgüter vor Ort ein. Denn oft ist nicht das ganze Land verwüstet. Unter Umständen nimmt in einer anderen Region des Landes das Leben seinen gewohnten Lauf. Umso wichtiger ist es, dass die lokale Wirtschaft dort gestärkt wird. Früher, als es üblich war, dass internationale Hilfsorganisationen nach Grosskatastrophen Hilfsgüter von weit her einflogen, hatte das manchmal negative Auswirkungen auf die lokalen Bauernfamilien und andere Gewerbezweige. «Heute ist man klüger. Nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus wirtschaftlichen Überlegungen», erklärt Thomas Büeler. Die Devise «lokal vor global» gilt für die Katastrophenhilfe SRK schon seit jeher. Aber erst seit wenigen Jahren können vermehrt lokale Märkte bevorzugt werden, weil sie stabil genug sind, um die Versorgung zu gewährleisten.

Der Preiskampf

Thomas Büeler beschreibt die übliche Vorgehensweise: «Vor Ort stellen wir fest, was die Menschen in den ersten Tagen am dringendsten brauchen. Trinkwasser? Lebensmittel? Baumaterial? Hygieneartikel? Und dann klären wir, welche dieser Produkte auf den lokalen Märkten vorhanden sind.» Dabei sei natürlich darauf zu achten, dass Qualität, erhältliche Mengen und Preis stimmen. Gerade letzteres sei oft eine Herausforderung. «Innert kürzester Zeit schnellt nach einer Katastrophe die Nachfrage nach den dringendsten Gütern in die Höhe. Und manch skrupelloser Geschäftsmann nutzt dies aus», weiss Thomas Büeler aus Erfahrung. Langwierige Verhandlungen seien die Folge. Weil das SRK möglichst vielen Menschen helfen will, ist es sein Auftrag, einen fairen Preis zu erzielen.

Um solchen Situationen vorzubeugen, wäre es sinnvoll, dass sich Länder bereits vor einer möglichen Katastrophe auf den Ernstfall vorbereiten. Im Fachjargon nennt sich das Contingency Planning - die «Planung des Eventualfalls». Eine vorsorgliche Massnahme sind beispielsweise Verträge mit Lieferanten, die garantieren, im Ernstfall die Hilfsgüter zu vereinbarten Konditionen zu liefern.

Den Ernstfall planen

Das SRK nimmt international eine Vorreiterrolle ein, um Contingency Planning zu fördern. . Es unterstützt mehrere nationale Rotkreuz-Organisationen beim Aufbau der notwendigen Strukturen. Soeben ist Thomas Büeler aus Ägypten zurückgehrt, wo er ein Ausbildungstraining geleitet hat. In Ägypten sind es nicht nur Naturkatastrophen, die Fachleute vom Roten Halbmond als wahrscheinliche Szenarien definieren, sondern soziale Unruhen, eine Pandemie oder eine grosse Zahl gestrandeter Flüchtlinge im Land, was bereits eine Realität ist. «Wir konnten in den letzten Jahren dank den Workshops die Kapazitäten des Ägyptischen Roten Halbmonds stärken. Sollte es heute zu einer Katastrophe kommen, können meine ägyptischen Kollegen die Versorgung von über 10‘000 Familien ohne ausländische Hilfe bewältigen,» bestätigt Thomas Büeler und verweist auf eine weitere Form von Nothilfe, die unter gewissen Umständen zweckmässiger ist als ein Hilfspaket: Bargeld als unbürokratische Soforthilfe. «Wenn die lokalen Märkte funktionieren, können hilfsbedürftige Menschen selbst kaufen, was sie am dringendsten brauchen. Damit wird ihren individuellen Bedürfnissen Rechnung getragen. Und gleichzeitig auch wieder die lokale Wirtschaft gestärkt. Glauben Sie mir – wer in Not ist, gibt keinen Rappen unvernünftig zu viel aus.»