Katastrophenvorsorge und Gesundheit

Schutz für die Ärmsten - eine Reportage aus Haiti

Fliessendes Wasser per Fusstritt für hygienisches Händewaschen: Rosius Fleuranvil (im Bild oben) ist dankbar für die einfache, aber praktische Einrichtung mit dem Kanister, die neue Latrine und das erdbebensichere Zuhause. Sein Leben hat sich deutlich verbessert. Deshalb ist Rosius Fleuranvil ein Fan vom Roten Kreuz. Wie die meisten seiner Landsleute verbringt der alte Mann ein Leben in Armut.

KURZ BEFRAGT

Fabienne Weibel
Die 32-jährige Politologin ist seit einem Jahr SRK-Programmverantwortliche für Haiti. Als Delegierte eines Hilfswerks arbeitete sie zuvor zwei Jahre vor Ort.

Warum ist fünf Jahre nach dem Erdbeben noch Hilfe nötig?
Haiti ist nach wie vor das ärmste Land der nördlichen Hemisphäre. Die Lebensbedingungen der allermeisten Menschen sind prekär und das Umfeld fragil. Durch unsere Projekte helfen wir nicht nur einzelnen Menschen oder Familien, sondern bringen soziale Prozesse ganzer Gemeinden ins Rollen, welche den Menschen eine Perspektive für die Zukunft geben und ihre Situation auf lange Frist verbessern.

Ist ein langfristiges Engagement nachhaltiger?
Ja, denn diese gesellschaftlichen Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen. Des Weiteren gibt es viele Organisationen, die fünf Jahre nach dem Erdbeben ihre Projekte beenden und das Land verlassen. Es braucht jetzt Akteure, die das Vertrauen der Bevölkerung durch die gemeinsame Arbeit gewonnen haben und gewillt sind, sich auf lange Sicht in der Zusammenarbeit mit Haiti zu engagieren.

In welchen Bereichen sieht man die grössten Fortschritte?
Verbesserungen sind in allen Bereichen sichtbar, nur geht es nicht überall im gleichen Tempo voran. Sehr grosse Fortschritte haben wir in der Katastrophenprävention erzielt. Im Gesundheitsbereich gibt es sicher noch viel zu tun. Das SRK engagiert sich seit vier Jahren erfolgreich in der Stärkung vom Blutspendedienst und für den Zugang zu sauberem Wasser der ländlichen Bevölkerung. Obwohl die Resultate sichtbar sind, braucht es Zeit, bis diese sich in der Bevölkerung verankern und von Generation zu Generation weitergegeben werden, zum Beispiel das Händewaschen.

Ein Lächeln erhellt das Gesicht eines Mannes der am Strassenrand steht, als er das Fahrzeug mit dem Rotkreuz-Logo erblickt. «Un grand merci à la Croix Rouge», ruft er und streckt dabei den Daumen nach oben. Es ist Montagmorgen der 12. Januar 2015 im Stadtzentrum von Léôgane, Haiti. Heute vor genau fünf Jahren bebte hier die Erde so sehr, dass über 230 000 Menschen im Umkreis von 50 Kilometern unter Gebäudetrümmern ihr Leben verloren und mehr als 300 000 verletzt wurden. Innert 37 Sekunden wurden bis zu zwei Millionen Menschen obdachlos. Als ob die Katastrophe nicht schon Leid genug gebracht hätte, brach einige Wochen später Cholera aus. Traurige Bilanz: 600 000 Erkrankte und 8100 Todesopfer.

Wer Haiti das erste Mal besucht, wird von den Eindrücken überrumpelt.

Was der Mann, der dem Roten Kreuz so spontan Anerkennung zeigt, nicht weiss: Im Fahrzeuginnern sitzt Annemarie Huber-Hotz, die Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes. Zum fünften Jahrestag der Katastrophe ist sie nach Haiti gereist, um sich selber ein Bild davon zu machen, wie die Hilfsprogramme des SRK in Haiti ankommen und in welchen Bereichen jetzt Handlungsbedarf besteht. Drei SRK-Delegierte und rund 40 lokale Mitarbeitende engagieren sich zurzeit in den Bereichen Gesundheit und Hygiene, Katastrophenvorsorge und Blutversorgung. Bevor sie sich mit der Arbeit des SRK in Haiti auseinandersetzen kann, ist sie allerdings mit den Eindrücken konfrontiert, die jeden Besucher der karibischen Insel erst einmal überrumpeln.

Offensichtliche Armut

In Haiti leben acht von zehn Menschen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag, fünf von ihnen sogar mit weniger als einem Dollar. Diese Tatsache wird vor allem in der Hauptstadt Port-au-Prince offensichtlich. Hier kleben die einfachen Hütten der Bewohner wie Schwalbennester dicht an dicht in den steilen Hängen. Dazwischen sind zahlreiche Erdbebenruinen und Steinhaufen stehen geblieben, die niemand wegräumen mag. Vor dieser Kulisse pulsiert das Leben in den viel zu engen, viel zu schmutzigen Strassen mit viel zu viel Verkehr. Die Luft ist stickig. Die Abfallberge türmen sich an jeder Ecke. Kinder und Hunde spielen in der Kloake, direkt daneben bieten Marktfrauen Esswaren feil. Die Abflusskanäle, durch die in der Regenzeit das Wasser ablaufen sollte, sind bis zum Rand mit Kehricht gefüllt – die nächste Überflutung ist vorprogrammiert. «Ich bin erschüttert über so viel Armut, Schmutz und schlechte Organisation», sagt Annemarie Huber-Hotz. Und: «Ich habe auf der Welt schon vieles gesehen, aber die Zustände hier übertreffen alles.»

Kein Zweifel – Unterstützung ist hier bitter nötig.

Das Bild, das Haiti den Besuchenden bietet lässt keinen Zweifel offen: Unterstützung ist bitter nötig. Auch in der Kleinstadt Léogâne, etwa 30 Kilometer südwestlich der Hauptstadt, prägt die Armut den Alltag. In dieser Region, dem Epizentrum des Erdbebens vor fünf Jahren, hat das SRK nach dem Erdbeben Häuser und Latrinen für 3000 Menschen errichtet. So zum Beispiel für den alleinstehenden Rosius Fleuranvil, der sich in seinem neuen Haus hoch oben in den Hügeln bei Léogâne gemütlich eingerichtet hat. «Ich fühle mich wohl und sicher hier und brauche mich dank der guten Bauweise weder vor Erdbeben noch vor Zyklonen zu fürchten», sagt der 89-Jährige. Das SRK hat auch dafür gesorgt, dass er einen Wassertank und eine Latrine direkt neben dem Haus hat, um seine Gesundheitssituation zu verbessern. Mitarbeitende des Roten Kreuzes haben mit einer Plastikflasche, etwas Schnur und einem Gestell aus Holz eine einfache Vorrichtung zum Händewaschen installiert. Wie wichtig eine gute Hygiene für die Gesundheit ist, lernen Rosius Fleuranvil und die anderen Bewohner dieser Region in Kampagnen, die das SRK vor Ort regelmässig durchführt und unterstützt.

Schwerstarbeit für den Katastrophenschutz

Etwas unterhalb des Dorfes ist eine Gruppe von Freiwilligen, ein so genanntes Dorfkomitee, in der Mittagshitze mit schwerer Strassenbauarbeit beschäftigt. Ein schmaler Pfad soll hier zu einer breiteren Strasse ausgebaut werden, um die Bewohner im Falle eines Zyklons rasch und sicher evakuieren zu können. Frauen wie Männer schaufeln, pickeln und beseitigen mit den blossen Händen grosse Steine. Der Schweiss strömt in Bächen. Annemarie Huber-Hotz zögert bei der Besichtigung dieses SRK-Katastrophenvorsorgeprojekts nicht lange und packt selber mit an. «Der Wille und das Engagement dieser Menschen, ihre Situation zu verbessern, beeindrucken mich sehr», sagt sie.

Die Mittagshitze drückt. Weit und breit steht kaum ein Baum, der Schatten spenden könnte. Die Abholzung ist ein weiteres Problem von Haiti: Innerhalb der letzten 50 Jahre ist der Anteil an Regenwald auf der Insel von 60 auf weniger als fünf Prozent gesunken. Die Folge: In der Regenzeit sind Erdrutsche an der Tagesordnung. Die Stabilisierung der Hänge durch Aufforstung ist daher ein weiterer wichtiger Teil der Katastrophenvorsorge. SRK-Projektleiter Harald Bier hat ein gesamtheitliches Programm entwickelt, das die Bodenerosion nachhaltig aufhalten wird. Dazu gehören unter anderem die Stabilisierung des Bodens durch den Anbau einer Pflanze mit dichten Wurzeln, die Anreicherung des Bodens mit Nährstoffen oder die Verbauung bereits entstandener Erosionsrinnen.

Von all diesen Verbesserungen profitieren die Familien im hügeligen Hinterland von Léogâne, wie beispielsweise die Familie des fünfjährigen Alens. Zwar muss er als ältester von vier Brüdern neben der Schule seiner Mutter Velouse Filbert im Haushalt helfen, kann aber in der Freizeit unbeschwert Fussball spielen. Weil er gesund ist und keine Angst haben muss. Er packt den zerschlissenen Ball, rennt damit auf die einzige, kleine, ebene Fläche vor dem Haus, winkt den Besuchern mit einem breiten Lachen zu und wendet sich mit einem «Daumen hoch» dem Spiel zu.

APROPOS

Fokus auf Nachhaltigkeit

Seit dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 ist das SRK in Haiti tätig. Am Anfang standen die Nothilfe und der Wiederaufbau im Vordergrund, jetzt liegt der Fokus auf der langfristigen Verbesserung der Lebenssituation in der Region von Léogâne. Dazu gehören neben der Katastrophenprävention die Verbesserung der Wasserversorgung und der Hygiene.

Das SRK unterstützt die Bevölkerung beim Schutz von Quellen, bei der Installation von Zisternen zum Sammeln des Regenwassers und beim Bau von Brunnen und Wasserpumpen. Dabei steht die Aufklärung im Vordergrund über die Zusammenhänge zwischen Hygiene und Gesundheit, wie beispielsweise bei der Prävention von Cholera. Die effektive Umsetzung der baulichen Vorhaben liegt in der Verantwortung der Dorfgemeinschaften, welche dabei von Fachleuten des Roten Kreuzes begleitet werden. Vor dem Erdbeben gab es in dieser gebirgigen Region kaum sanitäre Anlagen. Durch die Unterstützung des SRK haben mittlerweile viele Häuser Latrinen. Das SRK engagiert sich auch mit Unterstützung der Glückskette in Haiti. Für jeden weiteren Beitrag sind die Menschen in Haiti dankbar.