Nepal

Ein Brunnen allein hilft noch nicht

Etwa ein Viertel der Bevölkerung Nepals lebt unter der Armutsgrenze. In vielen Regionen ist sauberes Trinkwasser knapp. Zusammen mit der Bevölkerung baut das SRK Wasserleitungen und Brunnen. Sie sind noch sichtbar wenn das SRK seine Arbeit abgeschlossen hat – aber längst nicht die einzige Veränderung.

Gelächter schallt über den Pausenplatz, irgendwo schreit ein Kleinkind aus vollem Hals. Im Innenhof der muslimischen Schule nahe des Zentrums der Stadt Nepalgunj klingt es wie auf jedem anderen Pausenplatz der Welt. Auch aus einem der Klassenzimmer schallt Lärm, es klingt danach, als ob hier Vokabeln gebüffelt werden. Hier im Westen Nepals, nur einen Katzensprung von der indischen Grenze entfernt, wird auch Urdu gelehrt - eine der offiziellen Sprachen im angrenzenden indischen Staat Uttar Pradesh.

Doch wie jeder andere Pausenplatz in Nepalgunj ist dieser hier doch nicht. Quer über den Platz zieht sich ein Graben mit Wasserhahnen. Rechts und links davon dienen Betonklötze als Sitzgelegenheiten. Es ist der sichtbare Teil eines Wasserprojekts, welches das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) realisiert hat. Zusammen mit der Bevölkerung wurden  Wasserleitungen und Wasserstellen gebaut bei Familien zuhause und an 27 weiteren Schulen. Gleichzeitig wurden die Menschen darüber informiert, wie wichtig Hygiene für die Gesundheit ist. Im Sommer 2017 hat das SRK sein Engagement in dieser Region beendet. Wasserstellen wie diese hier bleiben sichtbare Zeichen.

Die Wasserstellen wurden bei Familien zu Hause und an 27 weiteren Schulen gebaut.

Gerade sitzt ein Mädchen vor dem Brunnen und wäscht sich die Hände. Zoya sei ihr Name, sagt sie auf Nachfrage, und lächelt schüchtern. Erinnert sie sich an den Bau des Brunnens? Zoya schüttelt den Kopf. Der Brunnen steht seit zwei Jahren. Sie war damals noch nicht an dieser Schule. Was weiss sie denn darüber? Sie lacht laut auf und mimt die Handlung, die sie gerade beendet hat: Hände waschen. Wie wichtig Händewaschen ist, sei ihr aber nur indirekt über die Schule vermittelt worden, erklärt sie später. «Das waren Leute vom Jugendrotkreuz, mit denen ich zur Schule gehe.» Die Helferinnen und Helfer vermitteln, was auch an grossen Plakaten an den Wänden der Schule erklärt wird: Wie wichtig simple Hygiene wie Händewaschen ist, weshalb Abfall zentral entsorgt werden muss, und wie Wasser mittels Abkochen trinkbar gemacht werden kann.

Eltern lernen dank den Kindern

Wenn das SRK mit Schulen zusammenarbeitet, sei das Jugendrotkreuz unverzichtbar, erklärt Anju Gautam. Damit kennt sich die 28-Jährige aus: Sie arbeitet beim Nepalesischen Roten Kreuz als sogenannte Senior Health Advisor. In ihrer täglichen Arbeit ist sie zuständig für Gesundheits- und Wasserprojekte wie jenes in Nepalgunj. «Die Jugendgruppen sind einerseits wichtig, weil sie innerhalb der Schulen Wissen weitergeben, nachdem das Rote Kreuz schon längst weg ist», sagt Anju Gautam. «Andererseits sind die Kinder Vorbilder für die Hygiene innerhalb der Familie – und damit ihrer Gemeinschaft.» So haben nun auch Menschen ihr Hygieneverhalten geändert, die nie einen Fuss in die Schule gesetzt haben.

Vom Wasserprojekt des SRK sind nicht nur Brunnen und engagierte Jugendliche geblieben. Die Schule mit 126 Schülerinnen und Schülern hat nun eine zweite Toilette. Das klingt wie eine kleine Errungenschaft. Sie macht jedoch für die Mädchen einen gewaltigen Unterschied. «Wenn ein Mädchen seine Menstruation hatte, wäre sie früher zu Hause geblieben», erklärt Anju Gautam. Dank geschlechtergetrennten Toiletten werden die älteren Mädchen nun bei der Bildung nicht mehr benachteiligt.

Besser Prävention als Symptombekämpfung

Anju Gautam arbeitet erst seit etwas über einem Jahr beim Nepalesischen Roten Kreuz, dem Hauptpartner des SRK in Nepal. Sie ist diplomierte Krankenpflegerin und hat einige Jahre in einem grossen Spital in Kathmandu gearbeitet. Doch dort quälte sie das Gefühl, immer zu spät zu sein. «Es hat mich frustriert, dass viele Menschen, die ich gepflegt habe, an vermeidbaren Krankheiten litten.» Bis die Menschen in abgelegenen Regionen Nepals medizinische Versorgung erreichen, verschlimmern sich kleine gesundheitliche Beschwerden oft zu bedrohlichen Krankheiten. Das habe sie motiviert, sich anders zu engagieren, erklärt Anju Gautam.

«Es hat mich frustriert, dass viele Menschen, die ich gepflegt habe, an vermeidbaren Krankheiten litten.»

Es wartet viel Arbeit auf die junge Frau. Denn gemeinsam mit dem Nepalesischen Roten Kreuz plant das SRK, das Wasserprojekt auf vier weitere Distrikte auszuweiten. Wasserstellen bauen wird Anju Gautam nicht, aber mit vielen Freiwilligen dafür sorgen, dass sie auch nach Jahren noch benutzt werden und sauber bleiben. Sie wird mit Jugendgruppen an den Schulen tätig sein und zudem mit Frauengruppen, welche Familien zu Hause besuchen. Denn wie Anju Gautam sagt: «Freiwillige sind die wichtigste Ressource, die wir haben. Ohne sie bauen wir neue Wasserstellen vergebens.»