Winterhilfe in Moldawien

Unterwegs mit dem Suppen-Kurier von Cineseuti

Im Winter ist die Not oft am grössten. Das SRK betreibt deshalb in verschiedenen Ländern Winterhilfe für Menschen in prekären Verhältnissen, die von der Kälte besonders betroffen sind. So auch in Moldawien, wo die Temperaturen Anfang 2018 unter minus 15 Grad fallen. Das SRK hilft den Bedürftigsten während der kalten Jahreszeit mit Suppenküchen, die mit Online-Spenden von 2 x Weihnachten finanziert werden.

Das Schulhaus im 2600-Seelendorf Cineseuti ist eines der wenigen Gebäude, das über Strom- und Wasseranschluss verfügt. Die Gemeinde liegt im Norden Moldawiens, wo vorwiegend Landwirtschaft betrieben wird. In der Schulkantine ist auch vom SRK unterstützte Suppenküche untergebracht, die die Gemeinde mit einer lokalen Organisation betreibt. Zwei Köchinnen haben am Vormittag das Essen vorbereitet, nun wartet man auf den Kutscher, der mit seinem Pferd und Schlitten täglich Mahlzeiten ausfährt. Heute geht es erst mit Verzögerung los, denn Ivan Gorbatenkii wurde aufgehalten: «Ich musste noch ein Auto aus dem Schnee ziehen, aber jetzt sind wir startklar.»

Die erste auf Gorbatenkiis Tour ist Vera Banaga, eine 90-jährige Witwe, deren Haus auf einem Hügel am Rande des Dorfs liegt. Zu erreichen ist es nur über einen Trampelpfad durch den kniehohen Schnee. «Vera ist immer an vorderster Front,» lacht Gorbatenkii, «in jungen Jahren als Vorarbeiterin in der Landwirtschaftskolchose, jetzt als erste auf der täglichen Suppen-Tour.» Die 90-jährige hat keine Angehörigen: Sie ist seit 38 Jahren verwitwet und kinderlos, der einzige Bruder lebt nicht mehr. Dreissig alleinstehende und gebrechliche Menschen wie Vera Banaga beliefert die Suppenküche von Cineseuti von Januar bis April.

Schwierige Strassenverhältnisse

In der Gemeindeverwaltung bereitet die Wetterlage Kopfzerbrechen: «Die Warenlieferung fiel während zwei Tagen aus und am Vortag war Ivan wegen schlechten Strassenverhältnissen bis am Abend unterwegs,» berichtet Bürgermeisterin Mariana Corcevoi. Zum Glück kennt Ivan Gorbatenkii das 27 Kilometer lange Strassennetz der weitläufigen Gemeinde wie seine Hosentasche. Wenn die Schneeschmelze einsetzt, muss er Umwege in Kauf nehmen – im Frühjahr wird er die Mahlzeiten dann mit der Kutsche ausfahren.

Mit den Mahlzeiten der Suppenküche ist Vera Banaga sehr zufrieden: «Die reichen gut bis zum nächsten Tag!» Der Menüplan wurde von einer Ernährungsspezialistin erarbeitet und beinhaltet alles Notwendige: eine reichhaltige Suppe, Grütze mit Fleisch oder Fisch, Salat und Brot. Essen hat einen hohen Stellenwert in Moldawien und Vera Banaga vermisst das Kochen: «Meine Hände zittern so stark, dass ich nicht einmal mehr Kartoffeln schälen kann.» Mit Wehmut erinnert sie sich an früher, als sie mit ihrem Mann jedes Wochenende grosse Einladungen gab und Tanzfeste besuchte.

Die 90-Jährige ist geistig fit und blüht sichtlich auf, wenn Besuch kommt, denn sie ist ans Haus gebunden. Sie ist mehrmals gestürzt und musste wegen einer Schenkelfraktur ins Spital. «Seit eineinhalb Jahren war ich nicht mehr draussen.» Im Winter ist der Radius der Betagten besonders klein; sie hält sich nur noch im Vorraum auf, wo die Feuerstelle, ein Kessel mit Wasser, Tisch und Bett auf wenigen Quadratmetern beieinanderliegen. Das Schlafzimmer und die Stube sind unbeheizt und eisig kalt. Das Holz lagert Banaga beim Hauseingang und ist dankbar, dass Gorbatenkii noch rasch ein Bündel ins Haus trägt, bevor er weiterfährt. «Gerne hätte ich wieder einen Hund oder eine Katze für etwas Abwechslung, aber ob ich mir das Futter leisten kann?», sinniert Vera Banaga. Besuche eines Neffen und die tägliche Essenslieferung sind kleine Lichtblicke im Tagesablauf, ansonsten verkürzt sie sich die Zeit mit der Lektüre der lokalen Zeitung und religiöser Literatur.

Ein Netzwerk für ältere Menschen

Moldawien leidet unter Abwanderung und nahezu alle Familien haben Angehörige im Ausland. Rund ein Viertel der 3,5 Millionen Moldawier/innen ist emigriert und unterstützt die Zurückgebliebenen. Wem dieses Netzwerk fehlt, der ist besonders auf Hilfe angewiesen. Alleinstehende wie Vera Banaga mit kleiner Rente und hohen Gesundheitsausgaben kommen nur mit Unterstützung über die Runden. Suppenküchen, die das SRK mit Spendengeldern von 2 x Weihnachten unterstützt, sorgen für geregelte und gesunde Ernährung. Weitere Programme des SRK verbessern die Lebensbedingungen von älteren und kranken Menschen. So zum Beispiel die Aktion «Casa Curata», die das Notwendige mit der sprichwörtlichen moldawischen Gastfreundschaft verbindet: Am Putz- und Besuchstag besucht eine Gruppe Freiwilliger Bedürftige in ihrem Haus, räumt auf und bewirtet die Gäste, die die Betagten einladen.

In Moldawien erhalten diesen Winter zehn Gemeinden wie Ciniseuti Unterstützung für Suppenküchen. Winterhilfe bietet das SRK auch in weiteren Ländern: In Armenien werden ältere Menschen mit warmen Mahlzeiten und Essenspaketen versorgt, in Bosnien und Herzegowina besonders Bedürftige mit finanziellen Beiträgen unterstützt. In Kirgistan erhalten eintausend Familien Nahrungsmittelpakete und Gutscheine, im Libanon 950 Familien Heizöl-Gutscheine und Bargeld.