Basisgesundheit in Ecuador

Stimme für Benachteiligte

Von Aufklärung bis Zahnmedizin: Ein mobiles medizinisches Team besucht entlegene indigene Gemeinden im Amazonasgebiet, die jahrzehntelang kaum Zugang zu medizinischer Versorgung und Hilfe hatten.

Das unangenehme Geräusch eines Zahnarztbohrers ertönt im Regenwald. Es mischt sich mit lautem Stimmengewirr, Kinderlachen und dem Geräusch des Generators. Die dreijährige Andribell schaut zu, wie bei ihrer Freundin, die auf dem Zahnarztstuhl sitzt, ein Loch geflickt wird. Das aufgeweckte Mädchen ist die nächste Patientin, welche die Zahnärztin im Dorf Aguas Blancas behandeln wird. «Ich hab keine Angst», sagt die Kleine stolz, «ich putze jeden Tag meine Zähne.» Und zwar so, wie sie es gelernt hat. Heute ist denn auch nichts zu flicken, bestätigt Zahnärztin Mariana Lorena Morales Rincón. Nur Dentalhygiene steht auf dem Plan. Die Prävention, die durch das SRK unterstützt wird, zahlt sich aus. Die Mundhygiene ist besser als früher. Die Zahnärztin ist Teil der mobilen Gesundheitsbrigade. Diese besteht aus vier medizinischen Fachpersonen, die regelmässig Dörfer in den abgelegenen und benachteiligten Regionen des Kantons Putumayo im Grenzgebiet zu Kolumbien besuchen. Oft befinden sich diese mitten im Regenwald und sind nur zu Wasser oder über Saumpfade erreichbar.

Bis zu fünf Stunden Anreise

Im Bezirk Putumayo, im äussersten Nordosten des Landes, leben indigene Kichwa. Die Armut ist hier um ein Vielfaches höher als in anderen Teilen Ecuadors. Die ganze Infrastruktur ist äusserst mangelhaft. Es gibt keinen Strom und keinen Wasseranschluss. Die mobilen medizinischen Teams sind hier die einzige medizinische Grundversorgung für die Menschen.

Die mobilen medizinischen Teams sind hier die einzige medizinische Grundversorgung für die Menschen.

Die Teams unternehmen beschwerliche Reisen in die oft weit voneinander verstreut liegenden Gemeinden. «Es ist unglaublich, wie abgelegen diese Dörfer sind», sagt Linda Fäh, Botschafterin des SRK und zu Besuch in Aguas Blancas. «Mich beeindruckt, was das Gesundheitsteam auf sich nimmt, um Menschen medizinisch versorgen zu können - bei brütender Hitze wie heute oder auch bei heftigem Regen.» Bis zu fünf Stunden dauert die Fahrt im einfachen Motorboot nach Puerto El Carmen, der nächstgrössere Ort mit einem Gesundheitszentrum. Von den mobilen Gesundheitsbrigaden hängt deshalb die ganze Basisversorgung ab. Sie bieten eine breite Palette an medizinischen und zahnärztlichen Leistungen an. Begleitet wird das Team des Gesundheitsministeriums von ausgebildeten Gesundheitspromotorinnen und -promotoren sowie Hebammen, die durch das SRK und dessen ecuadorianische Partnerin RIOS (Red Internacional de Organizaciones de Salud) geschult werden.

Mehr als medizinische Versorgung

Die mobilen Teams nutzen die Gelegenheit, noch vor der Sprechstunde die interessierte Dorfbevölkerung in Spanisch und Kichwa zu begrüssen. Die indigene Sprache wird von rund 80 Prozent der Bevölkerung im Amazonas gesprochen. Die Fachleute sensibilisieren die Bevölkerung, um die Verbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten und Teenager-Schwangerschaften zu reduzieren. An diesem feuchtheissen Morgen in Aguas Blancas sprechen sie über die Wichtigkeit des richtigen Zähneputzens und über die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung. Was ist Mangelernährung und wie kommt es dazu? Welche Konsequenzen kann das haben und wie erkennt man sie? Diese Themen sind wichtig, da Mangelernährung bei Kindern in diesen abgelegenen Dörfern immer wieder vorkommt. Nicht zuletzt, weil die Menschen sich hier hauptsächlich von Fisch ernähren und dem Wenigen, das sie anbauen können. Das bestätigt auch Pflegefachmann Luis Armando Cortez Cabezas. Der fast zwei Meter grosse Hüne misst und wägt die Kinder, kontrolliert deren Körpertemperatur, den Blutdruck und ihren Entwicklungsstand. «Wir erklären den Eltern, warum es wichtig ist, zur Kontrolle zu kommen», sagt der von der Pazifikküste stammende Pflegefachmann. «Dafür besuchen wir drei- bis viermal pro Jahr die Dörfer hier im Kanton Putumayo. Wir impfen die Kinder, behandeln Kranke und untersuchen schwangere Frauen. Zudem beraten wir die Dorfbewohner bei der Familienplanung und leisten Gewaltprävention.» Die medizinischen Fachpersonen werden dabei durch Gesundheitspromotorinnen und –promotoren unterstützt, die vom SRK und dessen Partner RIOS ausgebildet werden und sich im kulturellen Kontext und der Sprache der indigenen Kichwas bestens auskennen.

Eine absolute Notwenigkeit

Die Zahnkontrolle bei Andribell ist fertig. Mit ihrer Mutter Diana Elvira Mamallacta und dem erst einjährigen Schwesterchen Yaritca wartet das Mädchen nun auf die Untersuchung bei Dr. Geovanny Manuel Gutierrez Brito. Das Wartezimmer, das eigentlich mehr einer Halle entspricht, ist voll. Das medizinische Team hat für die heutige Sprechstunde seine mobile Praxis im Gemeinderaum von Aguas Blancas eingerichtet. Über 50 Menschen warten auf eine Behandlung. Auch aus den Nachbardörfern sind sie mit den Booten angereist und selbst vom gegenüberliegenden Ufer, das bereits kolumbianisches Terrain ist. Die mobilen Gesundheitsdienste sind von grösster Bedeutung für die Bevölkerung. Das nimmt auch Linda Fäh so wahr: «Rundherum höre ich, wie wichtig dieses Angebot für die Familien ist und wie dankbar sie dafür sind.» Die Menschen kommen nicht nur, weil die Dienstleistung der Gesundheitsbrigade kostenlos und niederschwellig ist. Sondern auch, weil schlichtweg ihre Gesundheit davon abhängt, weil es keine Alternative gibt. Die 28-jährige Diana Mamallacta schildert die Situation der indigenen Familien: «Der Weg zur nächsten Gesundheitsstation ist sehr weit und teuer, das Benzin ist rar.» Die Kichwas leben von dem, was sie selber fangen und von ein wenig Handel. Diana Mamallacta sammelt Holz und verkauft es in der Stadt. «Nur auf diese Weise kommen wir an Bargeld. Arbeit hier draussen im Amazonasgebiet gibt es kaum.» Dann erzählt sie von ihrer Jüngsten, als sie eine starke Entzündung hatte. Den Hals und Mund voller Blasen und Wunden. «Es ging ihr sehr schlecht, sie konnte kaum schlucken und hatte hohes Fieber. Ich wusste nicht, was machen. Zum Glück kam die Gesundheitsbrigade genau in dieser Zeit in unser Dorf. Sie untersuchten meine Kleine und konnten uns helfen», erzählt die zweifache Mutter strahlend.